Der 18. April 1900. Die Handwerkskammer Koblenz wird gegründet

Am 18. April 1900 fand die Gründungsversammlung der Handwerkskammer Koblenz im Rathaussaal der Stadt statt. Durch die "Novelle zur Gewerbeordnung", vom 26. Juli 1897, die am 1. April 1900 in Kraft trat und u. a auch die Voraussetzungen für die Einrichtung von Handwerkskammern und deren Aufgabenkreis definierte, waren die Vorbereitungen zur Kammergründung ermöglicht worden. Unter der Führung der beiden ersten Vorsitzenden Anton Neidhöfer und ab 1902 Heinrich Müller wurden die Grundlagen für den weiteren Ausbau des Organisationsaufbaus der Kammer und die damit einhergehende Verbesserung der Situation der Handwerkerschaft erfolgreich erarbeitet. Stichworte wie Lehrlingsausbildung, Einrichtung der Meisterprüfungskommissionen und Einrichtung eines Handwerker-Erholungsheimes sind nur einige Beispiele für die positive Bilanz der Aufbaujahre der Handwerkskammer Koblenz. Sie waren der Grundstein für die dynamische Entwicklung einer modernen Selbstverwaltung, die auch die schweren Rückschläge durch die beiden Weltkriege verkraftet hat und mit Berechtigung optimistisch in die Zukunft blicken kann.  

Ihre Anerkennung als entscheidende Grundlage für die Entstehung einer zukunftsweisenden und effektiven Selbstverwaltung des deutschen Handwerks hat die "Novelle zur Gewerbeordnung" vom 26. Juli 1897 angesichts der überaus erfolgreichen Geschichte und der großen Bedeutung der heutigen Organisationsstruktur des Handwerks zu recht erhalten. Bereits seit 1848 hatte sich das Handwerk für die Schaffung eines rechtlichen Rahmens seiner Arbeit eingesetzt. Der Gewerbefreiheit wurde die Forderung nach einer berufsständisch gebundenen Selbstverwaltung entgegengestellt. Mit der Gewerbeordnung von 1869, die nach der Reichsgründung auch in den süddeutschen Staaten Rechtswirksamkeit erhielt, setzte sich allerdings die uneingeschränkte Gewerbefreiheit durch. Zwar wurden im Jahr 1881 Innungen auf freiwilliger Basis wieder zugelassen aber erst 1897 erhielten die intensiven Bemühungen der Handwerkerschaft, die durch die Reichstagsfraktionen der Konservativen und des Zentrums unterstützt wurden, einen positiven Abschluss. Nach den langjährigen Auseinandersetzungen zwischen den Befürwortern der Gewerbefreiheit und des Handwerkerschutzes konnte am 24. Juni 1897 die Novelle zur Reichsgewerbeordnung mit unerwartet großer Mehrheit im Reichstag verabschiedet werden. Dieses "Handwerkerschutzgesetz" regelte neben den Voraussetzungen für die Errichtung von Innungen und die Organisation des Ausbildungswesens insbesondere die Einrichtung und den Aufgabenumfang von Handwerkskammern und war damit die Initialzündung für die Gründung von 63 Handwerkskammern auf dem Territorium des damaligen Deutschen Reiches. Dazu kamen fünf bereits bestehende Gewerbekammern in Sachsen und drei in den Hansestädten Hamburg, Bremen und Lübeck. Auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Rheinland-Pfalz fanden am 20. April bzw. am 7. Mai 1900 die Gründungsversammlungen der Handwerkskammern Trier und Kaiserslautern statt. Als erste auf rheinland-pfälzischen Gebiet wurde die Handwerkskammer Koblenz gegründet..

Der Statutenentwurf für die Handwerkskammer Koblenz, der Koblenz als Sitz, den Regierungsbezirk Koblenz als Amtsbezirk und die Einrichtung einer eigenen Abteilung für die Exklave Wetzlar festlegte, erhielt am 14. August 1899 die ministerielle Genehmigung. Nachdem im Dezember die Schaffung des erforderlichen Unterbaus, die Gründung der noch ausstehenden Innungen und Gewerbevereine weitgehend abgeschlossen war, konnten die Wahlen zur Handwerkskammer stattfinden. Nachdem Kaiser Wilhelm II. schließlich am 1. April 1900 die Bestimmungen der Novelle zur Gewerbeordnung, die die Handwerkskammer betrafen, in Kraft gesetzt hatte, konnte am 18. April die erste Vollversammlung der "Handwerkskammer zu Coblenz" stattfinden.

