Der 13. Juli 1902. Verbandsfest des Kreiskriegerverbandes des Unterwesterwaldkreises

Am 13. Juli 1902 begann in Montabaur das zweitägige Verbandsfest des Kreiskriegerverbandes des Unterwesterwaldkreises. Seit Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts hatte sich in Preußen ein Vereinsleben "gedienter Soldaten" entwickelt. Obwohl die Regierung verstärkt seit den siebziger Jahren versuchte durch Zentralisation die Kontrolle über die Vereine zu erlangen, wurde vor allem in der Rheinprovinz eine gewisse oppositionelle Grundhaltung beibehalten. Wie bei dem Verbandsfest in Montabaur stand weniger die politische Unterstützung der Regierung im Vordergrund des Vereinslebens sondern vielmehr Geselligkeit und das gemeinsame Feiern.

Für große Teile der Bevölkerung in Deutschland waren seit 1870/71 und schließlich verstärkt seit der Jahrhundertwende die Kriegervereine ein wichtiger Bestandteil des geselligen Lebens. "Während die übrigen Bünde und Vereine in der Regel nur an ihren großen Jahresfesten mit der ganzen Pracht ihres Vereinskolorits vor die Öffentlichkeit traten und diese nachdrücklich auf ihre Existenz aufmerksam machten, waren die Kriegervereine in dem noch wenig bewegten Bild der Straßen eine häufige und darum vertraute Erscheinung." Das Vereinsleben "gedienter Soldaten" entwickelte sich in Preußen seit dem Ende des dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts.

Am 22. Februar 1842 erließ Friedrich Wilhelm IV. schließlich eine Kabinettsordre, die diese entstehende Form des Vereinswesens in ein festumrissenes Regelwerk stellte. Als Hintergrund für die Entstehung dieser Vereine ist die hohe soziale Bedeutung zu sehen, die in dieser Zeit einem feierlichen Begräbnis mit einem umfangreichen Leichenzug beigemessen wurde. In den Feldzügen des Befreiungskrieges hatten die Soldaten, die sehr feierliche Form des Militärbegräbnisses kennengelernt. Mit den Kriegervereinen wurde versucht, diese ehrende Tradition, die vor allem für die unteren und mittleren Bevölkerungsschichten eine wichtige soziale Bedeutung gehabt hatte, in das zivile Leben zu übertragen. Die ersten Krieger- oder Veteranenvereine waren damit in erster Linie "Militär-Begräbnis-Vereine", die keinerlei andere Absichten verfolgten. Während in den übrigen preußischen Provinzen für die Kriegervereine eine schnelle Entwicklung mit großem Mitgliederzuwachs festzustellen ist, kam es im Rheinland nur sehr verzögert zu Vereinsgründungen. "Es darf freilich nicht verwundern, daß sich im Rheinland die Gründung von Militärvereinen äußerst zaghaft vollzog, waren doch in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Einwohner der Rheinprovinz von der Ehre, dem König von Preußen gedient zu haben, keineswegs völlig durchdrungen."

Die Einigungskriege und die Reichsgründung 1870/71 bewirkte auch für die Kriegervereine einen deutlichen Aufschwung. Ein neues Nationalgefühl verband die Gründung des Reiches vor allem mit den militärischen Erfolgen. "Für ihr Teil dazu beigetragen zu haben, mochte die ehemaligen Soldaten mit Stolz auf das geschaffene Werk erfüllen, der nun wiederum zusammen mit dem gemeinsamen Erleben in den Feldzügen eine gute Grundlage für Vereinsgründungen bot." Besonders in Zeiten innenpolitischer Auseinandersetzungen, wie z. B. während des Kulturkampfes versuchten die preußischen Behörden, ihren Einfluss auf die Vereine zu erhöhen. Diesem Zweck dienten neben den Genehmigungsverfahren über das Recht eines Vereins, eine Fahne zu führen auch die Bemühungen um die Gründung und Organisation eines Dachverbandes der Kriegervereine, die allerdings erst 1899 zum Erfolg führten. Während die Verleihung der Fahne als Zeichen des kaiserlichen Wohlwollens ein geeignetes Druckmittel darstellte, beinhaltete der durch den Deutschen Kriegerbund eingeführte Fahneneid eine verstärkte Bindung jedes Vereinsmitglieds an die Person des Monarchen und unterwarf sie "dem Vorgesetzten- und Befehlsverhältnis." Dennoch konnte der Verband eine vollständige Vereinheitlichung nicht erreichen. In der Rheinprovinz bewirkte die latent vorhandene oppositionelle Stimmung, dass die Vereine versuchten, möglichst unabhängig von dem Verband in Berlin zu bleiben.

