Der 22. Juli 1930. "Setzt die Flaggen halbmast" Die Brückenkatastrophe in Koblenz

Der 22. Juli 1930 begann in Koblenz als nationaler Feiertag und endete in einem der schwersten Unglücksfälle in der Geschichte der Stadt. Am 30. Juni 1930 hatten die letzten französischen Besatzungstruppen das Rheinland verlassen. Mit einer durch die preußische Regierung angeordneten zentralen Veranstaltung in Koblenz wurde diese "Befreiung" in Anwesenheit des Reichspräsidenten gefeiert. Im Anschluss an die Feierlichkeiten verunglückten bei einem Brückeneinsturz über 200 Menschen. Sofort eingeleitete Rettungsaktionen konnten nicht verhindern, daß 38 Verunglückte nur noch tot geborgen werden konnten. Unter großer Anteilnahme des In- und Auslandes wurden die Opfer am 26. Juli auf dem Ehrenfriedhof in Koblenz beigesetzt.  

Stadtbibliothek Koblenz, Z 10 · Koblenzer Generalanzeiger vom 24.07.1930

Der 22. Juli 1930 war ein Tag, der eigentlich als Freudenfest und unvergesslicher nationaler Feiertag in die Annalen des Rheinlandes und vor allem der Stadt Koblenz eingehen sollte. Kurz vor seinem Tod hatte der Außenminister des Deutschen Reiches, Stresemann, auf der Haager Friedenskonferenz im August 1929 die endgültige Räumung des Rheinlandes durch die französische Besatzungsmacht zum 30. Juni 1930 erreichen können. Nachdem die letzten Besatzungstruppen bereits am 29. November 1929 Koblenz verlassen hatten, konnte am 22. Juli 1930 entsprechend der Anordnung der preußischen Regierung während einer zentralen Befreiungsfeier in Anwesenheit des Reichspräsidenten Paul von Hindenburgs in Koblenz der Abzug aller Franzosen aus dem Rheinland gefeiert werden.

Hindenburg hatte bereits mehrere Städte des Rheinlandes besucht und an den örtlichen "Befreiungsfeiern" teilgenommen, wo ihm überall "Jubel und vaterländische Begeisterung" entgegengebracht wurden, als er am Vormittag des 22. Juli gegen 11:30 Uhr in Koblenz eintraf. Bereits Tage vorher war der Besuch des Reichspräsidenten das beherrschende Thema in den Koblenzer Zeitungen gewesen. Neben der Programmfolge der Feierlichkeiten und praktischen Ratschlägen für den Girlanden- und Flaggenschmuck der Häuser stand vor allem die Person des Reichspräsidenten im Mittelpunkt der Berichterstattung. Der "Koblenzer Generalanzeiger" schrieb am 21. Juli über das "innige Band" zwischen Hindenburg und der Stadt am Zusammenfluss von Rhein und Mosel, wo er in den Jahren 1896 - 1900 als Generalstabschef des 8. Armeekorps gelebt hatte.

"Die Uhr eines Toten zeigte 11.15 Uhr. Als diese stehen blieb, hatte das Unglück schon seinen Anfang genommen. Die Menschenmenge sah in der tiefen Dunkelheit nicht, was eigentlich vorgegangen war, als die Brücke mit einem lautem Krach zusammenstürzte. Im nächsten Augenblick gellte ein hundertstimmiger Todesschrei in die Nacht. Alle, die sich in dem Moment auf der Brücke befanden wurden mit in die Tiefe gerissen. Zu beiden Seiten des Hafens ruhte die Brücke auf 3 Meter hohen Mauer-Stützlagern. Die ungeheure Last von 200 Menschen hielt die Brücke nicht aus. Die Schwimmer sanken immer tiefer ins Wasser, infolgedessen wurden die beiden Brückenenden zu beiden Seiten aus ihrer Lagerung gerissen. [...] Nun erreichte die Katastrophe ihren furchtbaren Höhepunkt. Der Menschen, die sich auf der Brücke befanden, bemächtigte sich eine ungeheure Panik, und die an den Ufern Stehenden ergriff lähmendes Entsetzen, denn nun neigte sich die vom Land losgelöste Brücke stark nach der Seite, schlug um und zog alle auf ihr Befindlichen mit in die grausige Tiefe. [...]"

Das schreckliche Unglück, das "den Festtag in einen allgemeinen Trauertag verwandelte," löste in ganz Deutschland Mitgefühl und Trauer aus. Tagelang waren die Titelseiten aller größeren Zeitungen von den Koblenzer Ereignissen geprägt. Augenzeugenberichte nahmen dabei ebensoviel Raum ein wie die Diskussion der Schuldfrage. Angesichts des großen Aufsehens, das das Unglück während des Besuchs des Reichspräsidenten in der Öffentlichkeit im In- und Ausland auslöste, ordnete das Reichsverkehrsministerium eine umfassende Untersuchung an. Die Brücke, die im Normalfall nur von wenigen Leuten benutzt wurde, war durch das Gewicht der über 200 Passanten, die nach dem Feuerwerk diese Abkürzung wählten, überlastet und stürzte ein. Ein Fremdverschulden konnte nicht festgestellt werden.

Quellen

  • LHAKo Bestand 457, Nr. 678. Zeitungsberichte über die Reise des Reichspräsidenten von Hindenburg durch den Kreis 1930    
  • LHAKo Bestand 710, Nr. 6162. Reichspräsident Hindenburg bei seiner Ankunft am Deutschen Eck
  • LHAKo Bestand 713, Nr. 25. Koblenzer Generalanzeiger 1930
  • StAK Bestand 623, Nr. 3793 Pressestimmen zum Koblenzer Brückeneinsturz am 22.07. 1930
  • Stadtbibliothek Koblenz, Z 10, Koblenzer Generalanzeiger vom Juli 1930

Literatur

  • Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2. Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart. Hg. von der Energieversorgung Mittelrhein GmbH, Koblenz, Stuttgart 1993    
  • H. Kampmann: Koblenzer Presse-Chronik. 80 Zeitungen aus drei Jahrhunderten, Koblenz 1988
  • H. J. Schmidt: Nach dem Jubel kam die Trauer. Die Koblenzer Befreiungsfeier am 22. Juli 1930 und ihr tragischer Ausgang, in; Ein Stück Koblenz, hg. von der Pfarrei Liebfrauen, Bd. 3, Koblenz 1987, S. 27 - 33

 

 

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