Der 24. August 1853. Die Eröffnung der Eisenbahnlinie Mainz-Worms

Am 24. August 1853 konnte die 46 km lange Eisenbahnstrecke zwischen Mainz und Worms feierlich in Betrieb genommen werden. Die ersten Anregungen für diese Linienführung gab es bereits 1836. Vor allem militärstrategische Bedenken standen einer Umsetzung allerdings entgegen. Nachdem die Stadt Mainz und das rheinhessische Umland allerdings immer mehr von dem wachsenden Eisenbahnnetz und den damit einhergehenden wirtschaftlichen Impulsen abgeschnitten blieb, entschloss sich die hessische Regierung nach langen Verhandlungen 1845 zu einer Konzessionierung der geplanten Strecke. Die Planungen und Vorarbeiten nahmen wieder sehr viel Zeit in Anspruch, so dass erst 1848 mit dem Bau begonnen wurde, der schließlich 1853 trotz finanzieller Probleme erfolgreich beendet werden konnte.  

Bevor sich die Eisenbahn als "der Motor des Wirtschaftsaufschwunges" etablierte, waren die Straßen und Wasserwege die einzige Grundlage für den Handels- und Personenverkehr gewesen. Vergleicht man die wirtschaftlichen Voraussetzungen und Strukturen in Deutschland mit seinen europäischen Nachbarn, beruhte die Rückständigkeit der deutschen Wirtschaft vor der industriellen Revolution auch auf den Problemen des Verkehrswesens, die durch die politische Zersplitterung des Landes und die Zoll- und Abgabenvielfalt zusätzlich verschärft wurden. Obwohl sich seit 1815 auch bei den traditionellen Verkehrssystemen ein erheblicher Modernisierungsschub bemerkbar machte, begann um 1830 die Eisenbahn in Deutschland das Verkehrswesen zu revolutionieren. Friedrich List, bezeichnete 1839 die Eisenbahn als einen "Herkules in der Wiege, der die Völker erlösen wird von der Plage des Kriegs, der Theuerung und Hungersnoth, des Nationalhasses und der Arbeitslosigkeit, der Unwissenheit und des Schlendrians; der ihre Felder befruchten, ihre Werkstätten und Schachte beleben und auch den Niedrigen unter ihnen Kraft verleihen wird, sich durch den Besuch fremder Länder zu bilden, in entfernten Gegenden Arbeit und an fernen Heilquellen und Seegestaden Wiederherstellung ihrer Gesundheit zu suchen." Die deutliche Verkehrsverdichtung und Verbesserung, die eine erhöhte Nachfrage nach Verkehrsleistungen mit sich brachte, bewirkte, dass die erste Generation der Eisenbahnunternehmer ihre Projekte als ausgesprochen attraktiv und erfolgversprechend ansah. Trotz einer deutlichen Zurückhaltung der staatlichen Genehmigungsbehörden und einer gänzlichen Unerfahrenheit in der Kostenkalkulation und in der technischen Planung und Umsetzung hatten sich im Rheinland bis Mitte der 1830er Jahre mehrere Eisenbahngesellschaften gegründet. Seit 1835 fuhr die erste Eisenbahn auf deutschen Gebiet von Nürnberg nach Fürth. Als erste Eisenbahn in Preußen wurde am 21. August 1837 die von Köln nach Aachen führende Rheinische Eisenbahn konzessioniert. Am 6. September 1841 konnte die 70 km lange Strecke dem Verkehr übergeben werden.

Erst 1844, sechs Jahre später erteilte die bayerische Regierung die Konzession zur Erbauung von Eisenbahnen in der Pfalz, und als mit den Vorbereitungen zum Bau der von Ludwigshafen ausgehenden Linien begonnen wurde, wurde auch eine rheinhessische Linie erneut erwogen. Die rasante Entwicklung des Eisenbahnwesens und die damit einhergehenden deutlichen wirtschaftlichen Impulse waren an Mainz bisher vollständig vorübergegangen, während die anderen Rheinstädte von der Entwicklung profitierten. "Auch die Provinz Rheinhessen war inzwischen von allen Seiten mit Bahnen umgeben worden, mehr und mehr zogen sie sich um Mainz zusammen. In immer stärkeren Maße wurde der Handel vom linken Rheinufer abgezogen, so daß man in der Stadt um den allgemeinen Wohlstand zu fürchten begann." Während die hessische Regierung auch aus finanziellen Erwägungen immer noch zögerte, wurde das Interesse der rheinhessischen Bevölkerung an einer eigenen Bahnlinie immer größer.

