Der 17. September 1903. Die Hunsrücker Zeitung

Von dem ersten Erscheinen einer Zeitung für den Hunsrück im Jahre 1838 bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Hunsrücker Zeitung, die am 1. Januar 1843 aus der Taufe gehoben worden war, zu einer vielseitigen Tageszeitung. Der eindeutige Schwerpunkt einer überregionalen Berichterstattung wurde durch einen Lokalteil ergänzt und durch die Möglichkeit der Meinungsäußerung unter der Rubrik "Eingesandt" abgerundet und vermittelt so einen interessanten Einblick auf eine sehr ländlich geprägte Region der damaligen Rheinprovinz.  

Der Buchdrucker Johann Maurer aus Simmern erhielt bereits Ende des Jahres 1838 eine Konzession für die Gründung einer Zeitung. Es wird vermutet, dass "der Hunsrücken" das erste "Periodikum" im gesamten Hunsrück gewesen ist. Da dieses Blatt nur einen sehr beschränkten Leserkreis erreichte, nahm Maurer die Anregung des damaligen Landrats von Moeller auf und wandelte die Zeitung in ein amtliches Blatt mit dem Titel "Intelligenzblatt für den Kreis Simmern und dessen Umgebung" um, das am 1. Januar 1843 zum ersten Mal erschien. Maurer sicherte sich damit einen festen Abnehmerkreis, da bestimmte Personenkreise wie Apotheker, Beamte u. ä. sowie die Gemeinden das Blatt zu halten hatten. Der Landrat erhielt durch die Neugründung die Möglichkeit, ein amtliches Organ zu schaffen, "in dem er Bekanntmachungen und Erlasse veröffentlichen und durch Aufsätze von Fachleuten auf die wirtschaftliche Entwicklung seines Kreises einwirken konnte." Aus dieser Zeitung, die 1869 den Namen "Hunsrücker Zeitung" erhielt, entwickelte sich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ein recht umfangreiches Blatt, das mehrere Namensänderungen und Besitzerwechsel überstanden hatte.

Vor hundert Jahren, am 17. September 1903 wurde die Titelseite der Hunsrücker Zeitung von der zu dieser Zeit auch im Hunsrück immer wieder präsenten Maul- und Klauenseuche dominiert. "Prachtvoll ist in diesem Jahre der Stand der Felder auf dem Hunsrück; der zähe Fleiß seiner Bewohner ringt dem Boden ab, was nur möglich ist, und mit zufriedenem Blick rühmt der Hunsrücker Bauer seinen wachsenden Wohlstand. Doch urplötzlich verschwindet der Ausdruck der Zufriedenheit von dem Antlitz des Hunsrückers, wenn die Rede auf die Maul- und Klauenseuche kommt. Der Ausdruck größten Unmuts macht sich in seinen Zügen bemerkbar, und aus seinem Munde kommen bitterböse Worte, so daß man den sonst so loyalen und geduldigen Hunsrücker kaum wieder erkennt." Der aus der "Kölner Zeitung" entnommene Artikel berichtete weiter, dass in den vergangenen sechs Jahren besonders der Kreis Simmern unter den umfangreichen Sperr- und Reglementierungsmaßnahmen zur Abwehr der Seuche zu leiden gehabt hatte. Die Maßnahmen behinderten die Bauern empfindlich in ihrer Arbeit und verursachten einen "ungeheueren wirtschaftlichen Schaden", was den Unmut der Betroffenen hervorrufe, die ohnehin bestritten, dass die behördlich angeordneten Vorkehrungen gegen die Viehkrankheit eine Wirkung hätten. Die Hunsrücker hätten schon Bittschriften an den zuständigen Minister und an den Reichskanzler mit der Bitte gesandt, zumindest einen Teil der Sperrmaßnahmen aufzuheben.

