Der 20. Oktober 1817. Die Adresse des Koblenzer Stadtrates an Staatskanzler Hardenberg

Eine Adresse des Koblenzer Stadtrates an den Staatskanzler Hardenberg ist mit dem 20. Oktober 1817 datiert. Die Adresse, die unter anderem die Forderung nach einer zeitgemäßen Verfassung formulierte, stand im zeitlichen und inhaltlichen Zusammenhang mit ähnlichen Adressen aus Trier, Köln und Kleve. Der entscheidende Anlass für die Entstehung der Koblenzer Adresse war aber eine von Joseph Görres verfasste Massenpetition, die an den König gerichtet war und ebenfalls die Forderung nach einer Verfassung enthielt. Die hierin enthaltenen Vorstellungen widersprachen allerdings der Auffassung der Mehrheit des Koblenzer Stadtrates, so dass es zur Abfassung eines Gegenentwurfs und zur Absendung von zwei Koblenzer Adressen kam.  

"Am 23. April verlas der Koblenzer Oberbürgermeister Johann Josef Mazza vor versammelter Bürgerschaft und paradierenden preußischen Truppen auf dem Schloßplatz das Besitzergreifungspatent des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. Unter Glockengeläut und Böllerschüssen zog man schließlich zum "Plan" und befestigte den preußischen Adler am Rathaus." Eine fast 20-jährige französische Herrschaft über die Stadt, die russische Truppen bereits in der Nacht zum 1. Januar 1814 beendet hatten, war jetzt endgültig vorbei. Koblenz wurde zur Verwaltungshauptstadt der preußischen Rheinlande und wurde zu einer der größten Festungen in Europa ausgebaut. Neben anderen Problemen führte vor allem die massive Konzentration einer vorwiegend protestantisch geprägten Bürokratie und umfangreicher Militäreinheiten besonders in der Anfangszeit der preußischen Herrschaft zu nicht geringen Spannungen. Der ständige Durchzug von Truppen für die Koblenz das Tor war "durch welches alles nach Frankreich und von da nach Deutschland wandert, und was den Rhein herauf oder hinunter geht" und die umfangreichen Einquartierungen belasteten den städtischen und die privaten Haushalte erheblich. Im Sommer 1816 kam der fast vollständige Verlust der Ernten durch ungewöhnlich schlechte Witterungsbedingungen hinzu. In Eifel, Hunsrück und Westerwald kam es dementsprechend im Winter 1816/17 zu einer Hungersnot. In Koblenz äußerte sich diese akute Notsituation vor allem durch eine anhaltende Teuerung. "Die Mehrheit der Stadtbevölkerung, namentlich Gesellen, Tagelöhner und Arbeiterinnen, konnten mit ihren kargen Löhnen kaum ihren Bedarf an Grundnahrungsmitteln decken", zumal die wirtschaftlichen Verhältnisse bereits durch den Krieg und seine Folgen ausgesprochen schlecht waren. Durch Fehleinschätzungen und organisatorische Probleme trafen die notwendigen und zugesagten staatlichen Hilfen erst im Juni 1817 in Koblenz ein, die Steuern wurden aber weiterhin erhoben. Das Misstrauen gegenüber der preußischen Verwaltung, die in dieser ersten Bewährungsprobe versagte, manifestierte sich. Vor diesem Hintergrund der wirtschaftlichen und sozialen Spannungen nahm die Verfassungsdiskussion auch in der Stadt an Rhein und Mosel konkrete Formen an.

Obwohl die Diskussionen und Verhandlungen über eine Verfassung für den preußischen Gesamtstaat bereits seit längerer Zeit geführt wurden, auch bevor die neue Provinz im Jahre 1815 an Preußen fielen, sahen sich die Rheinländer in ihrer politischen Hoffnungen und Erwartungen enttäuscht. Das Verfassungsversprechen König Friedrich Wilhelms III. vom 22. Mai 1815, in dem eine Repräsentation des Volkes zugesagt worden war, "... stellte zweifellos eine Selbstbindung der monarchischen Gewalt dar und hatte insofern verfassungsrechtlichen Charakter."