Die folgenden Jahre waren vor allem geprägt von den engagierten Bemühungen, den Organisationsaufbau der Kammer weiterzuführen und die Arbeitsbedingungen der Handwerkerschaft deutlich zu verbessern. Ein wichtiger Schritt auf diesem Wege war die Erarbeitung grundlegender Regelungen zur Verbesserung der Ausbildung von Lehrlingen, die sehr schnell zu ersten Erfolgen führte. Bis 1902 waren beispielsweise in Ahrweiler, Boppard, Cochem, Kastellaun, Oberwesel und Stromberg Fortbildungsschulen eingerichtet und weitere Gründungen standen unmittelbar bevor. 1903 hatten bereits 2.055 der 4.900 Lehrlinge eine Fortbildung besucht. Darüber hinaus sprach sich die Handwerkskammer Koblenz von Anfang an für eine Kopplung des Rechts zur Lehrlingsausbildung an einen Meistertitel aus. Im Jahre 1902 bildete die Kammer dementsprechend insgesamt 21 Meisterprüfungskommissionen. Am 18. Juli 1902 legten die ersten fünf Handwerker erfolgreich die Meisterprüfung ab und bildeten damit den Beginn einer langen Reihe hochqualifizierter Fachleute, die vor den Kommissionen ihr Wissen unter Beweis stellten.

Quellen

  • LHAKo Bestand 403, Nr. 8309. Acta betr. das Innungswesen, Organisation des Handwerks und Regelung des Lehrlingswesens, 1897 - 1900  
  • LHAKo Bestand 403, 8010. Acta betr. das Innungswesen, Organisation des Handwerks und Regelung des Lehrlingswesens, 1900 - 1902
  • LHAKo Bestand 441, Nr. 22692. Acta betr. die Organisation des Handwerks im Stadt- und Landkreis Koblenz, 1899
  • LHAKo Bestand 710, Nr. 6803. Bauhandwerker um die Jahrhundertwende
  • LHAKo Bestand 710, Nr. 9859. Fahrstuhlbau um die Jahrhundertwende
  • Handwerkskammer Koblenz. Photo des ersten Kammervorsitzenden der Handwerkskammer Koblenz Anton Neidhöfer
  • Handwerkskammer Koblenz. Photo des zweiten Kammervorsitzenden Heinrich Müller
  • Stadtbibliothek Koblenz. Coblenzer Generalanzeiger, 1899 und 1900 
  • Stadtbibliothek Koblenz.Coblenzer Volkszeitung, 1899 und 1900 
  • Reichsgesetzblatt vom 26.07. 1897, Berlin 1897 

Literatur

  • F. Blaich: Staat und Verbände in Deutschland zwischen 1871 und 1945, Wiesbaden 1974   
  • H. Blume: Ein Handwerk - Eine Stimme. 100 Jahre Handwerkspolitik 100 Jahre Handwerkskammern, 100 Jahre Deutscher Handwerkskammertag, 100 Jahre Miteinander mit Innungen und Verbänden, 50 Jahre Zentralverband des Deutschen Handwerks. Eine historische Bilanz handwerklicher Selbstverwaltung, o. O, o. J. 
  • Fünfzig Jahre Handwerkskammer Koblenz 1900 - 1950, Koblenz 1950 
  • Handwerk Brücke zur Zukunft. 75 Jahre Handwerkskammern in Deutschland, hg. v. Deutschen Handwerkskammertag, Bonn 1975 
  • Handwerk im Grenzland. Internationale Ausstellung Trier, hg. v. der Handwerkskammer Trier, Trier 1950 
  • P. John: Handwerk im Spannungsfeld zwischen Zunftordnung und Gewerbefreiheit. Entwicklung und Politik der Selbstverwaltungsorganisationen des deutschen Handwerks bis 1933, Köln 1987 
  • J. Rath: Die Handwerkskammer Koblenz 1897/1900 - 1943/45, Ms., Koblenz 1999 
  • H. Schiessel: Die Lage des Handwerks im Lande Rheinland-Pfalz, München 1966
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