Der 9. Februar 1801. Der Frieden von Lunéville

Am 9. Februar 1801 wurde der Frieden von Lunéville beschlossen, der die faktische Annexion der linksrheinischen Gebiete durch Frankreich bestätigte und völkerrechtlich legalisierte. Gleichzeitig sah der Vertrag eine Entschädigung der weltlichen Territorialfürsten für ihre linksrheinischen Gebiete zu Lasten der geistlichen Reichsstände für ihre linksrheinischen Gebiete vor, wodurch der massivste Umbruch für die innere Verfassungsstruktur des Reiches seit 1648 eingeleitet und im Reichsdeputationshauptschluss vom 24. März 1803 festgeschrieben wurde. Diese besondere politische und rechtliche Bedeutung des Friedens von Lunéville wurde in der öffentlichen Meinung wenig kommentiert. Hier überwog eine weitgehende Anpassung an die jetzt verfassungsrechtlich untermauerten Verhältnisse, die aus der Sehnsucht nach Frieden und stabilen politischen Verhältnissen resultierte.

"Eine der größten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen der Neuzeit" wurde nicht durch die Revolution eingeleitet, sondern durch den Einfluss der napoleonischen Herrschaft. Napoleon, der durch den Staatsstreich vom 18. Brumaire des Jahres 1799 das Direktorium beseitigt und sich als erster Konsul an die Spitze einer Militärdiktatur gestellt hatte, war zum "General der Revolution" und zu ihrem "Bändiger" geworden. Der Verlauf des sogenannten Zweiten Koalitionskrieges legte nach dieser "Machtergreifung" die Grundlagen für eine "legale Revolution" im Deutschen Reich. Das Bündnis gegen Frankreich bestehend aus Österreich, England und Russland musste nach anfänglichen Erfolgen in Norditalien und Süddeutschland in den Schlachten von Marengo und Hohenlinden schwere Niederlagen hinnehmen. Daraufhin war Österreich bereit, auch ohne eine Beteiligung der Bündnispartner einen Frieden mit Frankreich zu schließen.

Am 26. Oktober 1800 hatten die Verhandlungen zwischen dem Grafen Ludwig von Cobenzl als österreichischem und Josef Bonaparte, dem ältesten Bruder des Ersten Konsuls, als französischem Vertreter begonnen. Ergebnis dieser Verhandlungen war der Frieden von Lunéville, der am 9. Februar 1801 unterzeichnet wurde. Das Abkommen, das im Namen des Kaisers für das Reich geschlossen wurde, ging über die Bedingungen des Friedens von Campo Formio hinaus, der im Jahre 1797 ebenfalls zwischen Frankreich und Österreich vereinbart worden war, allerdings keine Geltung für das Reich gehabt hatte.

Die Rheinlande, die sich wie Köln, Bonn, Koblenz und Trier teilweise seit 1794 ununterbrochen in französischer Hand befunden hatten, wurden bis zum Frieden von Campo Formio als "okkupierte Gebiete" behandelt. Danach vollzogen die französischen Behörden eine faktische Annexion. Neben einer Territorialreform, die das bis dahin in eine Vielzahl größerer und kleinerer Herrschaften zerfallende Gebiet in vier Departements einteilte, wurde eine umfassende Verwaltungsreform sowie eine Rechts- und Wirtschaftsreform eingeleitet. Der Friede von Lunéville bedeutete nun die völkerrechtliche Anerkennung dieser Annexion. Die Vereinbarungen über das Schicksal der linksrheinischen Gebiete wurden in Artikel 6 und 7 des Vertrages aufgenommen. In Anlehnung an den Artikel 1 der Geheimakte des Vertrages von Campo Forimo traten Kaiser und Reich das linke Rheinufer in Artikel 6 an Frankreich ab. Dagegen verzichtete Frankreich auf alle Gebiete rechts des Rheins. Artikel 7 sah wie bereits Artikel 12 der geheimen Vereinbarungen von Campo Formio eine Entschädigung der Territorialfürsten für ihre linksrheinischen Verluste vor. Dieser weitgehende Eingriff in die innere Struktur des Reiches - der Reichsdeputationshauptschluß - wurde am 25. Februar 1803 beschlossen und am 24. März des gleichen Jahres verabschiedet. "Daraus wurde eine Fürstenrevolution des alten Deutschland. Die geistlichen Herrschaftsgebiete wurden "säkularisiert"; die meisten bis dahin "reichsunmittelbaren" Reichsstädte und eine Reihe kleinerer weltlicher Herrschaften wurden "mediatisiert", d. h. als politische Einheiten aufgehoben und den größeren und mittleren Territorialstaaten zugeschlagen; die deutsche Landkarte wurde vereinfacht: das war der "Reichsdeputationshauptschluss". Die Abtretung des linken Rheinufers wurde als Anlass genommen, um auch das übrige Reichsgebiet einer vollständigen territorialen Umgestaltung und Neuordnung zu unterziehen.

