Der 31. März 1827. Holzverkauf und Holzdiebstahl. Alltagskriminalität im 19. Jahrhundert

Am 31. März 1827 fand in Prüm eine Holzversteigerung statt. Diese Verkäufe, bei denen nur größere Posten Holz angeboten wurden, waren für die Landbevölkerung die einzige Möglichkeit, den dringend benötigten Rohstoff Holz legal zu erwerben. Die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte einen Kauf meist unmöglich, andererseits war das traditionelle Recht des Sammelns von Holz in Privat- und Gemeindeforsten durch die preußische Agrargesetzgebung unterbunden worden. Ein deutlicher Anstieg von Holzdiebstählen war die Folge, auf die die Regierung mit rechtlichen Maßnahmen reagierte, ohne die soziale Problematik zu berücksichtigen. Als Bestandteil der Ausstellung "Unrecht und Recht. Kriminalität und Gesellschaft im Wandel von 1500 bis 2000" wird diese Form der Alltagskriminalität im Gebiet der heutigen Bundesländer Rheinland-Pfalz und Saarland neben vielfältigen anderen Aspekten der Kriminalgeschichte ab 17. September 2002 in Trier vorgestellt und erläutert werden.  

Wie einer Ankündigung im Amtsblatt der Regierung Trier aus dem Jahre 1827 entnommen werden kann, fand am 31. März 1827 in Prüm bei dem Gastwirt Havelange eine Versteigerung von mehreren größeren Posten Holz statt. Diese Verkäufe und Versteigerungen, die in den einzelnen Regierungsbezirken der Rheinprovinz regelmäßig durchgeführt wurden, hatten ihre rechtliche Grundlage in dem "Edikt zur Beförderung der Land-Cultur" vom 14. September 1811. Mit der hierdurch eingeleiteten preußischen Agrarreformgesetzgebung, die nach 1813 auch für die Rheinprovinz Wirksamkeit erhielt, wurde der Versuch gemacht, die durch den Krieg mit Napoleon offensichtlich gewordenen finanzwirtschaftlichen Probleme zu bewältigen und eine "wohlgeordnete Staatswirtschaft" zu schaffen. Auch das traditionelle Recht des Sammelns von Holz in Gemeinde- und Privatforsten wurde unterbunden. Holz konnte nur noch auf Versteigerungen erworben werden, wo lediglich größere Quantitäten angeboten wurden, die für die einfache Landbevölkerung unerschwinglich waren.

Die zahlreichen und sehr verschiedenen Gesetze, Verordnungen und Deklarationen, durch die der Holzdiebstahl in den einzelnen preußischen Provinzen mit den unterschiedlichsten Strafmaßen geahndet wurde, wurden im Jahre 1821 vereinheitlicht. In der Einleitung des "Gesetzes wegen Untersuchung und Bestrafung von Holzdiebstahl" vom 7. Juni 1821 heißt es: "Die bisherigen Gesetze wider die Holzdiebstähle haben theils wegen ihrer Verschiedenheit und Unbestimmtheit, theils auch wegen des in Anwendung gebrachten gewöhnlichen gerichtlichen Verfahrens, welches weder mit der Natur noch mit der großen Menge der zur Untersuchung kommenden Vergehen dieser Art in angemessener Beziehung steht, die beabsichtigte Wirkung nicht erreicht." Während der Vorarbeiten zu diesem Gesetz wurde immer wieder der besondere soziale Charakter der Holzdiebstähle betont. Die steigende Deliktzahl sei nur "der eisernen Noth" der ländlichen Bevölkerung zuzuschreiben und als "unvermeidliches zur Selbsterhaltung ergriffenes Nothmittel zu betrachten." Darüber hinaus wurde bemängelt, dass von den Behörden keine Maßnahmen getroffen würden, die es auch den Ärmsten ermöglichten, ihr Holz auf legalen Wegen zu erwerben. Für den Gesetzentwurf und das hierin enthaltende Strafmaß gab es den Vorschlag zwischen Holzentwendungen aus Not und Diebstählen "ohne Noth und zum Verkauf" zu unterscheiden.

Das Delikt des Holzdiebstahls, als eine besonders typische Form der Alltagskriminalität, ist ein Themenbereich der Ausstellung, die das Landeshauptarchiv Koblenz in Zusammenarbeit mit den rheinland-pfälzischen und saarländischen Archiven erarbeitet hat. Im Laufe der Jahrhunderte veränderte sich das alltägliche Leben der Bevölkerung auch durch das Verhältnis zu Unrecht und Recht, Kriminalität und Strafverfolgung. Jede Gesellschaft, jede geschichtliche Epoche kannte Kriminalität in vielen Facetten und entwickelte jeweils zeitbezogene Methoden und Instrumente zu deren Verfolgung. Die Ausstellung "Unrecht und Recht. Kriminalität und Gesellschaft im Wandel von 1500 - 2000", die vom 17. September bis 1. Dezember in den Viehmarktthermen in Trier gezeigt wird, gibt einen Überblick über diese Phänomene wie z. B. den Holzdiebstahl innerhalb einer Zeitspanne von ca. 500 Jahren im Gebiet der heutigen Bundesländer Rheinland-Pfalz und Saarland. Die Annäherung an dieses vielschichtige Thema erfolgt aus zwei Perspektiven: Im "Blick von unten" werden aus der Sicht von Tätern und Opfern im ersten Ausstellungsteil typische Formen der Kriminalität aus der Region vorgestellt und in ihrer Entwicklung verfolgt. Der "Blick von oben" zeigt im zweiten Ausstellungsteil die Obrigkeit, den Gesetzgeber, die Entwicklung der strafrechtlichen Verfolgung, Ursachen des Wandels in der Gesetzgebung und der Verfolgungspraxis.

Quellen

Literatur

  • D. Blasius: Bürgerliche Gesellschaft und Kriminalität. Zur Sozialgeschichte Preußens im Vormärz, Göttingen 1976    
  • D. Blasius: Kriminologie und Geschichtswissenschaft. Bilanz und Perspektiven interdisziplinärer Forschung, in: Geschichte und Gesellschaft 14, 1988, S. 136 - 149
  • D. Blasius: Kriminalität und Alltag. Zur Konfliktgeschichte des Alltagslebens im 19. Jahrhundert, Göttingen 1978
  • A. Blauert u. G. Schwerhoff (Hg.): Kriminalitätsgeschichte. Beiträge zur Sozial- und Kulturgeschichte der Vormoderne, Konstanz 2000
  • B.-St. Grewe: "Darum treibt hier Not und Verzweiflung zum Holzfrevel" Ein Beitrag zur Sozial-, Wirtschafts- und Umweltgeschichte der Pfalz 1816- 1860, in: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz, Bd. 94, Speyer 1996, S. 271 - 294

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