Der 18. Juni 1799. Joseph Görres und der Staatsstreich vom 30. Prairial in Paris

Der durch die Französische Revolution eingeleitete Übergang von den ständisch gegliederten Territorien des 18. Jahrhunderts zur staatsbürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts war in den von Frankreich annektierten linksrheinischen Gebieten eng mit dem Namen Joseph Görres verbunden. Voller Begeisterung für die Ziele der Französischen Revolution setzte sich Görres für einen Rheinstaat unter französischem Protektorat ein. Den Staatsstreich vom 18. Juni 1799 in Paris nahm er zum Anlass, um sich vehement gegen die Missstände in der französischen Verwaltung der linksrheinischen Gebiete auszusprechen und für eine Rückkehr zu den ursprünglichen Ideen der Revolution zu plädieren.

Unter dem Eindruck der militärischen Misserfolge der französischen Truppen im Frühjahr 1799 in Italien und in der Schweiz kam in Paris die Unzufriedenheit gegen die Herrschaft des Direktoriums zum Ausbruch. Am 18. Juni wurde die personelle Zusammensetzung des Direktoriums und der Ministerien grundlegend geändert. Die durch den Sieg der Opposition und das vorläufige Wiedererstarken der Jakobiner in Frankreich ausgelöste instabile Situation beeinflusste auch die Entwicklung in den vier rheinischen Departements in der zweiten Hälfte des Jahres 1799.

Die radikalrepublikanische Bewegung in den linksrheinischen Gebieten, die sogenannten "Patrioten", erhoffte sich durch den Staatsstreich ein Wiederaufleben der ursprünglichen Ideen der Revolution. Der Wortführer der Patrioten war der junge Johann Joseph Görres, der Sohn eines Koblenzer Holzhändlers. Görres hatte sich seit dem Frühjahr 1797 in zahlreichen Veröffentlichungen und Aufrufen für die Abtrennung der linksrheinischen Gebiete vom Reich und ihre Angliederung an die französische Republik eingesetzt. Mit der ihm eigenen scharfen und häufig auch satirisch geprägten Sprache attackierte er die deutlichen Missstände in der Verwaltung der französischen Besatzer. Den Staatsstreich vom 18. Juni sah Görres als den entscheidenden Moment, die Korruption, Unterschlagung und Nachlässigkeit der französischen Beamtenschaft anzuprangern und zu beseitigen.

Am 28. Juni erläuterte Görres in Koblenz die Konsequenzen, die seiner Meinung nach aus den Ereignissen in Frankreich am 18. Juni gezogen werden müssten. Er legte seinen Zuhörern eine Adresse an die Pariser Regierung vor, in der die Zustände in dem Rhein-Mosel-  Departement beschrieben werden und die Hoffnung zum Ausdruck gebracht wird, dass sich die Lage nach dem Staatsstreich sowohl in Frankreich als auch in den linksrheinischen Gebieten deutlich bessert.

Ihre endgültige Fassung erhält die Adresse erst Ende Juli und wird dann als Beilage zu der Monatsschrift Rübezahl verbreitet. Ob die von Görres verfasste Adresse tatsächlich nach Frankreich übermittelt worden ist, ist nicht bekannt. Die Antwort der französischen Departementverwaltung auf die Adresse und die in der Öffentlichkeit formulierten Kritik des jungen Koblenzers war eindeutig. Görres musste von Anfang Oktober bis zum 1. November 1799 eine Gefängnisstrafe verbüßen.

Quellen

  • LHA Koblenz, Bestand 241 ff, Nr. 785. Acta betr. die Organisation des Rhein- und Mosel-Departements bis November 1799    
  • LHA Koblenz, Bestand 710, Nr. 1425. Foto von Johann Joseph Görres nach einem Gemälde von Settegast
  • J. Görres: Politische Schriften der Frühzeit (1795 - 1800). Gesammelte Schriften, Bd. 1, herausgegeben im Auftrag der Görres-Gesellschaft v. W. Schellberg, Köln 1928
  • Quellen zur Geschichte des Rheinlandes im Zeitalter der Französischen Revolution 1780 - 1801. Gesammelt und herausgegeben von J. Hansen, 4. Band, 1797 - 1801. Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde, Quellen zur Geschichte des Rheinlandes im Zeitalter der Französischen Revolution 1780 - 1801, Bd.XLII, Bonn 1938

Literatur

  • K. d`Ester: Der junge Görres und die französische Zensur, in: Westdeutsche Zeitschriften für Geschichte und Kunst, Jg. 30, 1911, S. 109 ff.   
  • Görres und Koblenz. Ein Katalog zur Ausstellung, die die Stadtbibliothek Koblenz aus Anlass des 200. Geburtstages von Görres am 25.01. 1976 veranstaltet. Bearbeitet v. E. Langner u. H.-J. Schmidt. Mit zwei Beiträgen von H.-J. Schmidt und einem Beitrag von Udo Liessem, Koblenz 1976 
  • H. Kampmann: Koblenzer Presse-Chronik. 80 Zeitungen aus drei Jahrhunderten, Koblenz 1988 
  • J. Müller: Die französische Herrschaft, in; Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2. Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart, herausgegeben von der Energieversorgung Mittelrhein, GmbH. Gesamtredaktion I. Bátori in Verbindung mit D. Kerber und H.J. Schmidt, Stuttgart 1993, S. 19 - 48  
  • H. Raab: Joseph Görres. Ein Leben für Freiheit und Recht. Paderborn, München, Wien, Zürich 1978 
  • H. Raab: Joseph Görres, in: Rheinische Lebensbilder, Bd. 8, herausgegeben im Auftrag der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde v. B. Poll, Köln 1980, S. 183 - 204
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