Der 31. Juli 1851. Der politische Flüchtling Carl Schurz

Am 31. Juli 1851 informierte der damalige preußische Gesandte am Bundestag in Frankfurt, Otto von Bismarck, den Kommandanten in Mainz in einem eigenhändigen Schreiben über die Anwesenheit des Revolutionärs Carl Schurz im Rheinland. Die Bemühungen Bismarcks führten allerdings nicht zur Verhaftung des politischen Flüchtlings, der von den preußischen Behörden als sehr gefährlich eingestuft wurde. Schurz, der u. a. durch sein Engagement während des pfälzischen Aufstandes in ganz Deutschland bekannt geworden war, wanderte 1852 in die USA aus und etablierte sich als einflussreicher Zeitungsverleger und erfolgreicher Politiker.

"Hell und frei, quick und fix, kühn und blitzend - so geht er seinen Weg als ein Volkskämpfer für das Echte und Rechte, mit zäher Zuverlässigkeit, ein innerlich ausgewogener, durch und durch ehrlicher Mensch. ... Der Märzsturm ist in diesem Menschen nie still geworden. Das ewig junge deutsche revolutionäre Wollen hat sich in ihm gestaltet, sympathisch und überzeugend, wie wohl bei keinem anderen". So beschrieb Veit Valentin den rheinischen Revolutionär Carl Schurz, der als ältestes Kind des Lehrers Christian Schurz am 2. März 1829 in Liblar geboren wurde, in seiner 1930 erstmals erschienenen Geschichte der deutschen Revolution. Als 19-jähriger Philologiestudent in Bonn entwickelte sich Schurz im Frühjahr 1848 zum Studentenführer und zum engsten Mitarbeiter seines Lehrers Gottfried Kinkel, der am 31. Mai 1848 ebenfalls in Bonn einen demokratischen Verein gegründet hatte. Im September nahm Schurz als Delegierter an dem Studentenkongress in Eisenach teil und gründete drei Monate später einen demokratischen Studentenverein. Im August 1848 übernahm Kinkel die Redaktion der "Bonner Zeitung", die ab dem 1. Januar 1849 "Neue Bonner Zeitung" hieß. Schurz beteiligte sich an dieser Arbeit mit zahlreichen Artikeln, größeren Beiträgen und Theaterkritiken, bevor er zwischen dem 23. Februar und dem 27. April 1849 die Redaktion übernahm, weil Kinkel als Abgeordneter der Zweiten Kammer nach Berlin berufen wurde.

Mit der Ablehnung der Reichsverfassung und der Kaiserwürde durch den König von Preußen und dem Einsetzen der Reaktion begann die sogenannte "Reichsverfassungskampagne". Am 4. Mai 1849 hatte die Nationalversammlung "die Regierungen, die gesetzgebenden Körper, die Gemeinden der Einzelstaaten, das gesamte deutsche Volk" aufgefordert, die Verfassung anzuerkennen und zur Geltung zu bringen. Die Bonner Demokraten versuchten, die Maßnahmen zur Umsetzung dieser Aufforderung, die neben Sachsen und Baden auch im Rheinland und in der Pfalz anliefen, zu unterstützen. In der zur damaligen Zeit zu Bayern gehörenden Pfalz schloss der junge Rheinländer sich gemeinsam mit Kinkel der Verfassungsbewegung an. In seinen Lebenserinnerungen beschreibt Schurz sein Engagement für das "geweckte, lebhafte, aufgeklärte Völkchen", das "... schon von Natur aus zu einer liberalen Denkweise geneigt gewesen" sei. Als Leutnant kämpfte er in der pfälzischen Artillerie, war sich aber von Anfang an über die geringen Erfolgsaussichten der pfälzischen Revolutionsbewegung im Klaren. "Die Verständigeren und Weitersehenden verhehlten sich jedoch nicht, daß, wie die Dinge sich nun einmal gestaltet hatten, es sich hier um einen Entscheidungskampf mit einer antinationalen und antiliberalen Reaktion handle, die bei dieser Gelegenheit ihre ganze wohlorganisierte Macht, wenn nötig, bis zu den letzten Reserven, aufbieten werde, und daß dieser Macht gegenüber sich die Hilfsmittel der Pfalz und Badens bedenklich gering ausnahmen." Schurz sollte mit seiner Einschätzung recht behalten. Am 14. Juni marschierten preußische Truppen in die Pfalz ein und konnten sie innerhalb von vier Tagen für Bayern zurückgewinnen. Schurz und viele seiner pfälzischen Mitstreiter zogen sich nach Baden zurück, wo sie sich der dortigen revolutionären Bewegung anschlossen. Aber auch hier wurde die Situation für die ca. 40.000 "Freiheitskämpfer" sehr schnell aussichtslos. Am 1. Juli 1849 wurden 5.500 Mann, unter ihnen Carl Schurz, in der Festung Rastatt von preußischen Truppen eingeschlossen. Der Gefangenschaft konnte er sich durch die Flucht durch einen Abwasserkanal entziehen und entkam schließlich ungehindert nach Zürich. Mit einer spektakulären Befreiungsaktion machte der Revolutionär im November 1850 noch einmal auf sich aufmerksam. Sein Lehrer Gottfried Kinkel war während der Kämpfe in Baden gefangengenommen und erst zum Tode und schließlich zu "lebenswieriger Freiheitsstrafe" verurteilt worden. Die riskante Befreiung aus der Festung Spandau gelang ebenso wie die anschließende Flucht der beiden Revolutionäre nach London und erregte in Deutschland ein nicht geringes Aufsehen, was den Bekanntheitsgrad des jungen Rheinländers noch einmal deutlich erhöhte.

Die Bemühungen Bismarcks blieben erfolglos. Schurz, der sich wahrscheinlich tatsächlich im Herbst 1851 für einige Tage im Rheinland aufgehalten hatte, konnte nicht verhaftet werden. Am 4. August 1851 wurde Bismarck von dem Oberpräsidenten der Rheinprovinz über die erfolglosen Maßnahmen informiert. Der rheinische Freiheitskämpfer war im Sommer 1852 gemeinsam mit seiner Frau in die USA ausgewandert und etablierte sich hier als einflussreicher Zeitungsverleger und erfolgreicher Politiker. Von März 1869 bis März 1875 war der deutsche Revolutionär Senator und bekleidete damit das dritthöchste Amt der USA. Im Jahre 1877 ernannte ihn Präsident Rutherford B. Hayes schließlich zum Innenminister. Nachdem Schurz dieses Amt bis 1881 ausgefüllt hatte, zog er sich aus der Politik zurück. Der "politische Flüchtling" Schurz starb am 14. Mai 1906 hochgeehrt in New York.

Quellen

Literatur

  • H.-G. Borck (Hg.): "...ein freies Volk zu sein !". Die Revolution von 1848/49. Begleitpublikation zur Ausstellung des Bundesarchivs in Zusammenarbeit mit dem Landeshauptarchiv und dem Stadtarchiv in Koblenz. Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Bd. 77    
  • W. Keßler: Carl Schurz, in: Rheinische Lebensbilder, Bd. 9, Köln 1982, S. 199 - 216
  • B. Resmini: Karl Schurz und Bismarck. Demagogenverfolgung nach 1848, in: Zeugnisse Rheinischer Geschichte. Urkunden, Akten und Bilder aus der Geschichte der Rheinlande, Neuss 1982, S. 85 - 88
  • V. Valentin: Geschichte der deutschen Revolution von 1848 - 1849, Bd. 2. Bis zum Ende der Volksbewegung von 1849, Neuauflage Weinheim und Berlin 1998