Der 25. Januar 1776. Joseph Görres wird in Koblenz geboren

Johann Joseph Görres wurde am 25. Januar 1776 als ältestes Kind des Holzhändlers Moritz Görres und seiner Frau Theresa in Koblenz geboren. Der junge Publizist, der sich als Anhänger der Französischen Revolution und Verfechter des Anschlusses der linksrheinischen Gebiete an Frankreich einen Namen gemacht hatte, zog sich im Jahre 1800 aus der aktiven Politik zurück. Seine Lehrtätigkeit in Koblenz und an der Universität in Heidelberg wurde 1814 durch die Rückkehr auf die publizistische Bühne beendet. Der "Rheinische Merkur" entwickelte sich bis zu seinem Verbot im Jahre 1816 zu einer "Stimme der Völkerschaften" mit überregionalem Rang. Einem Haftbefehl des preußischen Königs entkam Görres 1819 durch die Flucht nach Straßburg. Seine hier einsetzende Entwicklung zu einem der führenden Vertreter des politischen Katholizismus wurde in München, wo er seit 1827 Geschichte lehrte, abgeschlossen. Görres starb am 29. Januar 1848 in der bayrischen Metropole, ohne seine Heimat wiedergesehen zu haben.

"Görres war ein Säkularmensch, zu vielseitig-lebendig, zu eigenwillig und temperamentvoll, zu sehr von aktuellen Fragen mitgerissen, so oft er auch den politischen Plunder von sich zu tun und von der lärmenden Gegenwart in die Vergangenheit hinabzusteigen wünschte, um über alle Stürme des Revolutionszeitalters zwischen 1776 und 1848 hinweg an einem Ideal oder an einer Meinung festhalten zu können. Aber was er war, das war er stets mit ganzer Seele, niemals von den Zufälligkeiten einer Tagesmeinung abhängig [...]." Eine ungewöhnliche Charakterisierung für einen ungewöhnlichen Menschen, der als Johann Joseph Görres am 25. Januar 1776 als erstes von insgesamt sechs Kinder des Koblenzer Holzhändlers Moritz Görres und seiner Frau Theresa in der Rheinstraße im Haus "Zum Riesen" geboren wurde. An der Schwelle des durch die Französische Revolution eingeleiteten politischen und gesellschaftlichen Umbruchs aufgewachsen, verlor Görres nie die enge Verbundenheit mit seiner Heimatstadt und dem Rhein, an dessen Ufer er geboren worden war.

Görres war ein 13-jähriger Gymnasiast, als es am 14. Juli 1789 in Paris zum Sturm auf die Bastille kam. Der Abiturient erlebte, wie Koblenz zu einem Sammellager royalistischer Emigranten wurde und zu einer Hochburg der Gegenrevolution. Auch diese Erfahrung bestätigte ihn in seiner seit frühester Jugend vertretenen Auffassung, einer notwendigen Erneuerung von Politik und Gesellschaft. Nachdem am 23. Oktober 1794 Koblenz von französischen Truppen besetzt worden war, gab Görres sein ursprüngliches Vorhaben, in Göttingen Medizin und Naturwissenschaften zu studieren, auf. Seine publizistische Tätigkeit gipfelt im Februar 1798 vorerst in der Herausgabe der Zeitung "Das rothe Blatt". Bereits in der ersten Ausgabe wird die Zielrichtung des Blattes eindeutig festgelegt: "Die unbedingte Freimütigkeit wird unser Gesetz sein. [...] Der Pfaffheit werden wir die Larven abziehen, Heuchler verfolgen, gesunde Ideen überall in Umlauf setzen und dem Republikanismus einen vollständigen Sieg über seine lichtscheuen Gegner erkämpfen helfen. Unterstütze uns in unserer Bemühung , erhabener Schutzgeist der Freiheit." Mit dieser Zeitung und nach ihrem Verbot im Oktober mit der Herausgabe des "Rübezahl" profilierte sich Görres als Anhänger der Französischen Revolution und einer rheinischen Republik. Als Wortführer der radikalrepublikanischen Bewegung in den linksrheinischen Gebieten setzte sich der Koblenzer Publizist von November 1799 bis Februar 1800 in Paris für den Anschluss der linksrheinischen Gebiete an Frankreich ein. Enttäuscht über die völlig veränderten politischen Verhältnisse, die sich aus dem Staatsstreich Napoleons und seinem Konsulat ergaben, zog sich Görres nach seiner Rückkehr völlig aus der aktiven Politik zurück.

Als Lehrer an der Koblenzer "Ecole Secondaire", dem ehemaligen Kurfürstlichen Gymnasium, unterrichtete er die Fächer Physik, Chemie und physikalische Erdkunde, bis er im Jahre 1806, ohne selbst jemals ein Universitätsstudium absolviert zu haben, als Privatdozent in Heidelberg begann, Vorlesungen über Philosophie, Physiologie, Psychologie, Anthropologie, Ästethik, spekulative Physik, Himmelskunde, Hygiene und altdeutsche Literatur zu halten. Mit seiner "Fächer übergreifenden mythischen Welt- und Geschichtsdeutung" begeisterte Görres seine Zuhörerschaft und begründete gemeinsam mit Arnim, Brentano und Creuzer die deutsche Hochromantik. Trotzdem fand Görres nicht die für eine Festanstellung notwendige Zustimmung der Heidelberger Professoren und ging nach vier Semestern zurück an die Secondaireschule in Koblenz.

