Der 13. August 1301. Die Belagerung der Stadt Bingen

Am 13. August 1301 begann die Belagerung der zum Kurfürstentum Mainz gehörenden Stadt Bingen durch König Albrecht I. Der König, der - für die Kurfürsten völlig unerwartet - die Revindikationspolitik (= Wiederbeanspruchung der Reichsrechte) wieder aufgenommen und sich damit in offenen Gegensatz zu den Kurfürsten gestellt hatte, reagierte auf deren Absicht, ihn abzusetzen, mit einer kriegerischen Konfrontation. Der zur Aufhebung der Rheinzölle von Albrecht I. begonnene Krieg bedeutete für die Stadt Bingen, die zur damaligen Zeit ein bevorzugter Aufenthaltsort Kurfürst Gerhards II. gewesen ist, eine sechswöchige Belagerung. Als sich ein Sieg des Königs abzeichnete, übergaben die Bürger ihre Stadt. Die anschließenden Plünderungen durch die königlichen Truppen, die nicht nur Bingen sondern den ganzen Rheingau trafen, konnten durch den Frieden von Speyer 1302 beendet werden, der die Stadt unter die Pfandschaft des Königs stellte.

Als einer der Kurfürsten, deren wichtigste Aufgabe es war, den deutschen König zu wählen, war der Mainzer Erzbischof Gerhard II. an der Absetzung König Adolfs von Nassau (1291 - 1298) ebenso maßgeblich beteiligt, wie an der Wahl König Albrechts I. von Habsburg (1298 - 1308). Allerdings wurde sehr schnell offensichtlich, dass die Politik des neuen Königs von den Vorstellungen der Kurfürsten deutlich abwich und eine Auseinandersetzung unausweichlich sein würde. Die Bemühungen Albrechts, die eigene Machtposition durch ein Bündnis mit Frankreich und den Versuch einer territorialen Erweiterung seiner Hausmacht in dem wirtschaftlich wichtigen Rheinmündungsgebiet auszubauen, rief die Opposition der Königswähler hervor. Die Kurfürsten von Mainz, Trier, Köln und der Pfalz schlossen nach einer Beratung am 14. Oktober 1300 in Bingen am gleichen Tag ein Schutzbündnis in dem Ort Heimbach. Die erneute Absetzung eines deutschen Königs wurde hier geplant und vorbereitet. Erzbischof Gerhard, der von einem mittelhochdeutschen Dichter als "der Fuchs vom Rhein" bezeichnet wurde, soll bei dieser Zusammenkunft seinen Jagdköcher geschüttelt und siegesgewiss versichert haben, darin befänden sich noch ausreichend Könige. König Albrecht reagierte sofort auf diese Provokation der Kurfürsten. Er proklamierte ein Reichslandfriedensgesetz und forderte die Aufhebung der Rheinzölle, die von den Kurfürsten erhoben wurden. Dieses Recht, das er 1298 bei seiner Thronbesteigung noch bestätigt hatte, wurde jetzt zum Vorwand für eine offene und direkte Konfrontation zwischen dem König und den mächtigsten Fürsten des Reiches.

Albrecht forderte die Städte auf, die Zahlung der Zölle, die den Handel nicht unwesentlich behinderten, zu verweigern und die Rückzahlung früherer Abgaben zu erzwingen. Durch diese königliche Politik, die den Spuren der Revindikationspolitik Rudolfs von Habsburg folgte und ganz im Interesse der Städte lag, wurden diese zu einem der wichtigsten Parteigänger des Königs in dem sich anbahnenden "Zollkrieg" gegen die Kurfürsten. Um die notwendigen finanziellen Mittel für die Kriegsführung zu erhalten, griff Albrecht auf die zur damaligen Zeit übliche Methode zurück; er verpfändete Güter und Einkünfte des Reiches. Auch Graf Johann von Sponheim erhielt neben zahlreichen anderen Herren des Reiches Schuldverschreibungen des Königs. Nachdem diese Vorbereitungen abgeschlossen waren, zog Albrecht im Mai 1301 gegen den rheinischen Pfalzgrafen in den Krieg. Schon im Juni gelang es dem König, diesen durch die Belagerung seiner Residenz Heidelberg in die Knie zu zwingen, so dass er sich anschließend gegen das Erzstift Mainz wenden konnte.

