Der 28. Dezember 1931. Protest gegen Boykottflugblätter der NSDAP

Mit seinem Beschwerdebrief vom 28. Dezember 1931 an den Regierungspräsidenten in Koblenz wies der "Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" auf die Verbreitung eines Flugblattes der NSDAP hin, mit dem zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen wurde, und forderte das Verbot. Nachdem die Verbreitung des Flugblattes zuerst genehmigt worden war, hatte der Regierungspräsident diese Zustimmung wenige Tage später zurückgenommen. Dieses Verfahren führte dazu, dass es in mehreren Regionen unter Berufung auf die zuerst erteilte Zulassung zur Verbreitung des "Mahnrufs" kam. Die zahlreichen Proteste dagegen, die in dem Schreiben des Central-Vereins gipfelten, wurden durch die Einschätzung des preußischen Innenministers bestätigt, der sich ebenfalls eindeutig für das Verbot aussprach.  

Am 28. Dezember 1931 richtete der Landesverband Rheinland des "Central-Vereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" einen Beschwerdebrief an den Regierungspräsidenten in Koblenz. Der "Central-Verein" wies auf die Verbreitung eines Flugblattes der Nationalsozialistischen Partei Deutschlands mit dem Titel "Mahnruf" hin, das während der Vorweihnachtszeit zum Boykott jüdischer Geschäfte aufrief. Es wurde betont, dass gleichlautende Flugblätter von der Regierung in Köln verboten worden waren, ebenso wie ihre Verbreitung, die auch im Bezirk Siegburg untersagt und durch Beschlagnahmungen verhindert wurde. Das Schreiben ist einer von zahlreichen Protesten, die sich nicht nur gegen diesen Boykottaufruf wendeten, sondern gegen die wachsende Propaganda der nationalsozialistischen Bewegung.

In Koblenz kam es nach gescheiterten früheren Versuchen im Jahre 1925 zur Gründung einer Ortsgruppe der NSDAP. Wegen innerer Streitigkeiten fiel diese Gruppe 1928 auseinander und wurde im Frühjahr 1929 von dem aus Hermeskeil stammenden Gewerbelehrer Gustav Simon wieder reorganisiert. Spätestens seit diesem Zeitpunkt verzeichnete die Koblenzer Ortsgruppe einen "bemerkenswerten Aufwärtstrend". Bei der Kommunalwahl 1929 erreichten die Nationalsozialisten acht Sitze im Stadtrat, im Jahr 1930 verfügte die Ortsgruppe über 780 Mitglieder. Koblenz wurde Sitz des Gaues Koblenz-Trier und Gustav Simon Gauleiter. In dieser Funktion hatte Simon am 7. Dezember den Text des Flugblattes "Mahnruf" mit der Bitte um Genehmigung an den Regierungspräsidenten gesandt. Noch am gleichen Tag wurde dem Antragsteller telefonisch mitgeteilt, dass der Text nicht problematisch sei, "weil der Inhalt nicht politisch ist." Einem Schreiben des Regierungspräsidenten vom 12. Dezember ist allerdings zu entnehmen, dass diese Auffassung sehr schnell revidiert wurde. "Die NSDAP verteilt im Regs.-Bez. Koblenz seit einiger Zeit - insbesondere vor Weihnachten einen Flugzettel überschrieben "Mahnruf" [...]. Nach meiner Auffassung ist dieser Flugzettel, der mit dem Hakenkreuz versehen ist, [...] zwar nicht ohneweiteres als eine politische Schrift anzusehen; sie wird aber in der Regel geeignet sein, die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu gefährden und muß in diesem Falle gemäß § 2 der II. Verordnung des Reichspräsidenten zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen vom 10. August d. Js. beschlagnahmt und eingezogen werden."

Quellen

  • LHAKo Bestand 403, Nr. 16740. NSDAP Allgemeines    
  • LHAKo Bestand 441, Nr. 28242. Acten des Regierungspräsidiums Koblenz betr. Flugblätter der Parteien 1931-1938
  • LHAKo Bestand 710, Nr. 7328. SA-Aufmarsch vor dem Koblenzer Schloß im Februar 1933
  • F.J. Heyen (Hg.): Nationalsozialismus im Alltag. Quellen zur Geschichte des Nationalsozialismus im Raum Mainz-Koblenz- Trier. Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Bd. 9, Boppard 1967

Literatur

  • H. Bellinghausen (Hg.): 2000 Jahre Koblenz. Geschichte der Stadt an Rhein und Mosel, Boppard 1971    
  • H. Boberach: Nationalsozialistische Diktatur, Nachkriegszeit und Gegenwart, in: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2. Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart, Stuttgart 1993, S. 170 - 224.
  • P. Bucher: Koblenz während der nationalsozialistischen Zeit, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte, 11, 1985, S. 211 - 245.
  • A. Golecki: Vom ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik, in: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2, Stuttgart 1993, S. 119 - 169
  • F.J. Heyen: Nationalsozialismus bei uns, in: Vor-Zeiten. Geschichte in Rheinland-Pfalz, Hg. v. D. Lau und F.J. Heyen, Bd. 2, Mainz 1986, S. 219 - 236
  • H.G. Mayer u. H. Barkessel (Hg.): Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz, Bd. 1. "Eine nationalsozialistische Revolution ist eine gründliche Angelegenheit", Mainz 2000
  • W. Rummel u. J. Rath (Bearb.): "Dem Reich verfallen" - "den Berechtigten zurückerstatten" Enteignung und Rückerstattung jüdischen vermögens im Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz 1938-1952. Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Bd. 96, Hg. v. H.G. Borck, Koblenz 2001
  • H.A. Winkler: Der lange Weg nach Westen, Bd. 2. Deutsche Geschichte vom Dritten Reich bis zur Wiedervereinigung, München 2001