Der 30. Mai 1950. "Rote Zone". Die Grenzlandproblematik in Rheinland-Pfalz

Am 30. Mai 1950 erschien in der "Staatszeitung" für Rheinland-Pfalz ein ausführlicher Artikel über die Situation der "Roten Zone". Der aus dem militärischen Sprachgebrauch stammende Begriff definierte das Gebiet der Westwallanlagen mit ihrem Schwerpunkt in den Grenzgebieten des Bundeslandes Rheinland-Pfalz. Diese Region war seit Beginn des Zweiten Weltkrieges von den Kampfhandlungen direkt betroffen gewesen und gehörte zu den Hauptzerstörungsgebieten. Die unbeschreibliche Not der Menschen, die hier lebten, und die Gebietsansprüche der benachbarten Staaten veranlassten die Landesregierung sich seit 1948 intensiver mit der "Roten Zone" auseinanderzusetzen. Aufgrund der schwierigen finanziellen und wirtschaftlichen Situation erreichte das Land mit seiner Grenzlandförderung schnell die Grenzen der Leistungsfähigkeit. Erst durch die Unterstützung aus Bundes- und Marschallplanmitteln konnte ein angemessener Wiederaufbau geleistet werden.  

In der "Staatszeitung", die es sich seit ihrem erstmaligen Erscheinen am 8. Mai 1950 zur Aufgabe machte, " [...] über alle bedeutsamen Vorgänge der Landespolitik und Landesverwaltung zu orientieren", erschien am 30. Mai 1950 ein ausführlicher Artikel über die "Rote Zone" im Lande Rheinland-Pfalz. Die Bezeichnung "Rote Zone" stammt ursprünglich aus dem militärischen Sprachgebrauch und definiert das Gebiet der Westwallanlagen entlang der früheren Reichsgrenze mit einem Schwerpunkt an der rheinland- pfälzischen Grenze. Für dieses Gebiet, das in den Operationskarten rot eingezeichnet war, galten besondere militärische Maßnahmen. Die Staatszeitung beschrieb die Belastungen, denen die Grenzlandschaft ausgesetzt war, so: "Durch den eigentlichen Westwallbau mit seinen riesigen Organisationsapparaten, mehrmalige Evakuierungen der betroffenen Bevölkerungsteile und die Dezimierung des lebenden und toten Inventars, Lahmlegung der Wirtschaft bereits in den ersten Kriegsmonaten, oft pausenlos massierte Bombenangriffe, unmittelbare Kampfhandlungen [...] mit intensiver Zerstörung sämtlicher Verkehrswege und Einrichtungen, Artiilleriebeschuß und Sprengungen von Häusern , Straßen, Brücken, Eisenbahnen, Felsen und Waldstücken, wurde die Zerstörung so vollständig, daß, als die Waffen schwiegen, ein großes Trümmerfeld übrigblieb. Nachwirkungen der Kampfhandlungen durch weitläufige Verminung des Geländes sowie Beseitigung und Sprengung der Befestigungsanlagen und die Besatzungslasten kamen hinzu, was bei der an sich bescheidenen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Grenzgebiete verheerende Folgen hatte."

Im November 1948 wurde der "Grenzlandausschuß" des Landtages gebildet, der bis März 1949 gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten Altmeier vier Bereisungen der "Roten Zone" durchführte. Die Bevölkerung verband mit diesen Aktionen der Regierung große Hoffnungen, die allerdings durch die Realität der tatsächlich möglichen Hilfeleistungen schnell wieder gedämpft wurden.

