Der 29. Juli 1797. "An die Bewohner des Linken Rheinufers"

"Drei Jahre schon bluten wir an den traurigen Folgen eines verheerenden Krieges, in den uns die Dummheit und Raubsucht Größerer, die abentheuerliche Ruhmsucht kleinerer Fürsten und der Geiz schlechter Minister und Maitressen gestürzt haben. Gleich anfangs der französischen Revolution fürchteten die Fürsten ihre Alleinherrschaft zu verlieren. Der Adel aller Länder, der an Höfen und auf seinen Schlössern der Adel sage ich, der von eurem Schweiße schwelgte, der sich überall Steuern und Abgaben frei erklärte, fürchtete den Verlust seines Wohllebens, und der sogenannten hohen Vorrechte. Die Geistlichkeit, welche sich von euren Zehnden, von euren Gütern, die sie euren Vorältern abschlichen, mästen und sich bis ans Ende der Welt zu mästen gedenkt; schrien euch zu, man wolle euch euren Gott, eure Religion nehmen. Durch diesen Betrug suchten euch diese Menschen in ihrer Unterwürfigkeit zu erhalten; unter diesem Vorwande nahmen auch die Fürsten eure Söhne zu Soldaten, beraubten alte Eltern ihrer letzten Stütze, und gebrauchten sie schändlich, um euch zu unterdrücken, um euch unter ihrem Joche und unter dem Joche des Adel und der Geistlichkeit zu halten, unter diesem Vorwande nahmen sie euch euer Geld, schwelgten davon, und führten damit Kriege gegen euch selbst."  

Am 29. Juli 1797 wurde dieses Flugblatt gedruckt und anschließend "sowohl rheinaufwärts im Pfälzischen und Zweibrückischen als auch rheinabwärts bis Bonn und Köln verbreitet." (Böhn) Obwohl der Aufruf anonym verfasst worden war, war sehr bald bekannt, wer für den Inhalt verantwortlich zeichnete. Matthias Metternich wurde 1758 in Steinfrenz bei Limburg geboren. Nach seinem Studium in Mainz und Göttingen wurde er 1785 in Mainz als Professor für die Fächer Mathematik und Physik angestellt. Metternich, der ein Anhänger der Aufklärung und Mitglied des Illuminatenordens war, beteiligte sich sehr früh an den revolutionären Bewegungen und Ereignissen der folgenden Jahre. Nach der Einnahme der Stadt Mainz durch die Franzosen war er ein wichtiges Mitglied des Jakobinerklubs, der "Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit".

Auf dem Höhepunkt seines Einflusses brachte es dieser Klub bei einer Einwohnerzahl der Stadt von höchstens 30.000, auf knapp 500 eingeschriebene Mitglieder. Am 24. Juli 1793 wurde Metternich nach der Rückeroberung von Mainz verhaftet und zuerst auf dem Ehrenbreitstein und später in Erfurt inhaftiert. Im Februar 1795 wurde er schließlich mit anderen Klubisten ausgetauscht und nach Paris gebracht. Im Herbst 1796 kam er an den Rhein zurück und wurde sofort wieder verhaftet. Erst im Frühjahr 1797 erlangte er seine Freiheit wieder und ließ sich in Bingen nieder. Hier profilierte er sich sehr schnell als führende Persönlichkeit der mittelrheinischen Bewegung. Mit "publizistischer Gewandheit und agitatorischen Geschick" setzte er sich für die Lostrennung des linksrheinischen Gebietes vom deutschen Reichsverband ein, wie dies auch in seinem Flugblatt vom 29. Juli 1797 zum Ausdruck kommt.

"In sehr geschickter und publikumswirksamer Weise wird auf die Staatsverschuldung und die daraus resultierende Belastung für alle Steuerpflichtigen hingewiesen; eine Belastung, die bei einer Rückkehr von Fürsten, hohem Klerus und Adel nur noch weiter steigen würde. Aber Metternich malte seinen Lesern nicht nur schwarz in schwarz ihr gegenwärtiges Schicksal an die Wand, er zeigte ihnen auch den Weg in eine - in seinen Augen - bessere Zukunft."(Böhn) Die Lostrennung des linken Rheinufers durch einen Anschluss an Frankreich oder die Bildung eines Separatstaates war die politische Botschaft Metternichs und der gesamten cisrhenanischen Bewegung. Mit diesem Ziel ihres politischen Engagements hofften sie, die Beseitigung der feudalen Gesellschaftsordnung und die Einführung einer republikanischen Staatsform zu erreichen.

Welche der beiden Möglichkeiten, Anschluss oder Separatstaat, war im Sommer 1797 in Paris, wo sich innerhalb des Direktoriums zwei verschiedene Richtungen gegenüber standen noch nicht geklärt. Erst der Friedensschluss von Campo Formio vom 17. Oktober 1797 brachte die Entscheidung über das Schicksal des linken Rheinufers. Der Anschluss an Frankreich war damit besiegelt und Metternich hatte schließlich das erreicht, wofür er jahrelang publizistisch gearbeitet hatte.

Quellen

  • LHAKo Bestand 712, Nr. 2984 An die Bewohner des linken Rheinufers , Flugblatt von Matthias Müller, 29. Juli 1797
  • F. Dumont (Hg.): Unbekannte Quellen zum Mainzer Jakobinerclub, 1978 

Literatur

  • G.F. Böhn: Cisrhenanische Republik, in: Zeugnisse rheinischer Geschichte. Urkunden, Akten und Bilder aus der Geschichte der Rheinlande, Neuss 1982, S. 69ff
  • Deutsche Jakobiner. Mainzer Republik und Cisrhenanen 1792-1798, Bd. 1. Handbuch. Beiträge zur demokratischen Tradition in Deutschland, Bd. 2. Bibliographie zur deutschen linksrheinischen Revolutionsbewegung in den Jahren 1792/93, Bd. 3. Katalog Ausstellung des Bundesarchivs und der Stadt Mainz, Mainz 1981
  • K. Julku: Die revolutionäre Bewegung im Rheinland am Ende des 18. Jh., 2. Bde. (Annales Academiae Scientiarum Fennicae 136 und 148), 1965/1969
  • A. Kuhn: Jakobiner im Rheinland (Beiträge zur Geschichte und Politik 10), 1976
  • K. Teervooren: Die Mainzer Jakobiner - Leistungen und Bedingungen ihres revolutionären Denkens und Handelns, 1993