Der 13. Juli 1254. Der rheinische Städtebund

Unter dem Eindruck des Zusammenbruchs des staufischen Kaisertums wurde am 13. Juli 1254 der Rheinische Städtebund gegründet, in dem sich unter der Führung von Mainz und Worms fast sechzig Städte zum Schutz von Frieden und Gerechtigkeit zusammenfanden. Mit dieser Einung, die als Verfassungsalternative in einer Schwächeperiode des Königstums bezeichnet werden kann und die sich bewusst an den Mainzer Reichslandfrieden (pax generalis) von 1235 anlehnte, sollte die Aufhebung von Rheinzöllen und die Sicherung des Landfriedens erzwungen werden. In diesem Bund traten die Städte erstmals als selbständiger politischer Machtfaktor innerhalb der Reichspolitik auf. Ein nicht unerheblicher politischer Einfluss und militärische Erfolge konnten allerdings nicht verhindern, dass der Bund aufgrund der Auseinandersetzungen über die Doppelwahl von 1257 zerbrach.  

Et non erat pax in omni terra - Und es war kein Friede im ganzen Land. Dieser Satz aus einer zeitgenössischen Wormser Bischofschronik bringt die Situation um die Mitte des 13 Jahrhunderts auf den Punkt. Im Jahr 1245 hatte das Konzil von Lyon unter Einflussnahme von Papst Innocenz III. den Kaiser, Friedrich II., für abgesetzt erklärt. Dies hatte zur Folge, dass der Rhein, eine der Kernlandschaften des Reiches bzw. insbesondere das Mittelrheingebiet zum Kriegsschauplatz wurde. Vor allem hier fanden die Auseinandersetzungen der Staufer mit einer immer stärker werdenden Opposition unter der Führung der drei rheinischen Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln statt. Diese "päpstliche Partei" hatte 1246 den Landgrafen von Thüringen und nach dessen Tod im Oktober 1247 den Grafen Wilhelm von Holland zum König gewählt. Die militärischen Auseinandersetzungen zwischen König Wilhelm und König Konrad IV. spielten sich vor allem im Mittelrheingebiet ab. Dieser Streit um die deutsche Krone schwächte nicht nur die Stellung und das Ansehen des Königtums; er spaltete vor allem das Land. "Diese Spaltung in eine Stauferpartei und in eine Partei der Kirche, die oft mitten durch die Einwohnerschaft der Städte, die Domkapitel und andere geistliche Gemeinschaften, durch die Familien des Adels und der Ministrialität ging," ging vor allem zu Lasten der einfachen Bevölkerung, die unter den Folgen der Verwüstung des Landes und unter der Unsicherheit der Straßen und Wege zu leiden hatte. Auch für die Städte, die von Handel und Gewerbe lebten, bedeutete diese politische Situation einen unerträglichen Zustand. Je mehr sich die Auseinandersetzungen hinzogen, um so mehr war die Existenz der Städte und vor allem der führenden Schichten in den Städten, der Großkaufleute, gefährdet.  

Die für das Mittelalter ja nicht ungewöhnliche Verbindung von Religion und Friedensbewegung wird in dieser Vereinbarung besonders betont. Aufgrund des Verstoßes gegen die Gesetze von 1220 bzw. 1231 sah man eine Legitimation jenseits der Reichsverfassung als notwendig an. Die Berufung auf Gott und die Heiligkeit des Friedens lieferte die Autorität, die die Städte für ihren ohne den König und gegen geltendes Recht geschlossenes Bündnis benötigten. Auf der ersten Zusammenkunft der Städte in Mainz wurde aber darüber hinaus ein weiteres "Leitmotiv" in den Mittelpunkt gestellt, das auch in späteren Dokumenten des Bundes immer wieder anzutreffen ist: "Die Pflege der Gerechtigkeit und der Schutz der Schwachen. Dabei ergeben sich, ausgehend von der alten Idee des Friedens als Wurzel aller Gerechtigkeit (cultura pacis et iustitie observatio) mit der Forderung nach derselben Schutzgarantie sowohl für die Kleinen als auch für die Großen - sowie daneben für Geistliche, andere schutzbedürftige Laien und auch Juden - bestimmte Vorstellungen von Gleichbehandlung und eine vom betroffenen Personenkreis her fast unbegrenzte Ausdehnung des Friedensschutzes." Die zweite Zusammenkunft fand im Oktober 1254 in Worms statt. In der Zwischenzeit hatte der Bund bereits mehrfach gegen Zollburgen und Friedensstörer Krieg geführt und erste Erfolge erzielt. In Worms wurde die Zusammenarbeit der Städte weiter konkretisiert und schriftlich festgehalten. Zahlreiche Artikel der hier beschlossenen Vereinbarung betreffen die Kriegführung. Als Gegner wird in erster Linie der niedere Adel gesehen. In Worms erkannte der Städtebund auch Wilhelm von Holland als Oberhaupt des Reiches an, woraufhin dieser mit Privilegien für die Städte Speyer, Worms und Oppenheim antwortete. Diese Erfolge bewirkten, dass der Bund sehr schnell wuchs. Bis zum Ende des Jahres 1254 und Anfang 1255 schlossen sich wichtige Städte am Ober- und Mittelrhein, westfälische Städte und auch adlige Herren an. Mit der Zunahme der Mitglieder wuchs der politische Einfluss des Städtebundes und die militärischen Machtmittel nahmen immer weiter zu. Aus diesem Grunde wurde der Bund auch zunehmend für Fürsten und adlige Herren attraktiv, die durch ihren Beitritt verhindern wollten, dass die Städte gegen die fürstlichen Interessen Politik machten. Es kam allerdings immer wieder zu Interessenkonflikten, zumal die Fürsten und adligen Herren nur wenig Einfluss innerhalb des Rheinischen Städtebundes gehabt haben.