Die Gebietsansprüche konnten zwar weitgehend abgewehrt werden, Luxemburg und Belgien begnügten sich im April 1949 mit kleinen Grenzkorrekturen in den Kreisen Bitburg und Prüm, die in den Jahren 1956 bzw. 1959 wieder rückgängig gemacht werden konnten. Eine schnelle und effektive Hilfe für die Grenzgebiete erwies sich aber aufgrund der schwierigen finanziellen und wirtschaftlichen Situation des jungen Bundeslandes Rheinland-Pfalz als faktisch unmöglich. Der Unmut der Bevölkerung wuchs in dieser Situation umso mehr, als benachbarte Bundesländer, wie vor allem Nordrhein-Westfalen, mit nicht unerheblichen Geldmitteln für einen zügigen Wiederaufbau ihrer Grenzregionen sorgten. Das Unverständnis und die Enttäuschung der Menschen in dieser Region kommt in einem Brief des Bürgermeisters von Brandscheid, einer kleinen Gemeinde im Landkreis Prüm, an den Ministerpräsidenten deutlich zum Ausdruck: "[...] Die Bevölkerung von Brandscheid steht vor dem wirtschaftlichen Ruin, davon ganz zu schweigen, was sich in unsere Herzen jetzt eingefressen hat. [...] Wir haben nicht einmal Geld - woher sollten wir es nehmen - um Saatgut oder Kunstdünger zu kaufen. Ist unser Land Rheinland-Pfalz wirklich so arm, daß es seinen allerersten Verpflichtungen nicht nachkommen kann? Wenn ja, dann hat es seine Existenzberechtigung verloren."

In dieser Situation, in der Rheinland-Pfalz die Grenze seiner Leistungsfähigkeit längst überschritten hatte, fasste der Landtag in seiner Sitzung am 15. Mai den Beschluss, die Bundesregierung über die Situation der Roten Zone zu informieren und um eine Unterstützung durch den Bund zu ersuchen. Nachdem die breite Öffentlichkeit am 30. Mai durch die "Staatszeitung" über das Vorgehen der Landesregierung informiert worden war, setzte die Bundesregierung einen interministeriellen Ausschuss ein, der insgesamt sieben der acht rheinland-pfälzischen Kreise (mit Ausnahme von Germersheim) innerhalb der "Roten Zone" als Hauptschadens- und Notstandsgebiete anerkannte. In Folge dieser Anerkennung kamen der Region größere Zuschüsse aus Bundes- und Marschallplanmitteln zu Gute. Allerdings sollte es trotz dieser verstärkten Förderung noch mehr als zehn Jahre dauern, bis die Wiederaufbaumaßnahmen in der Roten Zone einen befriedigenden Abschluss genommen hatten.

Quellen

  • LHAKO Bestand 710, Nr. 25 Ü. Photos der Zerstörungen und des Wiederaufbaus in der "Roten Zone"  
  • LHAKo Bestand 710, Nr. 126 Ü. Beseitigung von ehemaligen Kampfanlagen des Westwalls. Photos   
  • LHAKo Bestand 710, Nr. 127 Ü. Beseitigung von ehemaligen Kampfanlagen des Westwalls. Photos   
  • LHAKo Bestand 713, Nr. 207. Staatszeitung und Staats-Anzeiger für Rheinland-Pfalz, 1950 und 1951   
  • LHAKo Bestand 940, Nr. 299. Förderungs- und Sanierungsprogramme, Kredite, Darlehen. Grenzlandhilfe allgemein. 1950 und 1951    
  • LHAKo Bestand 940, Nr. 314. ERP. Marschallplan 1949/50
  • LHAKo Bestand 940, Nr. 1660. Rote Zone als Notstandsgebiet
  • LHAKo Bestand 950, Nr. 4466. Notstandsgebiete in Rheinland-Pfalz "Rote Zone"
  • Dokumente deutscher Kriegsschäden. Evakuierte, Kriegssachgeschädigte, Währungsgeschädigte. Die geschichtliche und rechtliche Entwicklung, Bd. 3. Die kriegssachgeschädigte Wirtschaft. Industrie, Handel und Gewerbe, Landwirtschaft. Hg. v. Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, Bonn 1962
  • Notstandsgebiete in Rheinland-Pfalz. Denkschrift des Landes Rheinland- Pfalz. Hg. in Zusammenarbeit des Ministeriums für Inneres und Wirtschaft mit dem Ministerium für Landwirtschaft, Weinbau und Forsten, November 1950
  • Stenographische Berichte. Landtag Rheinland-Pfalz. 1. Wahlperiode. 18.01.1949 bis 1.6.1949 und 5.7.1949 bis 16.5.1949

Literatur

  • Johannes Nosbüsch:. Bis zum bitteren Ende. Der Zweite Weltkrieg im Kreise Bitburg-Prüm, Bitburg 1978    
  • Karl-Heinz Rothenberger: Die Hungerjahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Ernährung und Landwirtschaft in Rheinland-Pfalz 1945 - 1950. Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, Bd. 3, Boppard 1980

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