Der 24. Februar 1859. Auswanderung nach Brasilien

Am 24. Februar 1859 erhielt der 18-jährige Tagelöhner Johann Rosskopp die behördliche Genehmigung, seine Heimat zu verlassen und nach Brasilien auszuwandern. Rosskopp war einer der zahlreichen Menschen aus dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Rheinland-Pfalz, die trotz der eindringlichen Warnungen der staatlichen Behörden eine lange und beschwerliche Reise auf sich nahmen, um in Südamerika vor allem ihre wirtschaftliche Situation verbessern zu können. In drei Wellen, die 1824, 1846 und 1860 einsetzen, wurde in erster Linie Südwestdeutschland im 19. Jahrhundert von der Brasilienauswanderung betroffen. Bis heute deuten typische Sprachinseln im Gebiet von Sao Leopoldo auf die Herkunft der Vorfahren der hier lebenden Menschen hin.

"Zu denjenigen Ländern also, welche vorzugsweise um deutsche Auswanderer werben, gehört Brasilien; ein Land, dessen Zustände immer wieder die Kritik herausfordern und welche letztere wir, gestützt auf ein seit Jahren gesammeltes, umfassendes Material sine ira et studio in der Hoffnung üben wollen, daß unsere von den geheimen Agenten verführten Landsleute endlich aufhören werden, nach einem Lande auszuwandern, wo ihrer das schrecklichste Loos wartet." Dieser eindringliche und ausführliche Mahnruf gegen die Auswanderung nach Brasilien war um 1875 veröffentlicht worden und versuchte einen Beitrag zur Eindämmung einer Massenbewegung zu leisten, die bereits in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts eingesetzt hatte. Die brasilianische Regierung unter Kaiser Dom Pedro I. und seiner Frau, der österreichischen Erzherzogin Leopoldine betrieben nach der Loslösung ihres Landes von Portugal, der Unabhängigkeitserklärung und der Ausrufung zum Kaiserreich im Jahre 1824 eine gezielte Einwanderungs- und Ansiedelungspolitik. Zu diesem Zweck wurden Agenten beauftragt, die in Deutschland für den südamerikanischen Staat warben und interessierte Auswanderungswillige suchten, informierten und vermittelten.

Im Gebiet des heutigen Bundeslandes Rheinland-Pfalz waren vor allem der Hunsrück und auch die Eifel betroffen. "1825 weisen die Einwanderungsverzeichnisse die ersten Namen aus dem östlichen Hunsrück auf. 1826 werden es schon mehr, und schließlich greift ab 1827 die Bewegung wie ein Flächenbrand auf den weiteren Hunsrück zwischen Nahe und Mosel über, erreicht die Moseldörfer bis Trier, die Eifel, Teile von Luxemburg werden erfaßt und schließlich der Saargau bis zurück ins Sankt Wendeler Land". Aus einem Bericht vom Dezember 1827, den der Landrat von Prüm verfasste, wo die "Sucht, nach Brasilien auszuwandern, nun auch um sich greife," erfahren wir, dass wie auch bei den Nordamerikaauswanderern vor allem die wirtschaftliche Situation als Grund für den weitreichenden Schritt einer Auswanderung angegeben wurde. Aber auch vielfältige andere Motive, wie z. B. der Versuch, sich der Militärpflicht zu entziehen oder politischer Druck finden sich in den umfangreichen Akten über die Brasilienauswanderung des 19. Jahrhunderts, die im Landeshauptarchiv Koblenz und im Landesarchiv Speyer verwahrt werden.

Um das Jahr 1830 ging die Auswanderung nach Brasilien deutlich zurück. Neben den behördlichen Maßnahmen wurde auch die Ernüchterung durch die ersten Berichte von bereits Ausgewanderten und Zurückgekehrten als Gründe hierfür angegeben. Hinzu kam, dass in Brasilien die staatliche Unterstützung der Einwanderung und Ansiedelung 1830 gesetzlich untersagt wurden und dadurch die Bedingungen längst nicht mehr so vorteilhaft waren wie Anfang der zwanziger Jahre. Bereits seit 1828 hatte die brasilianische Regierung Auswanderungswillige abgewiesen, weil "die Zahl der bereits Angemeldeten übergroß ist." Es kam zu nicht wenigen Fällen, dass Auswanderer erst auf ihrer Reise von den veränderten Voraussetzungen erfuhren und aufgrund dessen, die Heimreise antreten mussten. Zur allgemeinen Abschreckung wurde der Bericht über ein solches Schicksal im 1828 Amtsblatt der Regierung Trier veröffentlicht. "Eine Tagesreise hinter Göttingen seien ihnen Familien, von Hamburg kommend, begegnet, die versichert hätten, daß Niemand, wie sie geglaubt, unentgeltlich nach Brasilien übergeschifft würde, sondern daß jede erwachsene Person 420 Gulden und die von 6 - 12 Jahren 60 Gulden pro Kopf Überfahrtskosten bezahlen müßten. Dieser Versicherung hätten sie zwar anfänglich keinen Glauben geschenkt. Als sie ihnen jedoch von anderen Auswanderern bestätigt worden, sei ihnen nicht anderes übrig geblieben, als ebenfalls in die Heimat zurückzukehren. Sie bereuten aber sehr, den wohlgemeinten Warnungen kein Gehör geschenkt zu haben und bäten, als Untertanen wieder aufgenommen zu werden."

Die Auswanderung begann mit der tagelangen Reise nach Bremen und Bremerhaven, von wo eine bis zu drei Monate lange Schiffsüberfahrt nach Rio de Janeiro begann. Von Rio wurden die Auswanderer mit kleineren Schiffen in den Staat Rio Grande do Sul gebracht, wo sie in der Nähe von Porto Alegre angesiedelt wurden. Bis heute gibt es auch im Gebiet von Sao Leopoldo zahlreiche "typische Sprachinseln", die auf die Herkunft der Vorfahren, der hier lebenden Menschen hinweisen und beweisen, dass die behördlichen Mahnungen und Warnungen nicht immer Recht behielten.

Quellen

Literatur 

  • P. Brommer: Auswanderung. Texte zur Landesgeschichte. Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz 1976.
  • H. Schentke: Mahnruf gegen die Auswanderung nach Brasilien, Berlin um 1875
  • H. Keller: Die Brasilienauswanderung aus dem Hunsrück - Symptom einer geistigen Strömung, in: Institut für Auslandsbeziehungen Stuttgart. Zeitschrift für Kulturaustausch, Heft 4, Jhg. 16, 1966, S. 228 - 232
  • H. Keller: Hunsrücker Auswanderung im 19. Jahrhundert nach Brasilien, in: Der Hunsrück. Beiträge zur Natur, Kultur und Geschichte. Hg. v. Hunsrückverein e.V. zur Feier seines 75jährigen Bestehens, Bernkastel-Kues 1965
  • J. Mergen: Die Brasilien-Auswanderung aus dem Trierer Raum, in: Trierisches Jahrbuch 1955, Trier 1955, S. 100 - 110
  • A. Meter: Auswanderung vom Hunsrück nach Brasilien mit Briefen von Auswanderern aus Mettnich, Verein für Heimatkunde Nonnweiler, 1989
  • G. Weimer: Hunsrücker in Süd-Brasilien oder Wo ist das deutsche Dorf geblieben, in: Landeskundliche Vierteljahrsblätter, Jhg. 34, 1988, S. 109 - 118
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