Die insgesamt sechs Wochen dauernde Belagerung der Stadt wurde mit einem hohen Aufwand an Material und Technik durchgeführt. Auch darin zeigte sich die gute Vorbereitung des königlichen Angriffs auf das Erzstift. Albrecht verfügte über zahlreiche Belagerungsmaschinen, die die Einnahme der Stadt in einer relativ kurzen Zeit ermöglichten. Die Truppen innerhalb der Stadt zogen sich "mit großer Eyl in das schloß Klopp" zurück, das in Brand gesetzt wurde, wodurch den Verteidigern nur noch ein unversehrter Burgturm als Zufluchtsort übrigblieb. Die Bürger, die von Anfang an mehr auf der Seite der Angreifer als auf der der Verteidiger gestanden hatten, übergaben Albrecht am 25. September die Stadt. Die Truppen der Burg Klopp erhielten einen Tag später den "ehrenvollen Abzug" zugebilligt. Von den anschließenden Plünderungen und Verwüstungen durch die königlichen Truppen war nicht nur die Stadt Bingen betroffen. "Hiezwischen aber wurd das Ringauw von dem kriegsvolck erbärmlich beschädigt, und Rüdesheim, Geisenheim, Oestrich, Eltfeld und andere flecken verbrend."

Nachdem dementsprechend vor allem die Bevölkerung des Rheingebietes unter den Auseinandersetzungen zwischen König und Kurfürsten zu leiden gehabt hatte, kam es am 21. März 1302 in Speyer zu einem Friedensabschluss. Der Zollkrieg hatte für den Erbischof von Mainz ein verlustreiches Ende gefunden. Gerhard II. verpflichtete sich gegenüber den Bürgern von Mainz und Speyer, die den König unterstützt hatten, dass er keinen Anspruch auf Schadensersatz erheben würde. Er sagte die vollständige Unterstützung des Königs nach innen und außen und die Auflösung aller anderen Bündnisverträge zu. Die "ungerechten" Zölle waren abzuschaffen und Besitzungen wie z. B. Seligenstadt abzutreten. Die wichtigsten Festungen des Kurfürsten wie Bingen, Ehrenfels, Lahnstein und Scharfenstein nahm der König für fünf Jahre als Pfand und übergab ihre Verwaltung Gottfried von Hohenlohe-Brauneck. Der Kurfürst hatte zwar das Recht, in die Pfandburgen einzureiten, machte hiervon aber bis zu seinem Tod am 25. Februar 1305 keinen intensiven Gebrauch. Die Stadt Bingen, die vor dem Zollkrieg der bevorzugte Aufenthaltsort des Kurfürsten gewesen war, wurde nach diesem Friedensschluss nur noch sehr selten von Gerhard II. besucht.

Quellen

Literatur

  • J. Como: Alt Bingen, Teil 1. Die Belagerung der Stadt durch Albrecht I., Mainz 1924, S. 69 - 71    
  • W. Dotzauer: Vom frühen Mittelalter bis ins 15. Jahrhundert, in: Bingen. Geschichte einer Stadt am Mittelrhein. Vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert. Hg. v. H. Mathy, Mainz 1989, S. 3 - 71
  • R. Engelhardt: 1301: Kampf um Bingen, in: Binger Annalen, Heft 77, Bingen 1977, S. 3 - 24
  • E. Engel u. E. Holtz (Hg.): Deutsche Könige und Kaiser des Mittelalters. Albrecht I, Leipzig, Jena, Berlin 1989, S. 258 - 266
  • A. Hessel: Jahrbücher des Deutschen Reiches unter König Albrecht I. von Habsburg, München 1931
  • Th. Lindner: Deutsche Geschichte unter den Habsburgern und Luxemburgern, Bd. 1, Stuttgart 1890

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