Der 10. Januar 1356. Die Goldene Bulle wird verkündet

Am 10. Januar 1356 wurden die ersten 21 der insgesamt 31 Kapitel umfassenden "Goldenen Bulle" auf dem Reichstag in Nürnberg verkündet. Der 1346 in Rhens am Rhein zum deutschen König gewählte Karl IV. begann nach der Rückkehr aus Italien im Jahre 1355 seine Pläne zu einer umfassenden Reichsreform durchzusetzen, die er auf dem Reichstag in Metz im Dezember des folgenden Jahres fortführte. Dieses "wichtigste Reichsgrundgesetz bis 1806" regelte erstmals die Modalitäten der Königwahl und die Rechtsstellung der Kurfürsten und ist damit ein "Reichsverfassungsgesetz", das als Ausdruck des Konsenses zwischen Kaiser und Kurfürsten die Souveränität des Reiches gegenüber dem Papst erklärte und damit die in Rhens im "Reichsweistum" gelegten Grundlagen übernahm und untermauerte.  

Als ältester Sohn König Johanns von Böhmen aus dem Hause Luxemburg wurde der spätere Karl IV. im Jahre 1316 in Prag geboren. Karl, der am Hofe des französischen Königs Karl IV. erzogen worden war, wurde von seinem Vater bereits seit seinem 15. Lebensjahr mit den unterschiedlichsten politischen und militärischen Aufgaben betraut. Am 11. Juli 1346 wurde Karl von Böhmen schließlich von der Mehrheit der Kurfürsten in Rhens am Rhein zum Gegenkönig gewählt. Im Gegensatz zu seinem Gegner, Kaiser Ludwig, hatte Karl nicht nur die Mehrheit der Kurfürsten auf seiner Seite, sondern auch Papst Clemens VI., seinen früheren Lehrer am französischen Königshof. Dennoch wurde ein langwieriger Thronkampf nur durch den Tod Ludwigs IV. verhindert, so dass Karl trotz der folgenden Auseinandersetzungen mit der Familie und den Anhängern Ludwigs seine Stellung schnell festigen konnte. Spätestens mit seiner Krönung in Aachen am 25. Juli 1349 wurde Karl IV. zum unbestrittenen deutschen König.

Die Wahl des deutschen Königs wurde allein in die Hände der Kurfürsten gelegt, deren Mehrheit über die Gültigkeit der Wahl entschied. Durch diese Festsetzung des Mehrheitsprinzips sollten weitere Doppelwahlen, die die innere Stabilität des Reiches immer wieder auf eine harte Probe gestellt hatten, verhindert werden. Neben Frankfurt als Wahlort zukünftiger deutscher Könige wurde Aachen als Ort der Krönung benannt. Die historische und rechtliche Bedeutung der "Goldenen Bulle" besteht aber vor allem darin, daß das im Kurverein von Rhens am 16. Juli 1338 einseitig von den Kurfürsten verkündete und im Reichsgesetz licet juris Kaiser Ludwigs IV. vom 6. August 1338 gegen den Papst gewandte alleinige Wahlrecht der Kurfürsten bei der deutschen Königswahl nun in den Rang eines anerkannten, von dem gesamten Reichsfürstenstande sanktionierten Verfassungsgrundsatzes erhoben wurde. Schon das Weistum, das ebenfalls in Rhens, einer kleinen rheinischen Stadt, die seit 1273 als bevorzugter Versammlungsort der Kurfürsten und mit Karl IV. als Wahlort deutscher Könige bekannt war, verkündet worden war, war "eine hochpolitische Erklärung von verfassungsgleichem Rang, in der die Kurfürsten feststellen, daß ein von Ihnen ordnungsgemäß gewählter König kraft dieser Wahl deutscher König sei und nicht der Zustimmung des Papstes bedürfe". Der Papst und sein Bestätigungsanspruch wurden in der "Goldenen Bulle" stillschweigend übergangen und damit die in Rhens gelegten Grundlagen für eine freie Königswahl bestätigt und fortgeführt.

Daneben wurde die Bedeutung der Königswähler, der sieben Kurfürsten durch eine Reihe von Privilegien unterstrichen. So erhielten sie z. B. weitreichende Rechte im Münz- und Zollwesen, sowie eine umfassende Gerichtsbarkeit. Um Rechtsunsicherheiten auszuschließen, wurde jetzt endgültig über bisher zwischen einzelnen Linien strittige Kurstimmen entschieden. Darüber hinaus wurde besonders in Bezug auf die weltlichen Kurfürstentümer die Unteilbarkeit der Kurlande und das Prinzip der Erstgeburt bei der Nachfolge festgelegt.

Die ursprüngliche Absicht einer Verstärkung der rechtlichen Position der Städte gab der Kaiser zugunsten einer Verständigung mit den Kurfürsten auf. Die Kurfürsten standen den Plänen einer Münzreform, der Senkung der Rheinzölle und städtefreundlichen Landfriedensregelungen feindlich gegenüber. Der Kaiser vermied die Konfrontation und gab die städtischen Interessen preis. Verschärft wurde dieses negative Ergebnis durch das Verbot von Städtebündnissen und des Pfahlbürgertums, d. h. der Möglichkeit, sich der Herrschaft und damit dem Schutz der Stadt zu unterwerfen, ohne tatsächlich in die Stadt zu ziehen. Die Goldene Bulle ist damit ein "Reichsverfassungsgesetz", das ganz auf der Grundlage des Konsenses zwischen dem Kaiser und den Kurfürsten steht und inhaltlich die Souveränität des Reiches gegenüber dem Papst erklärt; so betrachtet bringt es den jahrhundertelangen Investiturstreit zum definitiven rechtlichen und politischen Abschluss.

Quellen

Literatur

  • W. Dotzauer: Der historische Raum des Bundeslandes Rheinland-Pfalz. Der Weg zu einem Kernraum deutscher Reichsgeschichte (bis 1500). Versuch eines Arbeitsbuchs. Von den vor- und frühgeschichtlichen Anfängen bis zur Kernlandschaft, Frankfurt u. a. 1992    
  • F.-J. Heyen: Der Mittelrhein im Mittelalter, Koblenz 1988
  • E. Holtz u. E. Engel (Hg.): Deutsche Könige und Kaiser des Mittelalters, Leipzig u. a. 1989
  • 1316 Kaiser Karl IV. 1378. Führer durch die Ausstellung des Bayerischen Nationalmuseums München auf der Kaiserburg Nürnberg, hg. von dem Bayerischen Nationalmuseum München, München 1978.
  • E. Schubert: Die Stellung der Kurfürsten in der spätmittelalterlichen Reichsverfassung, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte, hg. im Auftrage der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, 1. Jahrgang 1975, S. 97 - 128, Koblenz 1975
  • F. Seibt (Hg): Kaiser Karl IV. Staatsmann und Mäzen. Hg. aus Anlaß der Ausstellungen Nürnberg und Köln 1978/79 in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Nationalmuseum und dem Adalbert Stifter-Verein München, München 1978
  • F. Seibt: Karl IV. Ein Kaiser in Europa 1346 bis 1378, München 2000

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