Der 30. Dezember 634. Das Grimo-Testament. Die älteste Urkunde des Rheinlandes

Das Testament des austrasischen Adligen Adalgisel Grimo vom 30. Dezember 634 ist die älteste erhaltene Urkunde des Rheinlandes. Die Urschrift des Testaments ging verloren, so dass im Landeshauptarchiv Koblenz die einzige erhaltene Abschrift aus dem 10. Jahrhundert aufbewahrt wird. Die Urkunde bietet einmalige und sehr detailreiche Einblicke in die frühmittelalterliche Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Region.

"Am 30 Dezember des Jahres 634 verfügte der Verduner Diakon Adalgisel Grimo in seinem Testament über umfangreichen Streubesitz zugunsten verschiedener natürlicher und juristischer Personen zwischen Hunsrück und Maas." Bei diesem Testament handelt es sich um die älteste erhaltene Urkunde des Rheinlandes. Die Urschrift des Testaments ging allerdings verloren. Im Landeshauptarchiv Koblenz wird die einzige erhaltene Abschrift aufbewahrt, die aus dem 10. Jahrhundert stammt. Der detailreiche Inhalt der Urkunde gibt interessante Einblicke in die frühmittelalterlichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Gegend, die bis heute immer wieder die Forschung beschäftigen. Das Testament enthält aber auch wichtige Ersterwähnungen von Ortsnamen, die allerdings für die Forschung oftmals schwierige Identifizierungsprobleme mit sich gebracht haben.

Über die Herkunft des Ausstellers ist aus dem Testament nur wenig zu entnehmen. Die Angaben über seine Person sind nicht sehr ausführlich, so dass auch hier für die Forschung ein weites Feld zur Verfügung steht. Der Diakon Adalgisel Grimo erhielt seine Erziehung und wohl auch Ausbildung an der Domkirche von Verdun. Er gehörte einer einflussreichen austrasischen Familie an. Als Austrasien wird der östliche Teil des Frankenreiches zur Zeit der Merowinger bezeichnet. Austrasien war seit Chlodwigs I. Tod (511) bis Pippin dem Jüngeren meist ein selbständiges Königreich mit der Hauptstadt Metz. Das Gebiet umfasste die Region um Rhein, Maas und Mosel und neben Metz die Orte Reims, Köln und Trier. Während die Bemühungen der Forschung Adalgisel Grimo zu einem Verwandten der Merowingerkönige zu machen oder ihn als einen Vorfahren der karolingischen Herrscher anzusehen, im Bereich der Hypothese bleiben, ist die Verwandtschaft mit dem Herzog Adalgisel als gesichert zu bezeichnen. Dieser Herzog führte zusammen mit Bischof Kunibert von Köln die Regentschaft für den unmündigen Unterkönig Sigibert III. und ist auch in der näheren Umgebung von König Childerich II. nachzuweisen.

Da Adalgisel anscheinend keine Kinder hatte, vermachte er seinen weitgestreuten Besitz zwischen Hunsrück, Ardennen und Verdun Einzelpersonen sowie kirchlichen und karitativen Einrichtungen. Der Diakon verfügte über Besitz in Tholey am Südrand des Hochwaldes, an Saar und Mosel sowie an der Maas. Die Angabe zu den Besitztümern geben wertvolle Hinweise und Einblicke in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Zeit. Standorte von Mühlen werden erwähnt, Weinberge an der Lieser, einem Nebenfluss der Mittelmosel und bei Amay an der Mass. Genaue Angaben über ein differenzierte Viehwirtschaft mit Rinder-, Schaf- und Schweineherden sind ebenso vorhanden, wie Hinweise über die Verwertung des Besitzes und die Art des ursprünglichen Erwerbs.

Die Echtheit und die Bedeutung dieser Urkunde ist unbestritten. Ihr Aufbau entspricht anderen Testamenten aus der gleichen Zeit. Das große Pergamentblatt der Urkunde ist fast 61 cm hoch und 43 cm breit. An den Rändern ist die Urkunde allerdings sehr stark beschädigt. Durch Feuchtigkeit sind ganze Stücke vermodert und abgebröckelt, so dass auch ein Teil der Schrift verlorenging, was die Übersetzung und Interpretation der Urkunde deutlich erschwert hat. Das brüchige Pergament wurde in der Zeit der französischen Herrschaft zum Schutz auf zwei beschriebene Papierblätter geklebt. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die Ränder noch einmal mit Papier unterklebt. Unregelmäßigkeiten im Aufbau der Urkunde lassen vermuten, dass bei einer früheren Abschrift der Text durcheinander gekommen ist oder dass das auf Pergament geschriebene Original gebrochen und falsch zusammengeklebt sein könnte.

Quellen

Literatur

  • Urkundenbuch zur Geschichte der mittelrheinischen Territorien I, Coblenz 1860, Nr. 6, S.5 - 8
  • H.-W. Herrmann: Das Grimo-Testament. Die älteste Urkunde des Rheinlandes, in: Zeugnisse rheinischer Geschichte. Urkunden, Akten und Bilder aus der Geschichte des Rheinlandes. Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, 1982, S. 9 - 10    
  • H.-W. Herrmann: Das Testament des Adalgisel-Grimo, in: Beiträge zur Archäologie und Kunstgeschichte Abteilung Bodendenkmalpflege. 22. Bericht der staatlichen Denkmalpflege im Saarland, 1975, S. 67 - 89
  • W. Levison: Das Testament des Diakons Adalgisel-Grimo vom Jahre 634, in: Trierer Zeitschrift VII 1932, Heft 1 und 2, S. 69 - 85
  • U. Nonn: Zur Familie des Diakons Adalgisel-Grimo, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte, 1. Jhg. 1975, S. 11 - 19