Der 19. Juni 1908. Dr. Ottmar Kohler. Der Engel von Stalingrad


Am 19. Juni 1908 wurde Ottmar Kohler, das Vorbild für den Konsalik-Roman "Der Arzt von Stalingrad" in Gummersbach geboren. Im Jahre 1939 wurde er zu einer freiwilligen Wehrübung eingezogen und kehrte erst 1954 aus russischer Gefangenschaft zurück. Im Kessel von Stalingrad und in vielen Gefangenenlagern bewährte sich Kohler als hervorragender Arzt , der in der Lage war, auch mit den primitivsten Mitteln und Werkzeugen schwierigste Operationen durchzuführen und so zahlreichen Mithäftlingen und Russen das Leben rettete. Hochgeehrt sah es Kohler aber auch nach seiner Rückkehr als seine Aufgabe an, sich aktiv für die Belange seiner Mitgefangenen einzusetzen. Dr. Kohler, dessen Nachlass im Landeshauptarchiv Koblenz verwahrt wird, starb 1979 in Idar-Oberstein.

Am 19. Juni 1908 wurde Ottmar Kohler als drittes Kind eines in Ostpreußen praktizierenden Arztes in Gummersbach geboren. Da der Vater einige Monate vor seiner Geburt starb, zog die Mutter, die ebenfalls aus einer traditionsreichen Ärztefamilie stammte in ihre Heimat nach Gummersbach zurück. Im Jahre 1927 bestand Kohler an der Oberrealschule Gummersbach das Abitur und begann sich ebenfalls auf eine Laufbahn als Arzt vorzubereiten. Das Studium der Medizin absolvierte Kohler als Werkstudent an den Universitäten Rostock, Wien und Köln. Im Wintersemester 1932/33 machte er sein Abschlussexamen als Bester unter 75 Medizinstudenten seines Jahrgangs. Seinen ursprünglichen Wunsch als praktischer Arzt zu arbeiten, revidierte er zu Gunsten einer Ausbildung zum Chirurgen. 1934 begann er mit seiner Tätigkeit als Assistent am Krankenhaus Köln-Mühlheim, wo der Plan entstand, eine Universitätslaufbahn einzuschlagen. Nachdem Kohler im Jahre 1938 seine Facharztprüfung abgelegt hatte, absolvierte er im Sommer 1939 eine freiwillige sechswöchige Übung beim Infanterieregiment 45 in Marienburg (Westpreußen). Es sollte 15 Jahre dauern, bis Dr. Kohler wieder in das zivile Leben zurückkehren konnte.

Ab September 1939 wurde Kohler zum Kriegseinsatz bei der 60. Infanteriedivision eingezogen. Seine Einheit wurde bei Feldzügen in Frankreich, auf dem Balkan und in Russland eingesetzt. Im Spätherbst 1942 erreichte er mit seiner Division Stalingrad. Im Dezember des gleichen Jahres erhielt er Urlaub von der russischen Front, um sich von den Folgen einer Kopfverletzung zu erholen, die er sich bei einem Motorradunfall zugezogen hatte. Obwohl "die Stalingradfront bereits ins Wanken geriet", bemühte sich Kohler nicht um eine Verlängerung seines Urlaubs, sondern flog zurück in den Kessel. Als Arzt war er nicht nur in den letzten Wochen des Kessels, sondern auch in den russischen Gefangenenlagern von denen er in den nächsten Jahren sehr viele sah, unentbehrlich. "Nach Monaten unvorstellbarer Strapazen begann auch für Dr. Kohler am 2. Februar 1943 der Marsch in die Gefangenschaft, der für viele im eisigen Steppenwind Rußlands ein Marsch in den Tod wurde. ... Für Dr. Kohler begann jetzt bei all den persönlichen Entbehrungen eine Zeit, die nur im Zeichen der Nächstenliebe und der Menschlichkeit stand. Helfen, helfen und nochmals helfen, war sein Grundsatz, der ihn Tag und Nacht auf den Beinen hielt, der ihn befähigte, nahezu bar jeder technischen Hilfsmittel unter den primitivsten Verhältnissen ungezählten Kameraden das Leben zu retten."