Während nach dem Abkommen von Campo Formio noch wochenlang die Meinung verbreitet war, dass der Friede die Rückkehr der geistlichen Kurfürsten von Köln und Trier ermögliche, setzte sich nach Bekanntwerden des Lunéviller Vertrages endgültig die Erkenntnis durch, dass mit dem so ersehnten Frieden auch der Abschied vom Reich und der angestammten Fürstenherrschaft gekommen war. "Die alte Landeszugehörigkeit geriet ziemlich schnell in Vergessenheit. Als sich die Verhältnisse zu stabilisieren begannen und man sich deswegen auch nicht mehr rückzuversichern brauchte, wurde, so scheint es, auch der Hang schwächer, aus der Gegenwart in die Erinnerung an die guten Tage der alten Fürstenherrlichkeit zu entfliehen." Auch in der Berichterstattung der französischen Beamtenschaft kam der Stimmungswandel nach der definitiven Vereinnahmung der linksrheinischen Gebiete zum Ausdruck. Während die Stimmung der Bevölkerung bis 1801 intensive Beachtung fand, war sie nach dem Abschluss des Friedensvertrages nicht mehr ein "für die Etablierung der französischen Herrschaft wichtiger Faktor." Insgesamt blieb die öffentliche Stimmung ruhig, wobei dies weniger auf einer breiten und aktiven Zustimmung für die jetzt völkerrechtlich untermauerten politischen Verhältnisse basierte als vielmehr auf einer allgemeinen Anpassung, die aus der Sehnsucht nach Frieden und stabilen politischen Verhältnissen resultierte.

Der Frieden von Lunéville bewirkte für die innere Struktur des Reiches den massivsten Umbruch seit dem Jahre 1648. Seine verfassungsrechtliche Bedeutung ging angesichts der Liquidation eines Teils der Reichsstände durch den anderen über die des Westfälischen Friedens noch hinaus, der an der territorialen Gliederung des Reiches und an dem Nebeneinander von geistlichen und weltlichen Fürsten festhielt. Die französische Eroberung der linksrheinischen Gebiete und ihre völkerrechtliche Legalisierung in dem Friedensvertrag waren Anlass für eine vollständige territoriale Umwälzung, die mit umfassenden politischen, gesellschaftlichen und nicht zuletzt verfassungsrechtlichen Veränderungen verbunden war.

Quellen

  • LHAKo Bestand 48, Nr. 2959. Politische Berichterstattung aus Wien durch den Korrespondenten Johann Franz v. Rothlein, 1796 - 1803    
  • LHAKo Bestand 256, Nr. 1713. Acta betr. die Nachweisung der Güter welche die Gemeinden der Bürgermeisterei Beilstein auf der rechten Rheinseite besahsen und in Folge des Lüneviller Friedens verloren haben
  • LHAKo Bestand 276, Nr. 60. Verbreitung einer Proklamation der Konsuln an die Bewohner der vier rheinischen Departements nach dem Frieden v. Lunéville o. D.
  • LHAKo Bestand 276, Nr. 1692. Acta betr. Fest zur Verkündigung des Friedens vom 9. Februar 1801
  • LHAKo Bestand 441 Nr. 1689. Acta betr. die Reclamation der von dem Hospital zu Boppard durch den Lunéviller Frieden und den Reichsdeputations-Regest von 1803 verlorenen Weingüter auf der rechten Rheinseite, 1817
  • Stadtbibliothek Koblenz, Koblenzer Anzeiger, Februar 1801
  • Stadtbibliothek Koblenz, Koblenzer Zeitung, Februar 1801
  • J. Hansen (Hg.): Quellen zur Geschichte des Rheinlandes im Zeitalter der Französischen Revolution 1780 - 1801, Bd. 4, 1797 - 1801, Bonn 1938

Literatur

  • A. Buschmann: Kaiser und Reich. Verfassungsgeschichte des heiligen Römischen Reiches deutscher Nation vom Beginn des 12. Jahrhunderts bis zum Jahre 1806, o. O. 1994    
  • E. Fehrenbach: Vom Ancien Régime zum Wiener Kongreß. Oldenbourg Grundriß der Geschichte, Bd. 12, München, Wien 1981
  • J. Hansen: Das linke Rheinufer und die französische Revolution 1789 - 1801, in: Mitteilungen der Akademiezur wissenschaftlichen Erforschung und zur Pflege des Deutschtums, Nr. 12, München 1927, S. 421 - 455
  • E. R. Huber: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Bd. I, Reform und Restauration 1789 bis 1830, Stuttgart 1961
  • H. Molitor: Vom Untertan zum Administré. Studien zur französischen Herrschaft und zum Verhalten der Bevölkerung im Rhein-Mosel-Raum von den Revolutionskriegen bis zum Ende der Napoleonischen Zeit, Wiesbaden 1980
  • H. Molitor: Franzosen und Deutsche am Rhein 1789 - 1918 - 1945, Essen 1989
  • K. Julku: Die revolutionäre Bewegung im Rheinland am Ende des 18. Jh., Bd. 2. Die Revolution im Rheinland während der Franzosenherrschaft (1792 - 1801), Helsinki 1969
  • L. Käss: Die Organisation der allgemeinen Staatsverwaltung auf dem linken Rheinufer durch die Franzosen während der Besetzung 1792 bis zum Frieden von Lunéville, Diss. jur, Gießen 1929
  • Th. Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800 - 1866, München 1983
  • J. J. Sheehan: Der Ausklang des alten Reiches. Deutschland seit dem Ende des siebenjährigen Krieges bis zur gescheiterten Revolution 1763 - 1850. Propyläen Geschichte Deutschlands, Bd. 11, München 1994
  • H. A. Winkler: Der lange Weg nach Westen. Bd. 1. Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik, München 2001

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