Da Görres keine andere Anstellung fand, konzentrierte er sich erneut auf seine literarischen Studien. Mit seiner im Jahre 1819 erschienenen Abhandlung "Teutschland und die Revolution" erregte er wiederum über alle Grenzen hinweg Aufmerksamkeit. Eine Kabinettsorder des preußischen Königs vom 30. September 1819 mit dem Befehl, Görres zu verhaften, war die prompte Reaktion auf diese heftige Kritik an der Politik der Restauration. König Friedrich Wilhelm III. begründete hierin seine Anordnung: "Der Professor Görres hat sich strafbar gemacht, weil er in seinem Buch "Teutschland und die Revolution" seinen König wie auch fremde Landesherren beleidigt und, indem er scheinbar vor Revolution und ungesetzlicher Gewalt warnt, das Volk durch Tadel der Regierung zur Unzufriedenheit aufruft. Deshalb befiehlt der König, ihn verhaften und auf die Festung Glatz bringen zu lassen. [...]" Görres entzog sich der Verhaftung allerdings durch die rechtzeitige Flucht nach Straßburg.

In seinem Exil vollzog sich die vollständige Versöhnung und Hinwendung des rheinischen Publizisten zur katholischen Kirche. Nachdem er im Jahre 1827 von König Ludwig I. als Professor für Geschichte nach München berufen worden war, entwickelte sich Görres zu einem der führenden Vertreter der katholischen Publizistik und zum Vorkämpfer des politischen Katholizismus. Sein Haus wurde zum Sammel- und Treffpunkt aller "gutgesinnten Kräfte." Görres kehrte noch einmal an die Front der politischen Auseinandersetzungen zurück, als im Jahre 1837 der Kölner Kirchenstreit ausbrach und er mit seiner Schrift "Athanasius" die preußische Politik in dieser Frage angriff und sich gegen die Bevormundung der Kirche durch den Staat und seine Bürokratie und für Geistes- und Gewissensfreiheit aussprach.

Im Jahre 1848, einem weiteren "Schicksalsjahr der deutschen Geschichte" starb Johann Joseph von Görres, der 1839 den Adelstitel erhalten hatte, am 29. Januar in München, ohne noch einmal seine rheinische Heimat gesehen zu haben. "Der Mann, der aus Männern besteht", "ein Prophet, in Bildern denkend und überall auf den höchsten Zinnen der wildbewegten Zeit weissagend mahnend und züchtigend [...]" hatte die Zeitspanne zwischen zwei Revolutionen durchlebt und ein publizistisches Werk hinterlassen, das die aktuellen politischen Wendepunkte dieser Zeit immer wieder kritisch hinterfragt und in ganz Europa Aufmerksamkeit erregt hatte.

Quellen

Literatur

  • K. d\'Ester: Der junge Görres und die französische Zensur, in: Westdeutsche Zeitschriften für Geschichte und Kunst, Jhg. 30, 1911, S. 109 ff.    
  • Görres und Koblenz. Ein Katalog zur Ausstellung, die die Stadtbibliothek aus Anlaß des 200. Geburstages von Görres am 25.01. 1976 veranstaltete. Bearbeitet von E. Langner u. H.-J. Schmidt. Mit zwei Beiträgen von H.-J. Schmidt und einem Beitrag von Udo Liessem, Koblenz 1976
  • Joseph v. Görres. Leben und Werk. Aus den Beständen der Stadtbibliothek Koblenz. Franz Grosse zum 60. Geburstage, hg. v. H. Trapp, Koblenz 1970
  • W. Helmes: Joseph Görres (1776 bis 1848), in: Vor-Zeiten. Geschichte in Rheinland-Pfalz, hg v. D. Lau und F.-J. Heyen, Bd. 3, Mainz 1987, S. 175 - 194
  • H. Mathy: "Was ich war, war ich immer mit ganzer Seele." Weltbild und Wirkung eines großen Koblenzers, in: Stadtbibliothek Koblenz. Görresarchiv. Bestandsverzeichnis zu seinem 150. Todestag, Koblenz 1998, S. 5 - 33
  • J. Müller: Die französische Herrschaft, in: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2. Von der französischen Stadt bis zur gegenwart. Herausgegeben von der Energieversorgung Mittelrhein GmbH. Gesamtredaktion I. Batori in Verbindung mit D. Kerber und H.-J. Schmidt, Stuttgart 1993, S. 19 - 48
  • H. Raab: Joseph Görres. Ein Leben für Freiheit und Recht. Paderborn, München 1978
  • H. Raab: Joseph Görres, in: Rheinische Lebensbilder, Bd. 8. Hg. im Auftrag der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde v. B. Poll, Köln 1980, S. 183 - 204