Der 29. Juli 1800. Die Bedrohung der Juden durch die Räuberbande des Schinderhannes

Am 29. Juli 1800 richtete der jüdische Bürger Levy Abraham aus Kreuznach eine Bittschrift an den Regierungskommissar Shee, in der er ihn um Unterstützung gegen die Räuberbande des Schinderhannes bat. Juden gehörten seit 1797 zu den bevorzugten Opfern der Bande, die vor allem im Hunsrück ihr Unwesen trieb. Aufgrund ihrer beruflichen Struktur waren sie viel auf den Handelsstraßen unterwegs und dort eine ebenso leichte Beute wie in ihren Heimatgemeinden, wo sie wenig Beistand und Unterstützung durch die christliche Landbevölkerung erhielten. Das Jahr 1800 markiert den Höhepunkt der Übergriffe der Bande auf Juden. Von den Behörden eingeleitete Gegenmaßnahmen zeigten allerdings erst Wirkung, als der Schinderhannes 1802 verhaftet und die Bande zerschlagen werden konnte. Die Bedrohung der Juden durch Räuberbanden blieb aber weiterhin bestehen.  

Johannes Bückler, genannt Schinderhannes, ist eine Räubergestalt, die bis heute in vielen Regionen des Bundeslandes Rheinland-Pfalz als historische Legende ihren Platz im Bewusstsein der Bevölkerung hat. Der Schinderhannes war einer der bekanntesten Vertreter des Bandenwesens, die in der Zeit des Übergangs von den ständisch gegliederten Territorien des 18. Jahrhunderts zur staatsbürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts im Rheinland ihr Unwesen trieben. Nach wie vor existiert der Mythos vom edlen und mutigen Räuberhauptmann, der den Reichen nahm, um die Armen zu unterstützen. Die Realität sah allerdings ganz anders aus.

Als Sohn des gleichnamigen Abdeckers und seiner Frau Maria Schmitt wurde Bückler zwischen 1777 und 1783 in Miehlen bei Nastätten geboren. Einige Jahre nach seiner Geburt verließ die Familie den kleinen Ort, nachdem ihr Haus wegen wiederholter krimineller Delikte beider Elternteile von den Behörden konfisziert und versteigert worden war. Der Vater, der vorgehabt hatte, nach Polen auszuwandern, verpflichtete sich am 11. Juni 1784 bei dem kaiserlichen Regiment Hildburgshausen. Nach seiner Desertion am 21. August 1787 folgte ihm die Familie nach Merzweiler. Nach zahlreichen weiteren Umzügen und den ersten Betrügereien und Unterschlagungen verließ Johannes im Jahre 1795 seine Familie und begann eine Lehre als Abdecker bei dem Bärenbacher Wasenmeister und Scharfrichter Nagel, dem er bereits ein halbes Jahr später Kälberfelle und eine Kuhhaut stahl. Von nun an ging die Karriere des Johannes Bückler steil bergauf. Vor allem Vieh- und Pferdediebstähle gehörten bis 1798 zum Programm des Schinderhannes, die dieser mit wechselnden Kumpanen durchführte.

Das Jahr 1798 bildet einen Einschnitt in der relativ kurzen Zeitspanne zwischen 1795/96 und 1803, in der der Schinderhannes bzw. seine Bande aktiv waren. Der Raubmord an dem jüdischen Viehhändler Simon Seligmann aus Seibersbach im August 1798 war eines der ersten schweren Verbrechen, denen Juden zum Opfer fielen. In den folgenden Jahren bis 1803 waren auffallend viele Juden von den Überfällen der Schinderhannesbande betroffen. Sie wurden zur bevorzugten Opfergruppe der Bande. Dabei handelte es sich allerdings nicht um einen grundsätzlichen Judenhass, denn sowohl der Schinderhannes als auch Mitglieder seiner Bande hatten bei verschiedenen Überfällen mit den überwiegend jüdischen Angehörigen der Neuwieder Bande zusammengearbeitet. Die Auswahl der Opfer hatte vielmehr strategische und pragmatische Gründe. Juden waren immer schon beliebte Opfer für Räuberbanden. Aufgrund ihrer beruflichen Struktur benutzten sie als Vieh- oder Warenhändler die bekannten Handelsstraßen und Wege zu den Märkten. Sie waren meist in kleineren Gruppen zu Fuß unterwegs, weitgehend ungeschützt und wehrlos und damit eine leichte Beute für die Räuberbanden. Obwohl auch die christliche Landbevölkerung nicht von den Überfällen der Bande verschont blieb, konnte man sich angesichts der weitverbreiteten Judenfeindschaft der Unterstützung bzw. der stillschweigenden Duldung sicher sein. "In vielen Fällen reagierten die Dorfbewohner mit Schadenfreude auf einen Raub bei Juden und weigerten sich die Sturmglocke zu läuten." Die jüdische Bevölkerung hatte mit der faktisch Ende 1797 erfolgten und der staatsrechtlich bestätigten Inbesitznahme der linksrheinischen Gebiete durch Frankreich im Frieden von Lunéville 1801 die völlige Gleichberechtigung als Bürger erhalten. Allerdings verbesserte dies die direkten Lebensumstände vorerst nicht, sondern erhöhte im Gegenteil dazu das Misstrauen der christlichen Bevölkerung.

