Der 6. Juli 1824. Die statistische Erfassung der jüdischen Bevölkerung im Regierungsbezirk Koblenz

Bei der Eingliederung des Rheinlandes in den preußischen Staat wurde die bestehende rechtliche Situation der jüdischen Bevölkerung beibehalten. Das hatte zur Folge, dass in den linksrheinischen und rechtsrheinischen Gebieten des Regierungsbezirks Koblenz unterschiedliche rechtliche Voraussetzungen vorhanden waren. Wie sich dies auf die Lebensverhältnisse der Juden auswirkte, deutet eine Statistik an, die der Oberpräsident der Rheinprovinz Karl Freiherr von Ingersleben am 6. Juli 1824 bei den Regierungspräsidenten anforderte. Die in dieser Statistik zum Ausdruck kommende Uneinheitlichkeit der Judengesetzgebung wurde erst in den vierziger Jahren beseitigt.

Das Dekret der französischen Nationalversammlung vom 27. September 1791 gewährte den Juden in Frankreich das Staatsbürgerrecht. Sie verfügten damit über die völlige Gleichberechtigung mit allen Rechten und Pflichten eines Vollbürgers. Dieses Dekret galt auch in den 1801 endgültig zu Frankreich gehörenden linksrheinischen Gebieten Deutschlands. Am 17. März 1808 wurde es allerdings durch ein neues Dekret teilweise wieder aufgehoben und der jüdische Handel weitreichenden Beschränkungen unterworfen. Da sich gezeigt hatte, dass die Juden, die jahrhundertelang in sozialen Randpositionen leben mussten, nur geringe Möglichkeiten hatten, sich in bürgerlichen Berufen zu etablieren, traten sie weiterhin in erster Linie als Geldverleiher oder als Kleinhändler in Erscheinung. Mit dem napoleonischen Dekret von 1808 sollte diese einseitige wirtschaftliche Orientierung durch einschneidende Beschränkungen und Kontrollen beseitigt werden.

Mit der Eingliederung des Rheinlandes in den preußischen Staat am 5. April 1815 stellte sich die Frage, ob für die rechtliche Situation der Juden weiterhin die französische Gesetzgebung beibehalten, der vorherige Zustand wiederhergestellt oder das in den alten preußischen Provinzen gültige Emanzipationsedikt vom 11. März 1812 eingeführt werden sollte. Das Edikt, das den Juden das Staatsbürgerrecht gewährte, entsprach in vielen Punkten den Verhältnissen in den linksrheinischen Gebieten. Am 24. September 1816 wurde die Entscheidung hierüber allerdings bis zu einer gesamtstaatlichen Revision des Emanzipationsedikts aufgeschoben, so dass auch das Dekret von 1808 "bis auf weiteres" verlängert wurde. Im rechtsrheinischen Teil des Regierungsbezirks Koblenz blieb dementsprechend die Judenschutzgesetzgebung der ehemaligen Landesherrschaften in Kraft. Die Juden waren von der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung ausgeschlossen und hatten jährliche Judenschutzgelder zu entrichten. Am 21. September 1821 wurden allerdings die Judenschutzgelder durch Kabinettsorder abgeschafft.

Inwieweit die uneinheitlichen Bestimmungen und Beschränkungen im Regierungsbezirk Koblenz auch noch 1824 die wirtschaftliche Situation der Juden beeinflusste, deutet eine Statistik an, die der Oberpräsident der Rheinprovinz Karl Freiherr v. Ingersleben von den Regierungspräsidenten am 6. Juli 1824 anforderte.

Die statistischen Angaben, die am 22. Oktober 1824 vorlagen, zeigen, dass trotz der Aufhebung der Schutzgelder sich nichts am Status der Juden als Schutzverwandte geändert hatte. Im Regierungsbezirk Koblenz gab es zu diesem Zeitpunkt 552 Juden, die mit einem Schutzbrief ausgestattet waren und die dadurch lediglich als geduldete Religionsgemeinschaft angesehen wurden. Die Statistik zeigt aber auch, dass es für ein Gelingen der durch das Dekret von 1808 beabsichtigten Förderung des Ackerbaus nur wenig Anhaltspunkte gab. Lediglich 29 Juden waren im Ackerbau tätig. Die 376 Personen, die als Grundbesitzer ausgewiesen wurden, verfügten aufgrund der Erläuterungen der Statistik in der Mehrzahl über ein kleines Gartengrundstück. Während 232 Personen ein Handwerk ausübten, war der überwiegende Teil der erfassten Erwerbstätigen als Händler bzw. als Hausierer tätig.

