Der 2. Juli 1801. Die Irrfahrten kurtrierischer Archivalien und ihr vorläufiges Ende

Vor zweihundert Jahren fand die Irrfahrt eines kleinen Teils der Akten und Archivalien des Kurfürstentums Trier ihr vorläufiges Ende im Hafen von Ehrenbreitstein. Die umfangreiche Grundlage der kurtrierischen Verwaltung war ab 1792 vor den heranrückenden französischen Truppen an unterschiedlichen Orten in Sicherheit gebracht worden und konnte, nachdem der Kurfürst durch den Frieden von Lunéville vorläufig wieder in den Besitz Ehrenbreitsteins und der rechtsrheinischen Kurlande gekommen war, zurückgebracht werden. Die Besitznahme der rechtsrheinischen Gebiete durch die nassau-weilburgische Regierung und der Verlauf des dritten Koalitionskrieges verzögerte die Rückführung zahlreicher Bestände, so daß die Flucht der "urkundlichen Herrschaftsmittel" zu zahlreichen Verlusten und Beschädigungen führte, bevor die verbleibenden Akten und Archivalien in den zuständigen Archiven eine endgültige Heimat fanden.  

Die große "Leibjacht" des letzten Trierer Kurfürsten Clemens Wenzeslaus, "die über alle Beschreibung schön, kostbar eingerichtet und bewundernswürdig ist", traf am 2. Juli 1801 im Hafen von Ehrenbreitstein ein. Unter dem "vielstimmigen Vivat- und Freudengeschrei" der Rheinanwohner kehrte die luxuriöse Prunktjacht gemeinsam mit den anderen Schiffen der kurfürstlichen Flottille in ihren Heimathafen zurück, nachdem sie im Jahre 1794 vor den anrückenden Franzosen in Hanau in Sicherheit gebracht worden war. Die Fracht, die in diesem prachtvollen Rahmen transportiert wurde, bestand aus einem Teil der schriftlichen Grundlage der erzstiftischen Verwaltung, die nach dem Abzug der Franzosen im Frühjahr des Jahres 1801 in den rechtsrheinischen Gebieten ihre Arbeit wieder aufnahm. In dem "Cameral Commissions Protocoll" vom 9. Juli des gleichen Jahres wird die Ankunft der Akten und Archivalien beschrieben: "Ehrenbreitschein. Ankunft der Kurfürstlichen Schiffereien, Effecten und Litteralien von Hanau betreffend.- zeiget Herr Hofbaumeister, daß der ganze Transport am 2 ten dieses abends 5 Uhr glücklich im Thale eingetroffen, und Tages darauf die Ausladung nach der Vorschrift beschafen seye."

Bereits im Winter des Jahres 1794 entwickelte sich der Kriegsverlauf gegen Frankreich so bedrohlich, dass erneut die Notwendigkeit einer "Flüchtung" der Archive und Registraturen anerkannt wurde, die diesmal detailliert vorbereitet werden konnte. In einem Schreiben des Kurfürsten vom 24. Januar 1794 an die Hofkammer heißt es dementsprechend:" Obwohl in dem gegenwärtigen Augenblick für das Erzstift Trier keine Gefahr vorhanden ist, so haben Seine Kurfürstliche Durchlaucht jedennoch für notwendig erachtet, daß das kurfürstliche Archiv bei Zeiten in Sicherheit gebracht, und nicht etwa der Augenblick abgewartet werde, in welchem für das Erzstift durch dessen Verlust ein unersetzlicher Schaden entstehen könnte." Im Gegensatz zu den ersten Auslagerungen 1792 ging es jetzt nicht mehr darum, einige wenige Stücke kurzfristig in Sicherheit zu bringen. Jetzt war man mit der Möglichkeit einer längerfristigen Besetzung der linksrheinischen Gebiete durch Frankreich konfrontiert. Es mußten Vorkehrungen für eine dauerhafte Verlegung der kurfürstlichen Residenz und der Verwaltung des Kurstaates und für die längerfristige Auslagerung aller Archivalien getroffen werden. Am 14. Januar 1794 wurde das neue Amt eines "Flüchtungskommissars" eingerichtet und damit die Grundlage für die technische Vorbereitung und Durchführung der geplanten größeren Auslagerungen geschaffen.