Die Situation des Bundes änderte sich entscheidend, als König Wilhelm am 28. Januar 1256 starb. Der Friedensbund hatte damit einen wichtigen Rückhalt verloren und die notwendige Königswahl war eine schwere Bewährungsprobe. Der Bund wurde aufgefordert, sich für die Kandidatur des Markgrafen Otto von Brandenburg einzusetzen und am Wahltag, am 8. September 1256 in Frankfurt, zu erscheinen, um ihn zu unterstützen. Dieser Kandidat, auf den sich der Bund einigen konnte, hatte bei der Wahl keine Chance. Obwohl auf dem Mainzer Bundestag vom 12. März 1256 eindeutig festgelegt wurde, dass bei einem Thronstreit keiner der Kandidaten unterstützt werden dürfe, kam es aufgrund militärischer Misserfolge und der Doppelwahl Richards von Cornwalls und Alfons von Kastilien im Frühjahr 1257 schließlich zur Spaltung und zum Auseinanderbrechen des Bundes. Bestehen blieben allerdings zahlreiche regionale Städtebünde am Mittel- und Oberrhein, in der Wetterau und in Westfalen, die teilweise mit erheblichen politischen Einfluss bis zum Ende des Mittelalters weiter agieren.

Der Rheinische Städtebund hat vor allem deshalb Bedeutung erlangt, weil hier zum ersten Mal die Städte "als selbständige Faktoren in der Reichspolitik auftreten." Sie erlangten einen nicht unerheblichen politischen Einfluss, der in den Landfriedenseinungen des 13.-15. Jahrhunderts fortreicht.

Quellen

Literatur

  • Quellen zur Verfassungsgeschichte des Römisch-Deutschen Reiches im Spätmittelalter (1250 - 1500). Ausgewählt und übersetzt von L. Weinrich. Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein - Gedächtnisausgabe, Bd. 33, Darmstadt 1983, S. 13 ff.
  • E. Bielfeldt: Der Rheinische Bund von 1254. Ein erster Versuch einer Reichsreform, Berlin 1937
  • A. Buschmann: Der Rheinische Bund 1254 - 1257, in H. Maurer (Hg.): Kommunale Bündnisse Oberitaliens und Oberdeutschlands im Vergleich 1987
  • K. E. Menzel: Geschichte des rheinischen Städtebundes im 13. Jahrhundert, Hannover 1871
  • J. Mötsch, F.-J. Heyen: Der Rheinische Städtebund von 1254/56. Katalog zur Landesausstellung in Worms, Koblenz 1986
  • J. Mötsch: Propter culturam pacis ... Um des Friedens willen. Der Rheinische Städtebund von 1254/56. Landesausstellung Worms, in: Unsere Archive. Mitteilungen aus den rheinland-pfälzischen und saarländischen Archiven, Nr. 25, Mai 1986, S. 2 f.
  • K. A. Schaab: Geschichte des großen rheinischen Städtebundes gestiftet zu Mainz im Jahre 1254, Bd. 1 u. 2, Mainz 1855
  • D. Willoweit: Deutsche Verfassungsgeschichte. Vom Frankenreich bis zur Teilung Deutschlands, München 4. Auflage 2001 (mit weiterer Literatur)

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