Als Kohler im Herbst 1949 einem Kriegsgefangenentransport zugeteilt wurde, dessen sanitäre Versorgung er zu organisieren hatte, war die Rückkehr nach Deutschland in greifbare Nähe gerückt. Aber die Hoffnung wurde enttäuscht. "Anstatt seine Freiheit wiederzuerlangen, wurde Kohler vor Gericht gestellt und bezichtigt, abfällige Bemerkungen über die russische Revolution gemacht zu haben. Die Verhandlung dauerte fünf Minuten; er wurde zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt." Kohler blieb allerdings nur fünf Monate in Haft und wurde dann wieder als Arzt in einem Krankenhaus in Stalingrad eingesetzt. Mit einem der letzten Rückführungstransporte traf er schließlich am 1. Januar 1954 im Aufnahmelager Friedland ein. Sein Ruf war ihm bereits lange vorausgeeilt. Durch die Erzählungen zahlreicher Heimkehrer war er bereits zu einer Legende geworden und wurde als "Volksheld" gefeiert.

Natürlich ging Kohler auch als Zivilist seiner Berufung nach und arbeitete als Arzt. Von 1954 bis 1957 war er als Oberarzt an der 2. Chirurgischen Universitätsklinik Köln tätig. Seit März 1957 wurden ihm die Aufgaben des Chefarztes der Chirurgischen Abteilung und des ärztlichen Direktors der Städtischen Krankenanstalten Idar-Oberstein übertragen. Zu seiner Zeit in Stalingrad und seiner Tätigkeit in den unterschiedlichen Gefangenenlagern äußerte er sich kaum. Auch als seine Person durch das Erscheinen des Konsalik-Romans "Der Arzt von Stalingrad" wieder in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit gerückt wurde, bezeichnete Kohler seine Verdienste als Selbstverständlichkeit und lehnte jede Heldenverehrung ab. Intensiv setzte er sich aber weiterhin für die Belange seiner Mithäftlinge ein und forderte immer wieder die gesellschaftliche Verantwortung für Heimkehrer und die Hinterbliebenen. Bei seinen zahlreichen Vorträgen forderte er aber auch die Überlebenden auf, ihre schlimmen Erlebnisse in Krieg und Gefangenschaft als Berufung zu verstehen. "Es ist der tiefere Sinn dieses Zusammenschlusses ehemaliger Stalingradkämpfer und seiner Treffen, daß wir, die etwas Besonderes erlebten, uns gegenseitig darin helfen, daß dieses Erleben fruchtbar gemacht wird für unser Volk, für die Welt, für die Zukunft. In allen Kriegsgefangenenlagern dieser Welt hat es nach dem letzten Kriege ein großes Sterben gegeben. Wir ehemaligen Kriegsgefangenen wissen am besten darum. Die ehemaligen Kriegsgefangenen aller Nationen sollten sich dafür einsetzen, daß sich das nicht wiederholt. Wir wollen alle dafür eintreten, daß es nie wieder einen Krieg gibt." Dr. Ottmar Kohler starb am 27. Juli 1979 in Idar-Oberstein.

Quellen

  • LHAKo Bestand 700,184 Nachlass Dr. Ottmar Kohler    
  • LHAKo Bestand 713, Nr. 34. Nationalblatt. Amtliche Tageszeitung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei und aller Behörden in den Kreisen Kreuznach und Simmern, 1942 und 1943

Literatur

  • A. Beevor: Stalingrad, München 1999    
  • A. Holl: Was geschah nach Stalingrad. 7¼ Jahre als Kriegs- und Strafgefangener in Russland, Duisburg 1965
  • G. Knopp: Stalingrad, München 2003
  • K. Pätzold: Stalingrad und kein Zurück. Wahn und Wirklichkeit, 2002

 

 

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