Der 27. Oktober 1855. Prostitution in Koblenz

Die Prostitution in der Garnisionsstadt Koblenz war das Thema, mit dem sich der Polizeidirektor Junker am 27. Oktober 1855 auseinandersetzte. Der Fall der Familie Bader mit ihren drei Töchtern wirft einen Blick auf den Bereich im öffentlichen Leben der Stadt, der in den bisherigen Untersuchungen und Darstellungen zur Geschichte der Stadt wenig bzw. gar nicht betrachtet wurde. Während die Prostitution unter der kurfürstlichen und französischen Herrschaft großzügig geduldet wurde, kam es in preußischer Zeit immer wieder zu Verboten und drastischen Einschränkungen. In einer so intensiv vom Militär geprägten Stadt wie Koblenz konnten diese Einschränkungen allerdings nie lange aufrechterhalten werden.  

Am 27. Oktober 1855 setzte sich der Polizeidirektor Junker in einem ausführlichen Bericht an die Regierung mit einer Bittschrift der Elisabeth Bader an den preußischen König auseinander, die die Frau nach Schloss Stolzenfels bei Koblenz geschickt hatte. Elisabeth Bader hatte am 29. September 1855 geschrieben: "In tiefster Unterthänigkeit und großer Betrübnis, wagt es die Frau, des Maurers Josepf Bader aus Ehrenbreitstein, sich dem Thron Eurer königlichen Majestät ehrfurchtsvoll zu nahen, und nachstehende Beschwerde, welche unserer ganzen Familie Ehre betrifft, zur Allergnädigsten Abhülfe tief unterthänigst vorzulegen." Ihr Mann, ein Maurer, gehörte zu den Handwerkern, die im Jahre 1815 für den Ausbau der Festung Ehrenbreitstein angeworben worden waren. Er kam aus Tirol und war seitdem bei zahlreichen königlichen Bauten eingesetzt worden. Sie berichtete weiter, das sie mit diesem "braven Mann" sechs eheliche Kinder habe von denen "drei wohlgewachsene hübsche Töchter" noch bei ihr zu Hause lebten und sich mit "weiblichen Arbeiten" ernährten.

Wie sich der Fall der vier Damen Bader weiter entwickelte, geht aus den Akten nicht hervor, er war aber in der vom Militär geprägten Stadt Koblenz kein Einzelbeispiel. Der Festungsgürtel, der die Stadt bis zum Ende des 19. Jahrhunderts fest in seiner Klammer hielt, beeinflusste auch das wirtschaftliche und natürlich das soziale Leben. In dieser von alleinstehenden Soldaten dominierten Atmosphäre, die in dem bürgerlichen Alltag wesentlich deutlicher spürbar war als in einer normalen Garnisionsstadt, spielte natürlich die Prostitution immer eine Rolle und war für die Obrigkeit und die Behörden ein nicht zu unterschätzendes Problem. Die Soldaten waren für eine lange Zeit von ihrem gewohnten sozialen Umfeld und vom zivilen Leben getrennt. Hinzu kam, dass für das gesamte preußische Militär sehr strenge Heiratsbeschränkungen galten. Eine Heirat war nur mit einem Konsens möglich, einer Heiratserlaubnis, die an zahlreiche Bedingungen und Regeln gebunden war.

Quellen

Literatur

  • E. Baldus: Geschichte der Polizei-Direktion Koblenz 1804 - 1960, Boppard 1961    
  • U. Grundmann: Das Hospital in Koblenz, Herzogenrath 1992
  • A. Schüller: Das Frauenhaus in Koblenz, in: Trierer Zeitschrift 4 (1929), S. 26 - 33
  • P. Schuster: Das Frauenhaus. Städtische Bordelle in Deutschland (1350 - 1600), Paderborn 1992
  • Th. Tippach: Koblenz als preußische Garnisions- und Festungsstadt. Wirtschaft, Infrastruktur und Städtebau, Köln 2000
  • A. Ulrich: Bordelle, Straßendirnen und bürgerliche Sittlichkeit in der Belle Epoque. Eine sozialgeschichtliche Studie der Prostitution am Beispiel der Stadt Zürich, Zürich 1985
  • P. Weiß: Prostitution in Koblenz im 19. Jahrhundert, in: Koblenzer Beiträge zur Geschichte und Kultur, 11/12 NF 2001/2002, S. 33 - 67, Koblenz 2003
  • R. Wischemann: Die Festung Koblenz, Koblenz 1978