Die Häufung der Übergriffe im Hunsrück führte zu den ersten Gegenmaßnahmen der Obrigkeit, die allerdings wenig Erfolg hatten. Im Gegenteil, die Zahl der Einbrüche und der Straßenüberfälle stieg weiter an. Erst durch die Verhaftung des Schinderhannes im Mai 1802 erhielten die Behörden die notwendigen Hinweise, um die Bande zerschlagen und vor Gericht stellen zu können. Am 19. November wurde der Schinderhannes und 19 der insgesamt 64 Angeklagten zum Tode durch die Guillotine verurteilt. Die Hinrichtung des Schinderhannes bedeutete allerdings nicht das Ende der Räuberbanden im Hunsrück. Auch in den folgenden Jahren hatten vor allem Juden unter der Bedrohung durch zahlreiche Nachahmer der Methoden des Schinderhannes zu leiden. Es wird deutlich, dass die jüdische Bevölkerung allein schon aufgrund der Bedrohung durch die Bandenkriminalität "außerordentlichen materiellen, sozialen und physischen Belastungen [...] ausgesetzt war, die ein differenziertes Licht auf die Realität ihrer Gleichberechtigung in den linksrheinischen Gebieten werfen.

Quellen

  • LHAKo Bestand 241 ff. , Nr. 955. Correspondenz des Regierungskomissars Shee betr. das Auftreten der Räuberbande des Schinderhannes in der Gegend von Kreuznach und Meisenheim. Mai bis August 1800    
  • LHAKo Bestand 312,1, Nr. 72. Geheime Korrespondenz des Richters des Tribunals 1. Instanz zu Birkenfeld mit verschiedenen Behörden betr. Johannes Pückler gen. Schinderhannes
  • LHAKo Bestand 708, Nr. 60 (LB). Lebensbeschreibungen. Schinderhannes (Johannes Bückler)   
  • Dokumentation zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Rheinland-Pfalz und im Saarland von 1800 bis 1945, hg. von der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz in Verbindung mit dem Landesarchiv Saarbrücken. Bd. 1. Die Juden in der Französischen Zeit von 1798/1801 bis 1814 mit einer Einleitung von H. Mathy bearbeitet von E. Bucher. Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Bd. 12, Koblenz 1982

Literatur

  • N. Finzsch: Obrigkeit und Unterschichten. Zur Geschichte der rheinischen Unterschichten gegen Ende des 18. Und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1990    
  • M. Franke: Schinderhannes. Das kurze wilde Leben des Johannes Bückler, neu erzählt nach alten Protokollen, Briefen und Zeitungsberichten, Hildesheim 1993
  • C. Kasper-Holtkotte: "Jud, gib dein Geld oder du bist des Todes. Die Banditengruppe des Schinderhannes und die Juden, in Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden, Bd. 1, 1993, S. 113 - 188   
  • C. Küther: Räuber und Gauner in Deutschland. Das organisierte Bandenwesen im 18. Und frühen 19. Jahrhundert, Göttingen 1976
  • K. Lange: Gesellschaft und Kriminalität. Räuberbanden im 18. und frühen 19. Jahrhundert, Frankfurt u. a. 1994
  • H. Mathy: Der Schinderhannes. Zwischen Mutmaßungen und Erkenntnissen, Mainz 1989
  • Sh. Volkov: Die Juden in Deutschland 1780 - 1918. Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 16, München 1994