Der 17. April 1851. Seidenbau in der Rheinprovinz

Am 17. April 1851 erschien im Amtsblatt der königlichen Regierung zu Koblenz eine Auflistung der Ergebnisse der Haspelanstalten des Regierungsbezirks, wo die Kokons des Seidenspinners zu Seidenfäden weiterverarbeitet wurden. Die Liste sowie eine Umfrage unter den Bürgermeistern und Landräten des Regierungsbezirks zeigten, daß die vielfältigen Bemühungen zur Ansiedelung der Seidenherstellung, die seit den 20er Jahren unternommen worden waren, Erfolg gehabt hatten. Zwar wurde die Rheinprovinz nie zu einer "Hochburg" der Seidenherstellung, im April 1851 hatte dieses Gewerbe allerdings eine bemerkenswerte Verbreitung, die es auch in den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts nicht wieder erreichte, als der Reichsbauernführer die Wiederaufnahme des Seidenbaus empfahl.  

In Nummer 16 des Amtsblattes der königlichen Regierung zu Koblenz vom 17. April 1851 teilte Oberpräsident Rudolf v. Auerswald die Resultate der in der Rheinprovinz befindlichen Haspelanstalten mit, woraus hervorging, dass die Seidenzucht einen deutlichen Aufschwung verzeichnen konnte. Auch in dem Bericht des Vereins zur Beförderung des Seidenbaus aus dem gleichen Jahr wurde diese positive Tendenz hervorgehoben. "Die Theilnahmlosigkeit und Erschlaffung, welche nach dem Jahre 1848 auf dem Gebiete des Vereinswesens, so weit dasselbe das landwirthschaftliche Gewerbe betrifft, sich im Allgemeinen gezeigt hat, trifft unseren Verein weit weniger. Im Gegentheil begann der inländische Seidenbaubetrieb in schnellerer Progression sich auszubreiten. [...] Die Menschen kehren oft schwerer zu einmal verlassenen Lebensgewohnheiten und Erwerbsquellen zurück, sobald sich ihnen neue Hoffnungen eröffnen und es ist erklärlich, daß eine neu erblühende Industrie, wie es bei uns die Seidenzucht ist, welche, bei sehr mäßigen technischen Kenntnissen, einen reichlichen Lohn in einer kurzen Jahresperiode verheißt, von der arbeitenden Bevölkerung allmälig um so freudiger begrüßt wird, da es nicht unbekannt bleiben konnte, wie ganze Länder der Seidenzucht großen Wohlstand verdanken."

Zuschüsse für den Ankauf von Maulbeerbäumen, die in der Landesbaumschule in Engers gezogen wurden, und umfangreiche Werbemaßnahmen zeigten bald sichtbare Erfolge. Vor allem die "Landschullehrer", die aufgrund ihrer meist sehr schlechten Bezahlung die Möglichkeit für einen einträglichen Nebenerwerb gerne wahrnahmen, förderten die Verbreitung der Seidengewinnung. Mit der Unterstützung der Schülerinnen und Schüler wurden Maulbeerbäume angepflanzt, mit deren Blättern die aus den Eiern geschlüpften Raupen des Seidenspinners bis zu dreimal täglich gefüttert werden mussten, bis sie sich nach etwa fünf Wochen in ihren Kokon einsponnen, in dem sie sich zur Puppe entwickeln. Diese Kokons wurden an die Haspelanstalten geliefert, wo sie in heißem Wasser eingeweicht wurden damit die Fäden anschließend abgewickelt werden konnten.

Erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts erlebte der Seidenspinner eine kurzfristige Renaissance im Rheinland. Mit einem Rundschreiben vom 30. April 1934 regte der Reichsbauernführer die Anpflanzung von Maulbeerbäumen und die erneute Intensivierung der Seidenraupenzucht an. Aber auch diese Initiative, "die größere Deckung des Bedarfs an Naturseide aus dem Inland" durch die "sofortige" Ausweitung des Seidenbaus zu erreichen, die wiederum vor allem von Lehrern aufgenommen wurde, hatte keinen großen Erfolg. In den letzten Kriegsjahren wurden die arbeitsintensiven Bemühungen um die Larven des Seidenspinners endgültig eingestellt.

Quellen

  • LHAKo Bestand 403, Nr. 1538. Acta betr. den Seidenbau in den königlich preußischen Staaten namentlich in den Rheinprovinzen, 1829 ff.    
  • LHAKo Bestand 403, Nr. 9487. Acta des rheinischen Oberpräsidiums betr. die Beförderung des Seidenbaus und die Kultur der Maulbeerpflanzen, 1863 ff.
  • LHAKo Bestand 441, Nr. 5476. Acta betreffend die Beförderung des Seidenbaus und die Kultur der Maulbeerpflanzen, Vol I, 1816
  • LHAKo Bestand 441, Nr. 5477. Acta betr. die Einführung der Seidenzucht, Vol II, 1840
  • LHAKo Bestand 441, Nr. 5478. Acta betr. die Seidenzucht im Regierungsbezirk Coblenz, 1845 ff.
  • LHAKo Bestand 702, Nr. 8981. Bildliche Darstellung, welche die Regeln enthält, die Seidenwürmer nach der besten Weise der erfahrendsten Seidenerzeuger zu pflegen. Zum Gebrauche der Landleute, o. J.
  • Amtsblatt der königlichen Regierung zu Coblenz, Jahrgang 1851

Literatur

  • G. Knobloch: Mißglückte Seidenraupenzucht, in: Naheland Kalender 1991. Jahrbuch des Kreises Bad-Kreuznach, S. 169 - 170    
  • H. Kuhn: Die Seidenraupenzucht des Lehrers Isidor Hasselwander, in: Heimat-Jahrbuch des Landkreises Ludwighafen, Bd. 11, S. 149 - 151
  • J. Schneider: 1938 bis 1944. Seidenraupenzucht in Mettendorf, in: Heimatkalender des Kreises Bitburg-Prüm, 1992, S. 129 - 130

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