Am 10. Juli 1844 gründeten fünf Mainzer eine Aktiengesellschaft, die den Bau der Bahnlinie Mainz-Worms mit Anschluss an die pfälzische Linie Ludwigshafen-Worms realisieren sollte. Diese Initiative entwickelte sich zu einem großem Erfolg und wurde mit viel Beifall aufgenommen. Da das Unternehmen durch die erfolgreiche Aktienzeichnung auf einer soliden finanziellen Grundlage stand, wurde die landesherrliche Konzession zum Bau und Betrieb der Linie beantragt. Allerdings lehnte die hessische Regierung zwei Eingaben ab, obwohl sich namhafte Fürsprecher wie z. B. Friedrich List sehr engagiert für das Projekt einsetzten. Trotzdem änderte die hessische Regierung erst Anfang 1845 ihre ablehnende Haltung. Nachdem eine alternative Streckenführung Mainz-Alzey-Worms verworfen worden war, erteilte die hessische Regierung am 15. August 1845 nach langen Diskussionen endlich die Konzession für die Rheinbahn. Die "Mainz-Ludwigshafener Eisenbahngesellschaft", die sich später in "Hessische Ludwigs- Eisenbahngesellschaft" umbenannte, konnte mit den Planungs- und Vorarbeiten beginnen.

Bis alle technischen Probleme und die Verhandlungen mit der Bundesversammlung, die für die Bundesfestung Mainz zuständig war und der hessischen Regierung zur allgemeinen Zufriedenheit beseitigt und abgeschlossen waren, verging sehr viel Zeit. Erst im Frühjahr 1848, vier Jahre nach dem ersten Konzessionsgesuch konnte mit dem Bau begonnen werden. Diese Verzögerung und der Baubeginn in einer krisengeschüttelten Zeit brachten ernst zunehmende finanzielle Probleme mit sich. Ein erfolgreicher Abschluss des Projektes ohne staatliche Unterstützung wurde immer unwahrscheinlicher. Erst im August 1852 entschloss sich die hessische Regierung zur Unterstützung, die durch einen Vertrag mit der bayerischen Regierung ergänzt wurde, der die beiden Staaten verpflichtete, dafür zu sorgen, dass die Linie Ludwigshafen-Mainz spätestens bis zum 1. Mai 1854 eröffnet werden könne. Während der Bahnbau jetzt schnell voranging, bereiteten die Bauten für die Bahnhöfe in Mainz und Worms noch einige Schwierigkeiten. Schließlich konnte aber doch die Einweihung des ersten Teilstücks gefeiert werden. Am 23. März 1853 wurde die Strecke von Mainz bis Oppenheim, am 10. Mai das Teilstück bis Alsheim und am 7. August die Linienführung bis Osthofen dem Verkehr übergeben werden, bevor am 24. August 1853 die 46 km lange Gesamtstrecke in Betrieb genommen werden konnte.

Quellen

Literatur

  • H. Döhn: Eisenbahnpolitik und Eisenbahnbau in Rheinhessen 1835 - 1914, Worms 1957    
  • K. Fuchs: Die Erschließung des Landes durch die Eisenbahn, in: Vor-Zeiten. Geschichte in Rheinland-Pfalz, hg. v. D. Lau, Bd., 2, S. 177 - 196
  • K. Fuchs: Eisenbahnprojekte und Eisenbahnbau am Mittelrhein 1836 - 1903, in: Nassauische Annalen 67, 1956, S. 158 - 202
  • L. Gall u. M. Pohl (Hg.): Die Eisenbahn in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1999
  • Geschichtlicher Atlas der Rheinlande. Beiheft VII.5: Entwicklung des Eisenbahnnetzes bis 1935/39, bearb. von C. Hübschen u. H. Kreft- Kettermann. 5. Lief., Köln 1996. 71 S.