Der 31. Oktober 1917. "Zum 400-jährigen Gedenktag der Reformation"

Der 4000-jährige Gedenktag der Reformation am 31. Oktober 1917 wurde auch in den überwiegend katholischen Gebieten des heutigen Bundeslandes Rheinland-Pfalz gefeiert, die sich seit 1815 unter der Herrschaft des protestantischen Preußens befanden. Vor dem Hintergrund der Auswirkungen und Einschränkungen durch den Ersten Weltkrieg wurde dieses Jubiläum allerdings mit einer sehr unterschiedlichen Intensität begangen. Während für den Hunsrück lediglich eine Schulfeier nachzuweisen ist, standen die umfangreichen Feierlichkeiten im Kreis Meisenheim und in der Stadt Koblenz im Mittelpunkt des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens und boten eine willkommene Ablenkung von den Kriegsnachrichten.  

"Wir feiern in diesem Jahre das vierhundertjährige Jubiläum der Reformation. Da ist es selbstverständlich, daß wir dankbar des Mannes gedenken, der die Tat der Reformation getan. Und kein anderer Tag ist zu dieser Gedächtnisfeier geeigneter, als der, an dem Luther vor 400 Jahren, d. h. am 31. Oktober 1517, seine 95 Thesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg anschlug. Denn diese Stunde war recht eigentlich die Geburtsstunde der Reformation. Aber auch kein Mann war geeigneter, dieses Werk zu unternehmen als Dr. Martin Luther, der Sohn eines Bergmannes, der Nachkomme von niederdeutschen Bauern, wohl der deutscheste Mann, den es je gegeben." Dieser Ausschnitt aus einem Artikel des "Allgemeinen Anzeigers für den Kreis Meisenheim" vom 31. Oktober 1917 zeigt die Bedeutung, die dem Reformationsjubiläum auch in der Rheinprovinz zugemessen wurde.

Vor dem Hintergrund der Kämpfe und der zunehmenden Beschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens der Menschen im vierten Jahr des Ersten Weltkrieges wurde in der Rheinprovinz das Jubiläum der Reformation gefeiert und entsprechend in den unterschiedlichen Tageszeitungen angekündigt und begleitet. Die Zeitungen berichteten von den Erfolgen an der italienischen Front und von der durch "Dunst und Nebel" eingeschränkten Kampftätigkeit in Flandern. Anzeigen warben für die Abgabe von Gold und Juwelen als Unterstützung des "Vaterlandes". Die Berichte und Nachrichten über Lebensmittelrationierungen und amtlich festgelegte Höchstpreise zur Verhinderung von Teuerung und Wucher nahmen in der Berichterstattung dieser Zeit ebenfalls einen breiten Raum ein. Für die evangelischen Teile der Bevölkerung boten die Feierlichkeiten aus Anlass des Jubiläums daher eine kurze Ablenkung von den umfassenden Auswirkungen des Krieges.

Die Ausgabe des "Allgemeinen Anzeigers" vom eigentlichen Tag des Jubiläums war zu großen Teilen dem Gedenken an Martin Luther und die Reformation gewidmet. Die Kriegsereignisse wurden auf die letzten Seiten verdrängt und traten zumindest an diesem Tag in der Hintergrund. Neben einem ausführlichen Rückblick auf 400 Jahre Reformation, der ergänzt von zahlreichen Abbildungen die Titelseite einnahm, finden sich auf den folgenden Seiten zahlreiche unterhaltende Artikel wie z. B. "Aussprüche Dr. Martin Luthers" oder Aus Martin Luthers Familienleben". Am 2. November wurde schließlich über die "Jubelfeier der evangelischen Gemeinde" berichtet. "Der Andrang war so groß, daß der festlich geschmückte Saal die Menge der Gäste kaum fassen konnte." Im Mittelpunkt des sehr umfangreichen und vielseitigen Programms hatte die Rede des Rektors der Lateinschule gestanden, der "in fesselnden Worten darlegte, wie Luther christlichen Geist und germanisches Wesen vereint und seinem Volke Gewissensfreiheit gebracht habe. Die Vielgestaltigkeit im Protestantismus ist ein Stück seines Wesens und seine Stärke. Luther stand nicht nur an der Spitze der nationalen Bewegung seiner Zeit, sondern er hat auch durch seine tiefe Auffassung von Religion und Sittlichkeit einen neuen Begriff vom Staate gebildet."

Quellen

  • LHAKo Bestand 713, Nr. 18. Hunsrücker Zeitung. Amtliches Kreisblatt für den Kreis Simmern, Oktober und November 1917    
  • LHAKo Bestand 713, Nr. 21. Coblenzer Zeitung. Mit dem Coblenzer Anzeiger verbunden, Oktober und November 1917
  • LHAKo Bestand 713, Nr. 23. Allgemeiner Anzeiger für den Kreis Meisenheim die angrenzenden Gebiete der Pfalz und des Kreises St. Wendel, Oktober und November 1917

Literatur

  • B. Duda: Die Organisation der evangelischen Kirchen des linken Rheinufers nach den Organischen Artikeln von 1802, Düsseldorf 1971    
  • J. Gruch: Evangelische Gemeinde Koblenz 1903 - 1966, Köln 1991
  • J. Hashagen: Der Rheinische Protestantismus und die Entwicklung der rheinischen Kultur, Essen 1924
  • J. Müller: Protestantismus in einer katholischen Stadt, in: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2. Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart, Stuttgart 1993, S. 282 - 301
  • H .A. Winkler: Der lange Weg nach Westen. Bd. 1. Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik, München 2001 

    Nach oben