Der 24. März 1935. Einweihung der Thingstätte in Koblenz

Am 24. März 1935 wurde die Einweihung der Thingstätte auf dem Vorplatz des kurfürstlichen Schlosses in Koblenz gefeiert. Direkt nach der Machtergreifung Hitlers 1933 war die Thingbewegung als Propagandamittel ins Leben gerufen worden. An ausgewählten Orten des Reiches wurden, wie in Koblenz, Thingplätze gebaut und seit Anfang 1935 Thingspiele aufgeführt. Die erhoffte Massenwirksamkeit blieb allerdings aus, so dass die Reichsführung bereits 1936 von der Thingbewegung Abstand nahm.  

Die Vorstellung, dass mit der Machtergreifung Adolf Hitlers im Januar 1933 für Deutschland und die Welt eine neue Zeit angebrochen sei, gehörte zum Selbstverständnis des Nationalsozialismus. Ein neues Deutschlandbild sollte möglichst öffentlichkeitswirksam vermittelt werden. Durch eine umfassende Propaganda wurde versucht, eine "politische Ersatzreligion" (Zorbach) zu etablieren, die versuchte, die Bevölkerung vor allem durch rituelle Feste und Veranstaltungen für die Ziele des Nationalsozialismus zu gewinnen. Ein Instrument der nationalsozialistischen Kulturpropaganda war in den ersten Jahren nach der Machtergreifung die Thingbewegung. Das germanische Thing bzw. Ding war eine Volks-, Heeres- und Gerichtsversammlung, die unter dem Vorsitz des Königs, Stammes- oder Sippenoberhauptes unter freiem Himmel und immer am Tag zu bestimmten Terminen und festgelegten Orten stattfand. Der Ablauf eines Things wird in der Germania des Tacitus ausführlich beschrieben. In fränkischer Zeit bezeichnete das Ding nur noch das Gericht, eine Versammlung von Rechtsgenossen unter dem Vorsitz eines Richters.

Bereits am 16. Juni 1934 wurde die "Thingeinweihe" gefeiert, die mythische Inszenierung der Grundsteinlegung. Aber alle propagandistische Überhöhung der Bedeutung der Thingstätte und der Arbeit an ihrer Baustelle konnte nicht vermeiden, das es zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen der Stadtverwaltung und dem für den Bau zuständigen Gaupropagandaleiter Michels kam. Mit dem 8. Juni 1934 ist ein Vertragsentwurf zwischen der Stadt Koblenz und der Spielgemeinschaft Gau Koblenz-Trier-Birkenfeld für nationalsozialistische Festgestaltung Koblenz datiert. Hier wurde festgelegt, das die Spielgemeinschaft für eventuelle Schäden, die bei der Nutzung der Räumlichkeiten im Schloss während des Baus der Thingstätte verursacht würden, aufzukommen habe. Dieser Entwurf war der Auslöser für den Streit Michels mit der Verwaltung, der er lautstark vorwarf, sie würde dem Bau der Thingstätte bewusst und absichtlich Schwierigkeiten machen. Michels weigerte sich, den Vertrag zu unterzeichnen und lehnte es ebenfalls kategorisch ab, für eventuelle Schäden aufzukommen. Dieses Verhalten Michels, das gepaart war mit einem ausgesprochen diktatorischen Auftreten, machte eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Stadt und Bauleitung bald völlig unmöglich. Obwohl die im Erdgeschoss liegenden Räume des Schlosses als Lagerstätte für Werkzeug und Baustoffe verwendet wurden und eine Durchfahrt für den Abtransport der beim Bau anfallenden Erdmassen notwendig war, nahm Michels keinerlei Rücksicht auf die Wünsche und Bedürfnisse der Stadtverwaltung. Bei einer Ausstellung der Entwürfe für den Thingplatz im Schloss kam es schließlich zum Eklat. Bei der Ausstattung und Dekoration der Räumlichkeiten für die Ausstellung ließ Michels den einzigen Zugang zu dem Schlossmuseum zustellen, so dass ein Besuch des Museums unmöglich wurde. Auf Beschwerden reagierte er ausgesprochen aggressiv und erklärte, dass sich ja ohnehin niemand für das Museum interessiere. Im Anschluss an diese Auseinandersetzung informierte die Stadtverwaltung Gauleiter Gustav Simon von den Vorkommnissen und bat um Vermittlung. Wie den im Stadtarchiv Koblenz verwahrten Akten zu entnehmen ist, kam es schließlich zur Unterzeichnung des Vertrages. Trotzdem ließ die Beseitigung der umfangreichen Schäden nach Fertigstellung der Thingstätte monatelang auf sich warten und war nach zahlreichen Reklamationen und Mahnungen erst im März 1936 endgültig abgeschlossen.

Am 24. März 1935 konnte dann endlich die "Thingstättenweihe" gefeiert werden, die auch als "Volkswerdungsfeier" bezeichnet wurde. Zahlreiche namhafte Vertreter der nationalsozialistischen Partei nahmen an der Feier teil. Wie das Nationalblatt am 25. März berichtete, waren zehntausende Besucher und Mitwirkende zu diesem Anlass gekommen. Nach dem fackelbeleuchteten Einmarsch der zahlreichen Mitwirkenden und den einführenden Worten des Thingältesten, Gauleiter Gustav Simon, wurde ein eigens für diesen Zweck einstudiertes Thingspiel aufgeführt. Den Abschluss dieser "Werdung eines neuen Volkes" bildete schließlich ein Feuerwerk.

Quellen

      

Literatur

  • Heinrich Koch: Aufgabe und Gestalt der NS Feierstätte, in: der Grenzgau Koblenz Trier. Ausgabe Juli 1936, Hg. Gauleitung der NSDAP Koblenz-Trier- Birkenfeld, S. 61- 64
  • H. Bellinghausen (Hg.): 2000 Jahre Koblenz - Geschichte der Stadt an Rhein und Mosel, 1971
  • H. Boberach: Nationalsozialistische Diktatur, Nachkriegszeit und Gegenwart, in: Ingrid Batori u. a. (Hg): Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2, Koblenz 1993, S. 170 - 224.
  • P. Bucher: Koblenz während der nationalsozialistischen Zeit, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte, 11. Jg. 1985, S. 211 - 246   
  • M. Lurz: Die Heidelberger Thingstätte. Die Thingbewegung im Dritten Reich: Kunst als Mittel politischer Propaganda, Heidelberg 1975
  • A. Teut: Architektur im Dritten Reich 1933 - 45, Frankfurt/M., Berlin 1967
  • D. Zorbach: Führer unser ... Die nationalsozialistische Propaganda als Ersatzreligion am Beispiel der Feste und Feiern in Koblenz, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte, 27 Jg. 2001, S. 310 - 372.
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