Der 6. September 1654. Hexenverfolgung in Bullay

Am 6. September 1654 befanden sich in der kleinen Herrschaft Bullay mindestens zwei Frauen in Haft, weil sie der Hexerei beschuldigt wurden. Diese Prozesse gehörten in die letzte Welle von Hexenverfolgungen, die bis 1700 langsam aber endgültig abebbte. Obwohl Teufelsfurcht und Hexenglaube ihre Wurzeln im Mittelalter haben, sind die Hexenverfolgungen ein dunkles Kapitel der frühen Neuzeit. Zahlreiche Vorurteile, die sich immer noch um dieses historische Thema ranken, wurden von der modernen sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Forschung der letzten Jahrzehnte widerlegt.

Hexen und Hexenverfolgungen sind eines der historischen Themen, die immer ein besonderes Interesse in der Öffentlichkeit gefunden haben. Die moderne sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Forschung hat sich besonders in den letzten zwei Jahrzehnten intensiv mit diesem Themenkomplex auseinandergesetzt und bestehende Vorurteile unzweifelhaft entkräftet. Nicht allein die katholische Kirche bzw. die "Inquisition" war verantwortlich für das Ausmaß der Hexenverfolgungen. Die überwiegende Mehrzahl der Hexenprozesse fand vor weltlichen Gerichten statt. Vor allem Ende des 16. Jahrhunderts kam es "zu einer beispiellosen Volksbewegung", die sich besonders in Dörfern und Kleinstädten zeigte. Zu Beginn dieser Hexenjagden gerieten in erster Linie Mitglieder der Unterschichten in Verdacht. Im Laufe der Prozesse, die immer weitere Wellen von Verdächtigungen und Denunziationen schlugen, wurden aber auch Mitglieder der führenden Familien nicht verschont. Überwiegend Frauen fielen den Verfolgungen zum Opfer, ungefähr ein Drittel der Hingerichteten waren Männer. Oftmals wurden die Obrigkeit, die Landesherren und ihre Beamten regelrecht von den Verfolgungswünschen der Gemeinden verfolgt. Für den Verlauf und das Ausmaß der Verfolgungen war es dabei nicht entscheidend, welche Konfession der Landesherr hatte. Katholische Gemeinden verhielten sich nicht anders als evangelische. Ein weiterer Mythos im Zusammenhang mit den Hexenverfolgungen rankt sich um die sogenannten "weißen Frauen", Hebammen, Heilerinnen u. ä. Die Hinrichtungen dienten nicht der Ausschaltung, dieser Frauen und deren angeblichen Wissens über Verhütung und Abtreibung. Es zeigt sich eindeutig, dass alle Bevölkerungsschichten von der Verfolgung betroffen waren.

Um einen Prozess einzuleiten bzw. einen Verdächtigen in Haft zu setzen, war eine geäußerte Beschuldigung und manchmal sogar ein Gerücht völlig ausreichend. Einmal in Haft war es die Aufgabe der Angeklagten ihre Unschuld zu beweisen. Ohne einen Rechtsbeistand, der eine sehr hohe finanzielle Belastung bedeutete, war der Beweis der Unschuld nur zu erbringen, wenn sie die Tortur, die Folter, ohne Geständnis überstanden, was nur sehr selten vorkam. Die Verhöre begannen mit einer Befragung. Die Angeklagten wurden mit den Punkten der Anklage vertraut gemacht und zu einem Geständnis aufgefordert. War der oder die Beschuldigte nicht bereit zu gestehen, wurden die Folterwerkzeuge, Zangen, Stricke usw. gezeigt, um zu demonstrieren, was in der nächsten Stufe der Befragung zu erwarten sei, wenn kein Geständnis erfolgt. Der nächste Schritt war die eigentliche Folter, die in den meisten Fällen dazu führte, dass der Beklagte alles zugab, was man von ihm hören wollte. Oft wurden unter dem Druck der Folter auch weitere Namen von angeblichen Hexen und Hexern genannt, was zu weiteren Verhören und nicht selten zu "regelrechten Prozeßlawinen" führen konnte. Lag das Geständnis vor, war das weitere Schicksal des Beschuldigten besiegelt. Die angeblichen Hexen und Hexer wurden verbrannt. "Als Gnade konnte eine vorherige Enthauptung oder ein Säckchen Pulver um den Hals gewährt werden." Hinzu kam, dass die gesamten Haft- und Prozesskosten von dem Angeklagten zu entrichten war. Nicht selten entwickelten die Hexenprozesse in den Orten ihre eigene Dynamik. Die Hexenjagden wurden genutzt, um Machtstrukturen aufzubauen bzw. zu durchbrechen. Bestimmten Gruppen in den Dörfern taten sich zusammen, "um mit Kontrahenten und Konkurrenten abzurechnen"

In den zeitlichen Rahmen der einzelnen Phasen der Hexenverfolgungen in unserer Region fügt sich auch ein Prozess, der am 6. September 1654 in der kleinen Herrschaft Bullay an der Mosel durchgeführt wurde, die über eine eigene Kriminaljurisdiktion verfügte. Wie die im Landeshauptarchiv Koblenz verwahrten Unterlagen zeigen, befanden sich in dieser letzten Phase der Hexenverfolgungen zu diesem Zeitpunkt mindestens zwei Frauen in Haft und mussten sich der Tortur unterziehen. Welches weitere Schicksal diese Frauen hatten, lässt sich aus den vorhandenen Akten leider nicht erschließen. Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass sie zu den wenigen Angeklagten gehörten, die in der Lage waren, der Folter zu widerstehen. Auch sie werden zu den zahlreichen Opfern der Hexenverfolgungen in der Frühen Neuzeit gehört haben.

Quellen

Literatur

  •  B. Fuge: Das Ende der Hexenverfolgungen in Lothringen, Kurtrier und Luxemburg im 17. Jahrhundert, in: Incubi/succubi. Hexen und Henker bis heute, hg. v. R. Voltmer und F. Irsigler, Luxemburg 2000
  • F. Irsigler: Hebammen, Heilerinnen und Hexen, in: Incubi/succubi. Hexen und Henker bis heute, hg. v. Rita Voltmer u. Franz Irsigler, Luxemburg 2000
  • W. Rummel: Phasen und Träger kurtrierischer und sponheimischer Hexenverfolgungen, in: Hexenglaube und Hexenprozesse im Raum Rhein-Mosel-Saar, Bd. 1; Hg. v. G. Franz u. F. Irsigler, Trier 1995, S. 255 ff.
  • W. Rummel: Bauern, Herren, Hexen. Studien zur Sozialgeschichte sponheimischer und kurtrierischer Hexenprozesse 1574 - 1664 (Kritische Studien z. Geschichtswissenschaft, Bd. 94, Göttingen 1994
  • R. Voltmer, W. Rummel: Die Verfolgung eigener Interessen durch Untertanen, Funktionäre und Herrschaften bei den Hexenjagden im Rhein-Maas-Mosel-Raum, in: Unrecht und Recht. Kriminalität und Gesellschaft im Wandel von 1500 - 2000. Gemeinsame Landesausstellung der rheinland-pfälzischen und saarländischen Archive. Wissenschaftlicher Begleitband. Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Bd. 98, Koblenz 2002, S. 297 ff.
    Nach oben