Der 31. Dezember 1899. Der Jahrhundertwechsel in der Rheinprovinz

Trotz der intensiven Diskussionen über den korrekten Zeitpunkt des Jahrhunderwechsels übertraf die Festtagsstimmung im Dezember 1899 in der Rheinprovinz viele Erwartungen. Während die von Kaiser Wilhelm II. angeordneten offiziellen Feiern einen eher nüchternen Charakter hatten, fanden sich in den Wirtshäusern und Sälen, aber vor allem auf den Straßen und Plätzen ganze Menschenmassen zusammen, um gemeinsam das 20. Jahrhundert ausgelassen zu begrüßen. Aber so überschwenglich wie diese Feierlichkeiten gewesen waren, so schnell kehrte auch der Alltag in die Städte und Gemeinden der Rheinprovinz zurück.  

Der Abschied von einem alten, vertrauten und der Übergang in ein neues Jahrhundert war auch vor hundert Jahren ein ganz besonderer Anlass für Feierlichkeiten im offiziellen und privaten Rahmen. Allerdings standen in den letzten Dezembertagen des Jahres 1899 nicht der Rückblick auf das sich verabschiedende Jahrhundert und die Zukunftshoffnungen im Mittelpunkt der Berichterstattung der Zeitungen in der Rheinprovinz. Wie im Jahr 1999 wurde auch im Dezember 1899 heftig über die Frage diskutiert, ob tatsächlich mit dem Übergang in das Jahr 1900 ein ganz besonderes Silvester gefeiert werden dürfte. Die Leserschaft der Zeitungen beteiligte sich mit zahlreichen Leserbriefen sehr intensiv an dieser Auseinandersetzung.

Das "Kreis-Blatt für den Unterwesterwaldkreis" begann einen längeren Leitartikel mit der Klage: "Es streiten sich die Leut herum - und zwar immer noch über die schon tausendmal erörterte Frage `Wann beginnt das neue Jahrhundert?`" Auch die "Hunsrücker Zeitung" widmete sich in der letzten Ausgabe des Jahres 1899 ausführlich diesem "mathematischen Problem" und kam zu einem versöhnlichen Ergebnis: "Bedeutsames Neujahr! Zwar fängt das neue Jahrhundert trotz aller Rechenkunst erst übers Jahr an, denn erst dann sind 19 Jahrhunderte nach der Geburt des Heilandes erfüllt, und so wird man die kühlen Köpfe nicht schelten dürfen, die dem Schein widerstreben und dem neuen Jahrhundert, anstatt ihm das übliche "Jubiläum" zu rüsten, vorläufig den Eintritt in diese Welt verwehren. Aber dennoch sammelt sich die Christenheit mit besonders bewegtem Herzen zur Feier. Ist doch der alte Jahrhundertname verklungen, und die hundert langen Jahre mit der Zahl 18 sind dahin und kehren nicht wieder, und der neue Name 1900 weist prophetisch auf die Nähe des nach Jahresfrist anbrechenden neuen Jahrhunderts hin." Auch das "Kreis-Blatt für den Unterwesterwaldkreis" schloss sich dieser Einschätzung an und machte ihrer Leserschaft einen praktischen Vorschlag: "Aber, verehrte Leser, alle Welt freut sich nun schon auf den so nahe bevorstehenden Jahrhundert-Anfang, und man wird wohl am besten thun, sich am kommenden Sylvester einen extraguten "Jahrhundert-Punsch" zu brauen, um auf ein "glückliches neues Jahrhundert" anzustoßen."

Tatsächlich wurde in den meisten Schulen die traditionelle Weihnachtsfeier vor den Ferien mit einem historischen Rückblick auf das Jahrhundert verbunden. Zahlreiche Bürgermeister riefen zu einer kurzen Gedenkfeier auf, die in erster Linie von den Vereinen der jeweiligen Gemeinde gestaltet wurden.

Diese offiziellen Feierstunden wurden aber von der allgemeinen Festtagsstimmung der Bevölkerung weit übertroffen. In den Wirtshäusern, Sälen und vor allem auf den Straßen erwarteten große Menschenmassen gemeinsam das neue Jahrhundert. Das "Lahnsteiner Tageblatt" berichtete am 4. Januar 1900: "Schon am Sylvester-Nachmittag war es in den Wirthschaften recht lebhaft und am Abend traf man das Sylvestertreiben wie man es erwartet hatte. ... Gegen 12 Uhr hatten sich wohl mehr als 2.500 Menschen auf dem Platze und den angrenzenden Straßen eingefunden, um mit dem Glockenschlage 12 in ein alles überschallendes "Prosit Neujahr" einzustimmen. ...Nach diesem Akte zog die Musik unter heiteren Märschen durch die belebten Straßen, deren Häuser theils bengalisch beleuchtet waren. Vor und hinter der Musik folgte dann ein Neujahrszug, der bunter noch nicht zusammengestellt war. Klein und groß, dick und dünn, Er und Sie, wie sie sich in der Dunkelheit in den Arm hingen, hüpften singend hinterdrein."

Quellen

Literatur

  •  W. Först (Hg.): Das Rheinland in preußischer Zeit, Köln, Berlin 1965   
  • Th. Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866 - 1918, München 1991
    Bd.1. Arbeitswelt und Arbeitsgeist, 1991
    Bd.2. Machtstaat vor der Demokratie, 1992 
  • Preußen-Ploetz. Eine historische Bilanz in Daten und Deutungen, hg. von Manfred Schlenke, Freiburg, Würzburg 1983 
  • H. P. Ullmann: Politik im Deutschen Kaiserreich 1871 - 1918, München 1999
  • H. P. Ullmann: Das Deutsche Kaiserreich 1971 - 1918, Frankfurt 1995
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