Seit Anfang Juli wurden schließlich umfangreiche Aktenbestände, die die zentralen Grundlagen der kurfürstlichen Behörden bildeten, mit Schiffen nach Oberschwaben, in das Fürstbischöfliche Residenzschloss nach Dillingen, transportiert. Die restlichen Bestände wurden an unterschiedlichen Orten deponiert. Die von der am 27. Oktober 1794 eingerichteten Landstatthalterschaft, der Verwaltungsbehörde für den rechtsrheinischen Reststaates des Kurfürstentum in Montabaur, benötigten Akten wurden dorthin gebracht. Während der Besetzung der Stadt Koblenz im Herbst des Jahres wurden die restlichen hier verbliebenden Bestände "in fieberhafter Eile" auf die Festung Ehrenbreitstein befördert. Ein Jahr später waren diese Depots wiederum akut durch die Franzosen gefährdet, so daß erneute Auslagerungen vobereitet werden mussten. Im September 1795 wurden die in Ehrenbreitstein und in der Festung lagernden Akten nach Diez verlagert, von wo sie schließlich nach Frankfurt und Hanau weitergeleitet wurden. Die in Dillingen lagernden Bestände traten Ende 1795 und in den ersten Monaten des folgenden Jahres die Reise nach Dresden an, wo sich auch der Kurfürst aufhielt.

Der Friede von Lunéville, der den zweiten Koalitionskrieg beendete, stellte den besetzten linksrheinischen Teil des Kurfürstentums Trier formell unter die französische Herrschaft. Aber auch die Existenz des verbleibenden rechtrheinischen kurtrierischen Rumpfstaates war nur noch von kurzer Dauer, was auch für die ausgelagerten Akten und Archivalien von entschiedender Bedeutung gewesen ist. Bereits im Friedensvertrag von Campo Formio war festgelegt worden, daß die Nassauer Regierung für die Übergabe der die linksrheinischen Gebiete betreffenden Akten an die französische Regierung verantwortlich sei. Diese Bestimmung, die durch den Vertrag von Lunéville bestätigt wurde, machte den Rücktransport der ausgelagerten Unterlagen notwendig. Darüber hinaus beabsichtigte die Oberlandeskommission in Thal Ehrenbreitstein, die als Nachfolgebehörde für die Verwaltung des rechtheinischen Kurstaates zuständig war, ebenfalls eine zeitnahe Rückführung, um ihre Verwaltungstätigkeit wieder aufnehmen zu können.

Dem ersten Rücktransport aus Hanau im Juli 1801 folgten dementsprechend weitere auch aus den anderen Depots, die von den jeweiligen Anforderungen der Verwaltung diktiert waren. Mit der provisorischen Besitznahme der rechtsrheinischen Gebiete durch die nassau-weilburgische Regierung im Dezember 1802 und dem damit verbundenen Verlust der politischen Selbstständigkeit des Kurstaaates ging auch die Verantwortung für die Aktendepots an diese Regierung über. Der Regierungswechsel sowie der dritte Koalitionskrieg verzögerte bzw. verhinderte die sachgerechte Rückführung vieler Akten. Diese Verzögerungen brachten es mit sich, dass sich große Teile der Akten in einem nicht mehr nutzbaren Zustand befanden bzw. nicht mehr auffindbar waren und für die historischen Forschung wahrscheinlich verloren sind. Die Bestände, die an Frankreich ausgeliefert wurden und später in preußischen Besitz übergingen, befinden sich heute im Landeshauptarchiv Koblenz bzw. im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden. Die Bestände der erzbischöflichen Behörden beendeten ihre Irrfahrten zu einem überwiegenden Anteil im Bistumsarchiv Trier.

Quellen

Literatur

  • H. Brunner: Geschichte des Kurtrierischen Rumpfstaates 1794 - 1802, Diss. phil., Gießen 1929
  • H. W. Kuhn: Die Archivalienflüchtungen des Erzstifts Trier 1792 - 1805, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte, Koblenz 1976, S. 211 -  254
  • H. W. Kuhn: Anmerkung zur Auflösung der Stifts- und Klosterbibliotheken in und um Trier. Zum Beispiel die Abtei St. Maximin, in: Armaria Trevirensia. Beiträge zur Trierer Bibliotheksgeschichte, hg. v. G. Franz, Wiesbaden 1985, S. 115 - 126
  • I. Schnelling: Die Archive der kurtrierischen Verwaltungsbehörden 1768 - 1832. Die Auswirkungen der französischen Besetzung sowie der Säkularisation auf das Archivwesen im Kurfürstentum Trier, Trier 1991
  • J. J. Wagner: Die große Leibjacht des letzten Trierischen Kurfürsten Clemens Wenzeslaus, in: Rheinische Heimatblätter 1924, S. 39 - 42

 

 

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