Der 27. Oktober 1949. Die Wiederbegründung des Deutschen Industrie- und Handelstages in Ludwigshafen

Am 27. Oktober 1949 wurde der Deutsche Industrie- und Handelstag (DHIT) in Ludwigshafen wiederbegründet. Damit begann das jüngste Kapitel in der Geschichte des Verbandes. Im Jahr 1861 als Allgemeiner Deutscher Handelstag gegründet, entwickelte sich dieser Zusammenschluss der Kammern und Korporationen während des Kaiserreichs und der Weimarer Republik zu einer effektiven Interessenvertretung der deutschen Wirtschaft. Mit dem Beginn der Gleichschaltungspolitik der nationalsozialistischen Herrschaft verlor der Verband seine Einflussmöglichkeiten, die er erst mit der Wiederbegründung im Jahr 1949 für die Bundesrepublik Deutschland zurückerlangte.

Der Deutsche Industrie- und Handelstag ist seit seiner Gründung die Spitzenorganisation der deutschen Industrie- und Handelskammern. Am 13. Mai 1861 hatten sich in der Aula der Heidelberger Universität 195 Vertreter von 91 Kammern und Korporationen des gesamten Zollvereinsgebietes zum Allgemeinen Deutschen Handelstag versammelt. Bei dieser ersten staatsübergreifenden Versammlung ging es vor allem um gleiche Münze, Maße und Gewichte, um die Aufhebung der immer noch zahlreichen Zölle, die Beseitigung von Übergangssteuern und um die Einführung eines allgemeinen deutschen Handelsgesetzbuches für alle deutschen Staaten. Das Ziel einer die Einzelstaaten des Deutschen Bundes übergreifenden wirtschaftlichen Einheit sollte durch diesen Zusammenschluss gefördert werden.

Nachdem sich der Deutsche Handelstag mit seiner Aufgabe, der Wahrnehmung der Interessen von Handel und Gewerbe seit der Reichsgründung im Jahre 1871 auf eine deutsche Regierung konzentrieren konnte, wurde nach dem Ersten Weltkrieg eine grundlegende Reform des Verbandes notwendig. Auf seiner 40. Vollversammlung am 3. Mai 1918 wurde aus dem DHT der Deutsche Industrie- und Handelstag, wodurch der Anspruch dokumentiert war, die gesamte deutsche Wirtschaft zu vertreten. Aber mit der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 konnte dieser Anspruch nicht aufrechterhalten werden. Die Gleichschaltung des DIHT begann. 1935 ging der Verband als Arbeitsgemeinschaft der Industrie- und Handelskammern in der Reichswirtschaftskammer auf. Die "Gauwirtschaftskammerverordnung" vom 20. April 1942 beseitigte schließlich die letzten Reste der Selbstverwaltung und Selbstverantwortung.

Direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nahmen die Industrie- und Handelskammern ihre Arbeit in den einzelnen Besatzungszonen wieder auf und schlossen sich in der britischen Zone bereits im Juli 1945 zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen. Parallel dazu entstanden 1946 auch auf der Ebene der innerhalb der Besatzungszonen gebildeten neuen Länder Arbeitsgemeinschaften der Kammern. Am 4. Dezember 1947 kam es in Kassel im Zusammenhang mit der Bildung der Bizone zur Gründung der "Arbeitsgemeinschaft der Industrie- und Handelskammern des Vereinigten Wirtschaftsgebietes", in der sich die Kammern der britischen und der amerikanischen Zone zusammenschlossen. Es dauerte noch zwei Jahre, bis auf dieser Grundlage ein Zusammenschluss aller westdeutschen Zonen erreicht werden konnte. Einem Vorschlag der IHK Koblenz folgend, fand die Gründungsveranstaltung in der französischen Zone statt. Nachdem der bizonale Spitzenverband am 26. Oktober 1949 der Aufnahme der 13 Kammern aus der französischen Zone zugestimmt hatte, wurde am 27. Oktober der feierliche Festakt zur Wiedergründung des Deutschen Industrie- und Handelstages in Ludwigshafen durchgeführt.

Mit der feierlichen Wiederbegründung in der französischen Zone wurde die Bedeutung betont, die der Industrie- und Handelstag seit seiner Gründung im Jahr 1861 als Gesamtvertretung der deutschen Wirtschaft gehabt hatte und auf eine neue stabile Grundlage gestellt.

Quellen

Literatur

  • Zeugnisse der Zeit. 125 Jahre Deutscher Industrie- und Handelstag, Materialien zur Geschichte, Bonn 1986   
  • K. v. Eyll (Hg.): Zur Politik und Wirksamkeit des Deutschen Industrie- und Handelstages und der Industrie- und Handelskammern 1861 bis 1949. Referate und Diskussionsbeiträge eines Symposiums aus Anlass des 125-jährigen Bestehens des Deutschen Industrie- und Handelstages am 1. Oktober 1986 in Ludwigshafen am Rhein, Stuttgart 1987 
  • K. v. Eyll, S. Ernst u. a. (Bearb.): Bibliographie zur Geschichte und Organisation der Industrie- und Handelskammern und des Deutschen Industrie- und Handelstages, Bonn 1986 
  • E. Jäkel/W. Junge: Die deutschen Industrie- und Handelskammern und der Deutsche Industrie- und Handelstag, Düsseldorf 1978 
  • H. Winkel: Die Selbstverwaltung von Industrie, Handel und Handwerk, in: 40 Jahre Rheinland-Pfalz. Eine politische Landeskunde, hg. v. P. Haungs, Mainz 1986, S. 499 - 526