Der 25. Dezember 1915. Kriegsweihnachten

Die Weihnachtsausgaben der Tageszeitungen vom 25. Dezember 1915 zeigen deutlich, unter welchen Belastungen und schwierigen Rahmenbedingungen dieses zweite Weihnachten im Ersten Weltkrieg gefeiert werden musste. Die Begeisterung, mit der der Befehl zur allgemeinen Mobilmachung im Sommer 1914 von der Bevölkerung auch an Rhein, Mosel und Lahn aufgenommen wurde, war längst abgeklungen. Die Verwundeten- und Gefallenenlisten ließen in vielen Familien keine "besinnliche" Stimmung aufkommen. Die Hoffnungen auf einen kurzen Krieg und einen schnellen Sieg hatten sich nicht bewahrheitet, und jetzt zeigte sich vor allem an der Lebensmittelsituation, wie wenig Deutschland auf den Krieg vorbereitet gewesen war. Dieses zweite Kriegsweihnachten war geprägt von Brot- und Buttermarken und den Sorgen um die Kohlen- und Kartoffelvorräte.

Die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau am 28. Juni 1914 in Sarajevo durch den serbischen Studenten und Anhänger der nationalistischen Bewegung "Junges Bosnien", Gavrilo Princip, führte zu einer europäischen Krise, die im Ersten Weltkrieg gipfelte. Der Ausbruch des Krieges zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn auf der einen Seite und Frankreich, Russland und Großbritannien auf der anderen Seite war seit langem befürchtet und erwartet worden. Mit einer heute nur schwer verständlichen Begeisterung wurde in Deutschland der Krieg begrüßt. Die Nachricht über den Befehl zur allgemeinen Mobilmachung wurde am 1. August 1914 in Koblenz auf dem Jesuitenplatz "mit begeisterten Hurra-Rufen und dem Gesang der Wacht am Rhein" aufgenommen. Auch in Mainz, Trier und vielen anderen Orten an Rhein, Mosel und Lahn reagierten die Menschen mit Begeisterungsrufen auf den Mobilmachungsbefehl. In der Überzeugung, dass der Krieg Deutschland von seinen Gegnern aufgezwungen worden sei, entstand in der Bevölkerung eine beispiellose nationale Aufbruchstimmung. Kriegsfreiwillige strömten zu den Annahmestellen, im Reichstag schlossen die Parteien für die Dauer des Krieges einen Burgfrieden und stimmten den Kriegskrediten zu.

Dieser scheinbaren inneren Einheit trat allerdings sehr schnell eine allgemeine Ernüchterung entgegen. Nachdem in Mainz beispielsweise bereits am 12. August die ersten französischen Kriegsgefangenen eingetroffen waren, folgten am 24. August die ersten verwundeten deutschen Soldaten, die von den ersten Gefallenenlisten begleitet wurden. Der Euphorie nach den anfänglichen Erfolgen an der Westfront folgte bald der Kriegsalltag mit Stellungskrieg und Schützengräben. Hinzu kam, dass die deutsche Wirtschaft auf einen langen Krieg nicht vorbereitet gewesen war. "Da vor 1914 die Ansicht vorgeherrscht hatte, daß der Krieg, falls er kam, kurz sein würde, [...] hatte man keine Vorkehrungen für das Durchstehen eines längeren Krieges getroffen." Als sich die Hoffnungen auf einen kurzen Krieg und einen schnellen Sieg als Illusion erwiesen, zeigte sich die wirtschaftliche Problematik in ihrer ganzen Deutlichkeit. Neben der Frage nach der Bereitstellung der benötigten Rohstoffe, der Versorgung des Heeres mit Munition und Material, war das Problem des Nachschubs an Soldaten von entscheidender Bedeutung. Der wachsende Bedarf der kämpfenden Truppen führte zu einem akuten Mangel an einsatzbereiten und qualifizierten Arbeitskräften in Industrie und Landwirtschaft.