Die Sparte Unterhaltung wurde, wie in dieser Zeit in vergleichbaren Tageszeitungen üblich, durch einen Fortsetzungsroman vertreten. In dieser Ausgabe konnte sich der Leser über die fünfte Fortsetzung der Erzählung "Der Seidenhändler von Damaskus" freuen. Die zweite Seite des Blattes informierte unter der Rubrik "Politische Rundschau" über die Reise des Kaisers Wilhelm II. nach Ungarn und über den ersten oberschlesischen Gautag des Deutschen Ostmark Vereins. Eine einem Lokalteil zumindest annähernd nahe kommende Berichterstattung wurde ebenfalls auf der zweiten Seite unter der Überschrift "Hunsrück und Nachbarschaft" geboten. Hier fand sich auch eine Ergänzung zu dem Leitartikel über die Maul- und Klauenseuche. Der Leser wurde informiert, dass die Eingabe der Hunsrückbauern in einer Sonderausgabe des Amtsblattes beantwortet wurde. Der Regierungspräsident mahnte die genaue Einhaltung der Anzeigepflicht an und empfahl "jeden Wechsel im Viehbestand zu vermeiden." Ein ausführlicher Bericht über eine Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vom 14. September schließt sich an. Die Hauptversammlung des landwirtschaftlichen Vereins, die vom 26. bis 29. September stattfinden sollte, wurde mit dem Hinweis angekündigt, dass eine große Besuchermenge zu erwarten sei. Es sei deshalb ratsam, sich möglichst frühzeitig eine Unterkunft zu sichern. Neben den für die ländliche Region sehr wichtigen Informationen über den Winterfahrplan fand sich auch ein ausführlicher Bericht über den "Ansichtskartenverkauf in den Wirtschaften".

Auch die Meinung der Leserschaft wurde in der "Hunsrücker Zeitung" berücksichtigt. Unter der Rubrik "Eingesandt" konnte der Interessierte in der Ausgabe des 17. Septembers z. B. den vorläufigen Höhepunkt einer "kleinen Preßfehde zwischen zwei Lehrern des Kreises" verfolgen. In der Ausgabe vom 12. September hatte ein Lehrer in unterhaltsamen Ton über eine Wanderung durch die Naturschönheiten des Hunsrück berichtet. Dabei waren ihm und seinen Reisegefährten im Dorf Mannebach das "ungebührliche" Verhalten einiger Kinder unangenehm aufgefallen, was er zum Anlass nahm, ein scherzhaftes Gedicht über die in dem Dorf seiner Meinung nach notwendigen Erziehungsmaßnahmen mit der Rute abdrucken zu lassen. Die Reaktion des zuständigen Lehrers erfolgte prompt in der nächsten Ausgabe. Unter der Überschrift "Wer dichtet hat gewöhnlich eine rege Phantasie und dichterische Freiheit" wurde die Anwesenheit von Kindern in Mannebach zum betreffenden Zeitpunkt bestritten, da im benachbarten Ort Kirmes war. Der Beleidigte beschwerte sich über die Veröffentlichung und bedauerte, dass die Wanderer ihre Beobachtungen nicht direkt dem zuständigen Lehrer mitgeteilt hätten, zumal ihr Weg sie an dem Schulhaus vorbeigeführt habe. Auf diesen Vorwurf erfolgte die Antwort am 17. September. Es sei nicht seine Absicht gewesen, den örtlichen Lehrer zu kränken, der Vorfall habe sich aber genauso abgespielt, wofür er auch Zeugen nannte. Auch andere Lehrer gaben in dieser Ausgabe der Zeitung ihren Kommentar zu den Vorfall ab, so dass sich der Kreisschulinspektor am 19. September schließlich gezwungen sah, ebenfalls über die Hunsrücker Zeitung vermittelnd einzugreifen.

Abgesehen von diesem Lehrer-"Intermezzo" hatte die weitere Berichterstattung von diesem Tage einen eindeutigen überregionalen Charakter. Neben einem Bericht über Papst Pius X. und den Wetternachrichten aus aller Welt erfährt der Leser auch, dass der Reifrock seinen Siegeszug in der Mode angetreten hatte. Fehlen durften in dieser regionalen Zeitung natürlich auch nicht die Werbe- und Familienanzeigen, die auf der letzten Seite zu finden waren.

Quellen

Literatur

  • Der Hunsrück. Beiträge zur Natur, Kultur und Geschichte, Bernkastel-Kues 1971    
  • Der Hunsrück. Merian. Das Monatsheft der Städte und Landschaften, Heft 6, Hamburg 1962
  • R. Kuhn: Die Hunsrücker Zeitung 1843-1915, Diss. phil, München 1956
  • W. Mathern: Hieronymus Rhodler und seine berühmte Druckerei in Simmern, in: Hunsrücker Heimatkalender 1953

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