Der 18. Oktober 1861. Krönung und Heereskonflikt

Zum ersten Mal seit der Begründung des preußischen Königshauses im Jahre 1701 fand am 18. Oktober 1861 in Königsberg wieder die Krönung eines preußischen Königs statt. Mit der Regierungsübernahme Wilhelms I., der bereits seit 1858 seinen erkrankten Bruder Friedrich Wilhelm IV. als Regent vertreten hatte, wurden große Hoffnungen und Erwartungen verbunden. Die Regierung des neuen Königs führte allerdings nicht zu der erhofften moderaten Liberalisierung, sondern zu einem ernsten Konflikt über Heer und Verfassung, in dem auch die Krönungsfeierlichkeiten eine wichtige Rolle erhielten.

Am 18. Oktober 1861 wurde Wilhelm I. in der Schlosskapelle von Königsberg feierlich zum preußischen König gekrönt. Wilhelm, der am 22. März 1797 als zweiter Sohn von Kronprinz Friedrich Wilhelm und Luise, der Tochter des Herzogs von Mecklenburg-Strelitz geboren worden war, hatte am 7. Oktober 1858 die Regentschaft für seinen unheilbar kranken Bruder Friedrich Wilhelm IV. übernommen. Die Regierungsübernahme des ehemaligen "Kartätschenprinzen" wurde von Liberalen und Konservativen gleichermaßen als Epochenwechsel empfunden. Zahlreiche Erwartungen und Hoffnungen wurden mit der "Neuen Ära in Preußen" verbunden. Der Prinz galt als "Verfechter eines liberal- konservativen Kompromisses, eines vernünftigen und gerechten Ausgleichs zwischen Autorität und Freiheit, einer schrittweisen Transformation der rechtsstaatlich-konstitutionellen Verfassungsnormen in eine rechtsstaatlich- konstitutionelle Verfassungswirklichkeit." Im Gegensatz zu den testamentarisch niedergelegten Wünschen Friedrich Wilhelm IV. leistete Wilhelm bei der Übernahme der Regentschaft den Eid auf die Verfassung und entließ die Reaktionsminister, um die Regierung mit einem konservativ-liberalen Kabinett zu führen. Diese Ansätze führten allerdings nicht zu der erhofften moderaten Liberalisierung, sondern zu einen ernsten Konflikt über Heer und Verfassung, in dem die Krönung Wilhelm I. nach der endgültigen Regierungsübernahme eine wichtige Facette bildete.

In den Monaten zwischen dem Tod Friedrich Wilhelms IV. und den Krönungsfeierlichkeiten im Oktober erreichte allerdings ein anderer Konflikt einen vorläufigen Höhepunkt. Die Vorschläge des im November 1859 von Wilhelm ernannten Kriegsministers Albrecht von Roon zur Heeresreform sahen neben der Erhöhung der Rekrutenzahl, eine Umschichtung zwischen Landwehr und Linie vor, sowie die Festlegung der aktiven Dienstzeit auf drei Jahre. Die geplante "Vermehrung der Kader von Offizieren, Unteroffizieren und länger dienenden Soldaten [...] riefen Misstrauen bei den Bürgern hervor; der Zorn über die Privilegien der Offizierskaste und die Privilegierung des Adels regte sich und der Verdacht, Junker und reaktionäre Offiziere wollten eine Parteiarmee aufbauen - nicht nur gegen die Revolution, die wollte man ja auch nicht, sondern - gegen das Land, gegen die liberale und bürgerliche Gesellschaft." Der hierdurch hervorgerufene Konflikt mit dem liberalen Bürgertum und seinen parlamentarischen Vertretern wurde im preußischen Abgeordnetenhaus ausgetragen. Obwohl die Abgeordneten über die militärorganisatorische Seite der Reform an sich nicht zu entscheiden hatten, wurde das Budgetrecht als Mittel verwendet, die Vorbehalte gegen die Heeresreform deutlich zu machen. Am 15. Mai 1860 bewilligte das Parlament Finanzmittel für ein "Provisorium", und war auch ein Jahr später noch zu diesem Kompromiss bereit. Die Regierung schuf allerdings auf dieser Grundlage "ein militärrechtliches Definitivum" und brachte dies vor allem bei den Krönungsfeierlichkeiten deutlich zum Ausdruck.


Diese Feierlichkeiten, die mit großem Aufwand vorbereitet wurden und auch bei der Bevölkerung des Rheinlandes auf lebhaftes Interesse stießen, entwickelten sich innerhalb des entstehenden Konfliktes zu einem nicht unerheblichen Stein des Anstoßes. Natürlich stand auch in der Rheinprovinz der prunkvolle Rahmen dieser seltenen Feierlichkeiten im Mittelpunkt des Interesses. Tagelang berichteten die Zeitungen über alle Details der Vorbereitungen und informierten ab dem 13. Oktober genauestens über den Verlauf der Reise der königlichen Familie von Berlin nach Königsberg und die dortigen Programmpunkte ihres Aufenthalts. Das "Intelligenz-Blatt für den Kreis Simmern und dessen Umgebung" beschrieb in seiner Ausgabe vom 22. Oktober den Verlauf der Zeremonie, die am Morgen um 10 Uhr mit einem Gottesdienst und der eigentlichen Krönung begann und mit einem Feuerwerk und einer Rundfahrt des Königspaares durch die Stadt am Abend endete. Auch das "Anzeigenblatt für Rheinhessen" lieferte seinen Lesern ausführliche Details z. B. über das Abendprogramm. "Die gestrige Illumination war mehr als glänzend. Sie erstreckte sich auf die entferntesten Stadtteile, auf die Wohnungen der Aermsten. Der König, die Königin und das kronprinzliche Paar wurden bei der Umfahrt mit Enthusiasmus empfangen, waren sichtlich erfreut und dankten grüßend nach allen Seiten."

Andererseits druckte das "St. Goarer Kreisblatt" am 22. Oktober eine Rede ab, die der König vor den Regimentskommandeuren der Armee gehalten hatte: "Ich habe Sie hier versammelt, um einer Feier beizuwohnen, die zu den seltensten in der Geschichte gehört. [...] Ich habe die Fahnen und Sie meine Herren, als die höchstgestellten Generale der Armee und sämmtliche Regiments-Commandeure, versammelt um im Namen der Armee Zeugen der hochwichtigen Feier zu sein, welcher wir entgegengehen. Von Gottes Händen ist mir die Krone zugefallen, und wenn Ich Mir dieselbe von Seinem geweihten Tische auf das Haupt setzen werde, so ist es sein Segen, der Sie mir erhalten wolle!" Unter den an dem Festakt teilnehmenden Abordnungen des Heeres befanden sich auch die Kommandeure und Fahnen der nur provisorisch aufgestellten neuen Regimenter, wodurch der König als Kriegsherr deutlich zu verstehen gab, dass er die Heeresvermehrung nicht als Provisorium sondern als feststehende Tatsache ansah.

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