Ein weiteres grundlegendes Problem war die Versorgung der Bevölkerung. Niemand war auf einen längeren Krieg mit Gegnern vorbereitet gewesen, die über die größeren natürlichen Reserven verfügten und mit ihrer Kontrolle der Meere die für das Deutsche Reich notwendige Zufuhr von Gütern abschneiden konnten. Bereits Anfang des Jahres 1915 nahm das Ernährungsproblem in Deutschland gravierende Ausmaße an. Vor dem Krieg hatte Deutschland nicht nur einen Großteil der für die Industrie erforderlichen Rohstoffe aus dem Ausland erhalten, auch die Lebensmittelversorgung war zu einem Drittel auf Einfuhren aus anderen Ländern angewiesen gewesen. Die Blockade der Alliierten schränkte diese Einfuhren spürbar ein. Dies führte zu einer Verknappung, die durch die Heeresversorgung, die oberste Priorität hatte, verschärft wurde. Eine Ertragsteigerung konnte aufgrund des nicht ausreichenden Kunstdüngers und der fehlenden Arbeitskräfte und Zugpferde nicht erreicht werden, was zu einem drastischen Anstieg der Preise für Grundnahrungsmittel führte.

Dies waren die Rahmenbedingungen, die zeigten, wie weit bereits das zweite Kriegsweihnachten im Jahre 1915 von den Hurrarufen des Sommers 1914 entfernt war. Hausfrauen sollten mit zahlreichen Anleitungen und Rezeptvorschlägen zur Reste- und Abfallverwendung, zum sparsamen Verbrauch der knappen Lebensmittel motiviert werden. Mit "Kriegs-Lehrgängen für Landwirtschaftliche Haushaltungs- und Wanderlehrerinnen, Landpflegerinnen und für Hausfrauen und Töchter auf dem Lande" sollten möglichst viele Frauen mit den besonderen Anforderungen bekannt gemacht werden, "welche durch den Krieg an die Hauswesen auf dem Lande und in der Kleinstadt gestellt werden."

Insgesamt ließ sich der Alltag an diesem wie auch an den folgenden Weihnachtsfesten nicht ganz ausblenden und vergessen. Während an diesem 25. Dezember die Feldpostbriefe und Pakete längst ihren Weg an die Front und in die Schützengräben gefunden hatten, wurde das Fest der Friedens in der Heimat von den neuesten Bestimmungen zur Bestandsaufnahme von Kaffee, Tee, Kakao, den aktuellen Ausführungsbestimmungen und den Mitteilungen über die Butterverteilung und die Ausgabe von Butterkarten geprägt und bestimmt. Diese Situation sollte sich in den nächsten Jahren noch deutlich verschärfen, bevor der Krieg mit dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 endlich beendet werden konnte.

Quellen

Literatur

  • A. Golecki: Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik, in: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2. Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart, hg. von der Energieversorgung Mittelrhein GmbH, Koblenz 1993    
  • G. A. Craig: Deutsche Geschichte 1866-1945. Vom Norddeutschen Bund bis zum Ende des Dritten Reiches, München 1989
  • W. J. Mommsen: Das Ringen um den nationalen Staat, Frankfurt 1993
  • Th. Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866 - 1918, 2. Bde., München 1990/1992
  • T. Pierenkämper: Gewerbe und Industrie im 19. und 20. Jahrhundert, München 1994
  • F. Schütz: Vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg (1914 - 1945), in: Mainz. Die Geschichte der Stadt. Hg. im Auftrag der Stadt Mainz v. F. Dumont, F. Scherf und F. Schütz, S. 475 - 509, Mainz 1998
  • M. Stürmer: Das ruhelose Reich. Deutschland 1866 - 1918, München 1983.
  • H.-P. Ullmann: Das Deutsche Kaiserreich 1871 - 1918, Frankfurt 1995.

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