Wie in der Trierer und in der Kölner Adresse findet sich auch in dem Schreiben des Koblenzer Stadtrats der Wunsch "des ungleich größeren Theils der Einwohner ..." nach einer, "dem Zeitgeiste gemäßen ständischen Verfassung, unbeschränkte Freiheit in Ausübung des Handels und der Gewerbe, Entfernung des Feudalsystems, gleiche Verteilung der Staats und öffentlichen Lasten, Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetzte und dem Richter, Trennung der Gewalten, Unabhängigkeit des Richteramtes, Öffentlichkeit des gerichtlichen Verfahrens und Urteil durch das Geschworenengericht in dem Kriminalprozesse." Darüber hinaus sind Passagen zu finden, die ausschließlich die individuellen örtlichen Probleme betrafen. In Koblenz waren das der Wunsch nach einer stärkeren Berücksichtigung "Eingeborener" bei der Besetzung von Regierungsstellen und nach der Rückgabe des 1803 an Nassau gefallenen rechtsrheinischen Stadtwaldes.

Der Impuls für die Ausarbeitung und Versendung der Adresse des Koblenzer Stadtrates, die an den preußischen Staatskanzler Hardenberg gerichtet war, ging allerdings nicht allein von dem Besuch des Königs in der Rheinprovinz aus. Joseph Görres hatte auf einer Gedenkfeier anlässlich des Jahrestag der Schlacht bei Leipzig am 18. Oktober eine von ihm formulierte Adresse in Umlauf gebracht und um Unterschriften gebeten. Obwohl er anscheinend noch am folgenden Tag versuchte die Zustimmung des Stadtrates zu seinem Text und damit die gewünschte offizielle Unterstützung zu erlangen, hatte er mit seinem Vorgehen wenig Erfolg. Der Stadtrat verweigerte die Unterschrift mit dem Hinweis, dass eine eigene Adresse an den Staatskanzler geplant sei. "Von der Aktivität jedoch, die Görres und seine politischen Freunde entfalteten, unter Zugzwang gesetzt, beschloß der Stadtrat noch am 20. Oktober die Absendung der vorliegenden Adresse an Hardenberg. Auf diese Weise kam es innerhalb von zwei Tagen in Koblenz zu zwei verschiedenen Adressen, die - jedenfalls oberflächlich betrachtet - das gleiche Ziel verfolgten."

Für die Ablehnung der Görres-Adresse durch den Stadtrat werden zwei Gründe genannt. Zum einen wurde die Form einer Unterschriftensammlung missbilligt, zum anderen gingen die Ansichten über die Form der geforderten Verfassung zwischen Görres und den Mitgliedern des Stadtrates weit auseinander. Zwar hatte sich auch der Publizist in seinem Text auf das Trierer und Kölner Vorbild berufen, wollte aber mit seinen Verfassungswünschen an die "ständischen Verhältnisse des Mittelalters" anknüpfen, was von der Mehrheit des Stadtrates strikt abgelehnt wurde.

Die Adresse des Stadtrates wurde am 31. Januar 1818 von Hardenberg beantwortet, der versicherte, "daß er zur Erfüllung ihrer Wünsche mit Vergnügen alles beitragen werde, was die Verhältnisse des Staates irgend gestatteten." Im Jahre 1823 wurde die Absicht, eine allgemeine Landesvertretung zu schaffen endgültig aufgegeben. Friedrich Wilhelm III. gestand lediglich die Einrichtung von Provinzialständen zu. Der rheinische Provinziallandtag, der sich abwechselnd in Düsseldorf und Koblenz versammeln sollte, trat lediglich einmal 1845 im Koblenzer Schloss zusammen.

Quellen

Literatur

  •  M. Bär: Geschichte der Stadt Koblenz 1814/1914, Koblenz 1922    
  • G. F. Böhn: Die preußische Verfassungsfrage, in: Zeugnisse rheinischer Geschichte. Festschrift. 150 Jahre staatliche Archive in Düsseldorf und Koblenz, Neuss 1982, S. 78 - 80
  • H.-G. Borck, A. Grosche, D. Kerber u. M. Koelges: "... ein freies Volk zu sein !" Die Revolution von 1848/49. Begleitpublikation zur Ausstellung des Bundesarchivs in Zusammenarbeit mit dem Landesarchiv und dem Stadtarchiv in Koblenz. Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung, Bd. 77, Koblenz 1998
  • K.-G. Faber: Die Rheinlande zwischen Restauration und Revolution, Wiesbaden 1966
  • J. Herres: Das preußische Koblenz, in: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd.2. Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart, Stuttgart 1993, S. 49 - 118.
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