Trotz der Unzulänglichkeit und weitgehenden Wirkungslosigkeit des Dekrets blieben seine diskriminierenden Bestimmungen bis in die vierziger Jahre bestehen. Erst der im Juli 1843 tagende Siebte Rheinische Provinziallandtag sprach sich gegen jede Sonderstellung der Juden und damit für die Aufhebung des Dekrets von 1808 aus. König Friedrich Wilhelm IV. lehnte die Vorschläge der Landstände allerdings ab und tat dies 1845 noch einmal, als der Achte Rheinische Provinziallandtag die gleichen Forderungen stellte. Erst der Vereinigte Landtag von 1847 legte am 23. Juli ein Gesetz über die Verhältnisse der Juden vor, das die Beschränkungen der Dekrets aufhob. Die Voraussetzungen für eine einheitliche Regelung in Preußen und damit für eine volle Gleichberechtigung auch in den rheinischen Gebieten wurden durch die Verordnung vom 6. April 1848 und durch die beiden Verfassungen vom 5. Dezember 1848 und 31. Januar 1850 geschaffen. Die rechtliche Gleichstellung der Juden konnte aber erst durch das Gesetz des Norddeutschen Bundes vom 3. Juli 1869 erreicht werden, das nach der Reichsgründung als Reichsgesetz Anwendung fand.

Quellen

  • LHA Koblenz, Bestand 403, Nr. 935. Acta des rheinischen Oberpräsidiums betr. die Zahl der in der Rheinprovinz vorhandenen Juden   
  • Dokumentation zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Rheinland-Pfalz und im Saarland von 1800 bis 1945. Hg. von der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz in Verbindung mit dem Landesarchiv Saarbrücken.
    Bd. 1. Zur rechtlichen Situation der Juden im 18. Jahrhundert, bearb. v. G. F. Böhn.
    Die Juden in der Französischen Zeit von 1798/1801 bis 1814, bearb. v. E. Bucher, Koblenz 1982
  • Bd. 2. Der Weg zur Gleichberechtigung der Juden, bearb. v. A. Doll, H.-J. Schmidt und M. Wilmanns, Koblenz 1979
  • Bd. 3. Die Juden in ihrem gemeindlichen und öffentlichen Leben, bearb. v. J. Esperstedt, W. Knopp, K. Watschke und K. Werner, Koblenz 1972 
  • Inventar des Bestandes Oberpräsidium der Rheinprovinz, Teil 1 und 2. Landeshauptarchiv Koblenz, Bestand 403. Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Bd. 71. Hg. von H.-G. Borck unter Mitarbeit von D. Kerber, Koblenz 1996

Literatur

  •  H. M. Klinkenberg: Zwischen Liberalismus und Nationalismus im Zweiten Kaiserreich (1870 - 1918, in: Monumenta Judaica. 2000 Jahre Geschichte und Kultur der Juden am Rhein. Handbuch hg. im Auftrag der Stadt Köln v. K. Schilling, Köln 1964, S. 309 - 384
  • M. Matheus (Hg.): Juden in Deutschland. Mainzer Vorträge, Bd. 1, hg. von dem Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz, Stuttgart 1995
  • E. Sterling: Der Kampf um die Emanzipation der Juden im Rheinland. Vom Zeitalter der Aufklärung bis zur Gründung des Deutschen Reiches, in: Monumenta Judaica. 2000 Jahre Geschichte und Kultur der Juden am Rhein. Handbuch hg. im Auftrag der Stadt Köln v. K. Schilling, Köln 1964, S. 282 - 308 
  • S. Volkov: Die Juden in Deutschland 1780 - 1918. Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 16. Hg. v. L. Gall, München 1994
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