Der 1. Oktober 1950. Alltag in Rheinland-Pfalz

Ein Blick in die rheinland-pfälzischen Tageszeitungen vom 1. Oktober 1950 gibt ein facettenreiches Bild vom Alltag der Bevölkerung des jungen Bundeslandes. Nachdem die schweren ersten Nachkriegsjahre überstanden waren und der unerschütterliche Wiederaufbauwille der hier lebenden Menschen erste Früchte zu tragen begann, wandelte sich auch der Alltag. Aufgrund der verbesserten Lebensverhältnisse blieb jetzt auch Zeit für Freizeit, Freude und Frohsinn. Kinoprogramm und Veranstaltungshinweise sind in den Zeitungen ebenso zu finden, wie die umfangreichen Werbeanzeigen, die zunehmend um die Konsumenten zu werben begannen. Berichte über andere Länder und vor allem Gesundheitstipps gegen "Korpulenz" beweisen, daß die Zeiten von "Otto Normalverbraucher" im Jahre 1950 vorbei waren.  

Das im Jahre 1947 entstandene Bundesland Rheinland-Pfalz hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit der denkbar schlechtesten wirtschaftlichen Ausgangslage auseinanderzusetzen. Das junge Land war nach den Berechnungen des Ministeriums für Finanzen und Wiederaufbau aus dem Jahre 1949 "... das Land Westdeutschlands, das durch Kriegsschäden und Kriegsfolgen in seiner sozial-wirtschaftlichen Substanz die höchsten Einbußen erlitten" hatte. Dem Überlebenswillen und der unerschütterlichen Tatkraft der hier lebenden Menschen ist es zu verdanken, dass Trümmer, Elend und Hunger für die jüngeren Generationen heute lediglich ein Kapitel in der Geschichte ihres modernen und wirtschaftlich leistungsfähigen Landes darstellen.

Obwohl die Situation in vielen Bereichen des Alltagslebens immer noch schwierig war, kam der Wiederaufbau mit großen Schritten voran. Das Wirtschaftswunder klopfte an die Tür und die Menschen fanden Zeit, sich auch mit anderen Dingen als ausschließlich mit der Sorge um das tägliche Überleben zu beschäftigen. Auch am 1. Oktober 1950, einem Sonntag, gehörten der Kindersuchdienst und die Heimkehrer- und Kriegsgefangenenmeldungen zum Tagesprogramm aller Rundfunksender. Das Immobilienangebot in den Tageszeitungen war verschwindend gering, während die Stellengesuche einen umso größeren Raum einnahmen. Aber die Berichterstattung und die Anzeigenteile der Zeitungen zeigen auch, dass die Freude am Leben wieder die unterschiedlichsten Ausdrucksformen fand. Die "Woche des Deutschen Films", die an diesem Wochenende auch in den rheinland- pfälzischen Kinos gestartet wurde, bot ein umfangreiches Programm. Neben dem musikalischen Filmlustspiel "Die wunderschöne Galathee" mit Hannelore Schroth, Victor de Kowa und Willy Fritsch stand unter anderem im Trierer Filmtheater die "ergreifende Liebesromanze" "So endete eine Liebe" mit Willy Forst und Gustav Gründgens auf dem Programm.

Der langsam spürbare Anstieg des Lebensstandards findet seinen Ausdruck ganz besonders deutlich in den Anzeigen der Tageszeitungen. Die Werbung um den Konsumenten nimmt auch in der Wochenendausgabe der Trierer Landeszeitung vom 30. September und 1. Oktober breiten Raum ein. "Zum Saubermachen Henkelsachen" wird Persil beispielsweise als das bewährte Waschmittel für alle Wäsche angeboten. Feintuch Felten bietet "gute Stoffe" und Textil- Schirmer gibt einen Preisüberblick über das vorhandene Angebot. Frottierhandtücher sind für 2,80 DM zu haben, Kittelschürzen ab 12,50 DM und Popeline- und Gabardinemäntel für Damen und Herren für 25,75 DM. Die Zeit, in der Vorhangstoffe zu warmen Wintermänteln und alte Reifen zu Schuhen umgearbeitet wurden, ist beendet. "Das gute Leben beginnt" und der Rheinische Hausfreund, ein illustriertes Unterhaltungsblatt, das seit 1948 in Koblenz und Köln erscheint, empfiehlt bereits Milchkaffee als bewährtes Mittel gegen Korpulenz: "Nicht Milch oder Bier sind - wie man eigentlich annehmen möchte - die meistkonsumierten Volksgetränke, sondern an der Spitze der Getränkearten stehen in Deutschland die Kaffeemittel: der Milchkaffee, die Zusatzmittel und die Kaffeewürze. Der Hauptgrund für diese Tatsache ist natürlich wirtschaftlicher Art, denn die Kaffeemittel sind weit billiger als andere Getränke. Daß sie darüber hinaus noch andere Vorzüge aufzuweisen haben, dürfte nicht allgemein bekannt sein.

Quellen

Literatur

  • H. Mathy: 50 Jahre. Ein Querschnitt durch die Geschichte, in: Beiträge zu 50 Jahren Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, Bd. 73, hg. v. H.-G. Borck (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Bd. 73), S. 23-60, Koblenz 1997    
  • K.-H. Rothenberger: Die Hungerjahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Ernährung und Landwirtschaft in Rheinland-Pfalz 1945 - 1950 (Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, Bd. 3), Boppard 1980
  • K.-H. Rothenberger: Nachkriegsjahre - Jahre des Hungers, in: Rheinland-Pfalz. Beiträge zur Geschichte eines neuen Landes, hg. v. H.-J. Wünschel, S. 35 - 53, Landau 1997
  • K.-H. Rothenberger: Krieg - Hungerjahre - Wiederaufbau, in: Rheinland-Pfalz entsteht. Beiträge zu den Anfängen des Landes Rheinland- Pfalz in Koblenz 1945-1951, hg. v. F.-J. Heyen (Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland- Pfalz, Bd. 5), S. 79 - 104, Boppard 1984

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