Nach einem Gottesdienst am Sonntagmorgen wurden die insgesamt über 40 auswärtigen Kriegervereine aus der Region empfangen und begrüßt. Aus Montabaur nahmen der "Verein alter Krieger" und der "Kriegerverein Montabaur" ebenfalls mit ihrer vollständigen Mitgliederzahl an den Veranstaltungen teil. Einer Delegiertenversammlung, die insgesamt eineinhalb Stunden dauerte, schlossen sich weitere feierliche Höhepunkte an. "Während der Verhandlungen, die sich auf Verbandsangelegenheiten, Aufnahme neuer Vereine, Unterstützungskassen p. p. bezogen, konzertierte vor dem Nassauer Hof und Hotel Schlemmer die Kapelle des Diezer Infanterie-Bataillons. Nachdem von 1 Uhr ab die Aufstellung am Kaiserdenkmal erfolgt, vorher die Fahnen der beiden hiesigen Kriegervereine bei ihren Vorsitzenden mit Musik abgeholt und am Kaiserdenkmal ein prachtvoller Kranz von dem Vorsitzenden des Kriegervereins, Herrn Demme, niedergelegt war, begann um 2 1/2 Uhr der imposante Festzug, an welchem sich ca. 40 Vereine, die meisten mit ihren Fahnen beteiligten." Außer diesen Vereinen beteiligten sich mehrere Musikkapellen und die Offiziere der Reserve und der Landwehr an dem Umzug. Mit einer Rede des Verbandsvorsitzenden, Herrn Landrat Dr. Schmidt, wurde der offizielle Teil des Festes abgeschlossen. Tanz und Geselligkeit standen ab 3.00 Uhr auf dem Festplatz an der Coblenzer Chaussee im Vordergrund. Mehr als 2.000 Eintrittskarten konnten verkauft werden, so daß man sich mit dem Verlauf sehr zufrieden zeigte, zumal auch der folgende Tag die Erwartungen vollkommen erfüllte. "Am Montag, den 14. Juli, Nachm. 3 Uhr marschierten die hiesigen Kriegervereine mit der Musikkapelle Müller wiederum nach dem Festplatze, woselbst Konzert, Volksbelustigung und abends Ball stattfand. Alles verlief in bester Weise, kein Mißton störte das wohlgelungene, schöne Kriegerfest."

Quellen

Literatur

  • H. Henning: Kriegervereine in den preußischen Westprovinzen. Ein Beitrag zur preußischen Innenpolitik zwischen 1860 und 1914, in: Rheinische Vierteljahrsblätter, Jg. 32, 1968, Bonn 1968, S. 430 - 475    
  • A. Westphal: Handbuch für die Kriegervereine des Preußischen Landeskriegerverbandes, Berlin 1912
  • A. Westphal: Das deutsche Kriegervereinswesen, seine Ziele und seine Bedeutung für den Staat, Berlin 1903
  • M.Wild (Bearb.): 700 Jahre Montabaur. Momentaufnahmen einer wechselvollen Geschichte. Katalog zur Jubiläumsausstellung der Stadt Montabaur, Montabaur 1991

 

 

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