Der 1. Mai 1899 im Regierungsbezirk Koblenz

Der 1. Mai war auf dem Gründungskongress der II. Internationale in Paris vom 14. bis 20. Juli 1889 zum "Kampftag der Arbeit" ernannt worden und wurde seit 1890 mit Demonstrationen, Versammlungen und Unterschriftensammlungen zur Durchsetzung der Ziele der Arbeiterbewegung genutzt. Darüber hinaus sollte durch diesen Tag die Solidarität der Arbeiter aller Länder manifestiert werden.

Der preußische Innenminister erließ am 11. April 1890 eine detaillierte Instruktion an alle Regierungs- und Polizeipräsidenten, in der das Vorgehen gegenüber den zu erwartenden Maiveranstaltungen festgelegt wurde: "Jedenfalls werden aber fast in allen denjenigen Orten, in welchen die Sozialdemokratie festen Fuß gefaßt hat, umfangreiche Demonstrationen durch Abhaltung von Vereins- und öffentlichen Versammlungen, öffentlichen Aufzügen, Abfassung und Unterzeichnung von Petitionen pp. beabsichtigt und vorbereitet. Die sämtlichen Polizeibehörden sind deshalb sofort dahin mit Anweisung zu versehen, daß sie diesen Vorbereitungen und beabsichtigten Kundgebungen ihre Aufmerksamkeit zuwenden und rechtzeitig Fürsorge treffen, um etwaigen Ausschreitungen mit Energie entgegenzutreten und die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung unbedingt zu sichern. [...]"

Der Präsident der Regierung Koblenz ging in seinem Halbjahresbericht über die Aktivitäten der Sozialdemokratie detailliert auf die Ereignisse am 1. Mai in seinem Zuständigkeitsbereich ein. Im Brennerschen Lokale auf der Pfingstwiese in Kreuznach habe am 1. Mai ein Versammlung stattgefunden, die von etwa 50 Personen besucht worden sei. "[...] In derselben verbreitete sich der Landtagsabgeordnete Dr. Eduard David aus Mainz in etwa 1 ½ stündiger Rede über die Bedeutung des 1. Mai als Weltfeiertag der Arbeiter und spricht über die Forderung Verkürzung der Arbeitszeit und Abschaffung der Frauen- und Kinderarbeit, durch welche die Frauen der Erfüllung ihrer Pflicht zur Erziehung der Kinder entzogen würden. Die Gesellschaft sei selbst schuld daran, wenn es Verbrecher gäbe. Nunmehr verbreitete sich Redner über den sogenannten Zuchthauskurs des Herrn Stumm, berührt die Friedenskonferenz des Zaren und erklärt, dass die Kriege nur von Spekulanten gemacht würden, welche dabei Millionen verdienten. Redner forderte dann zur Organisation und Einigkeit auf als dem einzigen Mittel zur Durchsetzung der Interessen; er erörtert noch den Stand der Arbeitslöhne der englischen Glasmacher im Vergleich zu den Deutschen, und schliesst mit den Worten: "Vorwärts in den Kampf, damit die Welt unser werde". Nach einem dreimaligen Hoch auf die Sozialdemokratie schließt die Versammlung. [...]" Abschließend wird betont, daß die Versammlung ruhig verlaufen sei, "weshalb zu polizeilichen Einschreiten kein Anlass vorlag. [...]".  

Quellen

  •  Landeshauptarchiv Koblenz, Bestand 403. Oberpräsidium der Rheinprovinz. 

    • Nr. 6832, Acta betr. die Ausführung des Gesetzes gegen die Bestrebungen der Socialdemokratie, vol. 4.        
    • Nr. 6836, Acta betr. die socialdemokratische Bewegung und sonstige Vorgänge auf sozialem Gebiet, vol. 8       
    • Nr. 6839, Acta betr. die socialdemokratische Bewegung, vol. 11       
    • Nr. 6844, Acta betr. die socialdemokratische Bewegung, vol. 16     

  • Inventar des Bestandes Oberpräsidium der Rheinprovinz, Teil 1 und 2. Landeshauptarchiv Koblenz, Bestand 403. Veröff. der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Bd. 71. Hg. von H.-G. Borck unter Mitarbeit von Dieter Kerber, Koblenz 1996    
  • Kongreß-Protokolle der Zweiten Internationale 1889 - 1912, 2. Bde, Glashütten i.T. 1976

Literatur

  •  Bär, M., Die Behördenverfassung der Rheinprovinz seit 1815. PublGesellschrhGeschkde 35, Bonn 1919    
  • Droz, J. (Hg.), Geschichte des Sozialismus. Von 1875 bis 1918. Bd. IX.: Sozialismus, Zweite Internationale und Erster Weltkrieg, 1976
  • Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Darstellung - Chronologien - Dokumente, 3. Bde. Schriftenreihe der Bundeszentrale für pol. Bildung, Bd. 207. Hg. unter der Leitung von Thomas Meyer, Susanne Miller, Joachim Rohlfes, Bonn 1984
  • Först, W., Das Rheinland in preußischer Zeit, Köln/Berlin 1965
  • Nipperdey, Th., Deutsche Geschichte 1866 - 1918, Bd. II. Machtstaat vor der Demokratie, München 1992
  • Potthoff, H., Kleine Geschichte der SPD. Darstellung und Dokumentation 1848 - 1983, Bonn 1983
  • Schneider, U., Politische Festkultur im 19. Jahrhundert. Die Rheinprovinz von der französischen Zeit bis zum Ende des Ersten Weltkrieges (1806 - 1918). Düsseldorfer Schriften zur neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens, Bd. 41, Essen 1995
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