Der 22. Mai 1946. Einweihung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Am 22. Mai 1946 fand die feierliche Eröffnung der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz statt. Aufgrund einer Initiative der französischen Besatzungsmacht wurde es seit Februar 1946 möglich, eine weitgehend zerstörte Flakkaserne vor den Toren der Stadt für die zuerst bescheidenen Bedürfnisse einer neugegründeten Hochschule herzurichten. Angesichts der verheerenden Kriegsschäden, die die Stadt in ein Trümmerfeld verwandelt hatten und der allgemeinen großen Not, stieß die Universität zuerst auf Ablehnung und Bedenken. Trotz Zuzugssperren und Zwangsevakuierungen waren seit dem ersten Semester über 2.000 Studenten und die dazugehörigen Hochschullehrer unterzubringen. Aber obwohl der schnelle Aufschwung der Universität immer wieder mit der mangelhaften Infrastruktur in Konflikt geriet, entwickelte sie sich in den folgenden Jahren erfolgreich zu einer der größten Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland.

Die Neugründung der Universität Mainz war eine "ungewöhnliche und überraschende französische Initiative", die in Deutschland sehr viel Beachtung fand. Es waren die Franzosen gewesen, die die Mainzer Universität 1798 aufgelöst hatten. Mit ihren Bemühungen zur Gründung einer neuen Hochschule in den linksrheinischen Gebieten, die bereits im Herbst 1945 begannen, beabsichtigte die französische Militärregierung ein Instrument der Entnazifizierung und der Umerziehung der Jugend zu schaffen. Dass diese Absicht zur Gründung der Johannes Gutenberg-Universität führte, wurde allgemein als "Beweis historischer Gerechtigkeit und Wiedergutmachung über Generationen hinweg" bewertet.

Zwar befanden sich mit Tübingen und Freiburg zwei Universitäten in der französischen Besatzungszone, deren geographische Verteilung bedeutete allerdings eine deutliche Benachteiligung der rheinischen und pfälzischen Bevölkerung. Insgesamt bewarben sich vier Städte des linken Rheinufers um den Sitz der Universität. Neben Mainz brachten sich auch Neustadt, Speyer und Trier ins Gespräch, wobei von Anfang an lediglich Mainz und Trier als ernstzunehmende Kandidaten anerkannt wurden. Beide hatten eine lange Tradition als Universitätsstädte aufzuweisen und wurden als ehemalige Kulturzentren Deutschlands anerkannt. Mainz hatte allerdings darüber hinaus auch strategische Vorteile. Die Stadt war am Zusammenfluss von Rhein und Main ein wichtiger und von den Franzosen geschätzter Brückenkopf, dessen zentrale Lage zwischen dem Rheinland und der Pfalz natürlich besonders für eine eventuelle Hochschule von großem Vorteil war.

Eine kleine Gruppe Mainzer Persönlichkeiten sah in einer Neugründung der Universität eine entscheidende Entwicklungschance für die Stadt. Oberbürgermeister Dr. Emil Kraus, der Kunsthistoriker Klingenschmitt, der katholische Theologe Reatz und die Ökonomen Anton Felix Napp-Zinn und Christian Eckert versuchten mit ausführlichen Denkschriften auf die Überlegungen der Besatzungsmacht Einfluss zu nehmen. Welche Faktoren für die positive Entscheidung, die die Franzosen am 27. Februar 1946 verkündeten, maßgeblich gewesen waren, ist allerdings nicht bekannt.

Am 22. Mai erfolgte die feierliche Eröffnung der Johannes Gutenberg-Universität. An dem "Wunder der Universität Mainz" nahmen neben hochgestellten Persönlichkeiten aus Politik und Kirche auch Rektoren französischer und deutscher Universitäten teil. Der von der Militärregierung ernannte erste Rektor der neuen Universität, Dr. Josef Schmid beschrieb in seiner Rede die Bedeutung dieses Tages. "Was vor Jahren, ja noch vor Monaten Traum und Wunsch war, ist Wirklichkeit geworden. Die alt-ehrwürdige "Universitas Morguntina" ist wieder erstanden. Damit haben Mainz und die Lande am westlichen Mittelrhein nach 150 Jahren endlich wieder eine Pflegestätte für bodenständige Art, eine Lehrstätte für die akademische Jugend und einen Sammel- und Ausstrahlungspunkt im universellen Netz der geistigen Arbeit zu eigen. Das ist in dieser trostlosen Welt ein wunderbarer Anfang. [...] So in Mainz, wo aus Trümmern und Chaos junges, neues Leben wird. Ein Hoffen erfüllt uns wieder, daß es doch noch gemeinsamem Wollen gelingen wird, die Kraft zu einer Wandlung zu finden im letzten Stadium einer versinkenden Welt. Solche Wandlung kann nur vom Geist herkommen. Sie erfordert eine totale Umkehr des Einzelnen wie der Mächte dieser Erde und sie verlangt die Zusammenarbeit der Menschen und Völker im Geiste der Demokratie, im Geiste der Humanität."

Quellen

Literatur

  • C. Defrance: Die Franzosen und die Wiedereröffnung der Mainzer Universität, 1945 - 1949, in: Kulturpolitik im besetzten Deutschland 1945 - 1949, Hg. v. G. Clemens, Stuttgart 1994, S. 117 - 130    
  • F. Dumont: Landeshaupt- und Universitätsstadt (1945/46 - 1997), in: Mainz. Die Geschichte der Stadt. Hg. von F. Dumont, F. Scherf, F. Schütz, Mainz 1998, S. 513 - 575.
  • Johannes Gutenberg-Universität. Mit einer Einführung von H. Mathy, Mainz 1983
  • H. Mathy: Die Universität Mainz 1477 - 1977, hg. v. Präsident und Senat der Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz 1977
  • H. Mathy u. L. Just: Die Universität Mainz. Grundzüge ihrer Geschichte, Mainz 1965

    Nach oben