Der 23. Oktober 1923. Die Separatisten in Koblenz an der Macht

Am 23. Oktober 1923 begann in Koblenz die kurze aber turbulente Herrschaft der Separatisten. Ohne Rückhalt innerhalb der Bevölkerung und der städtischen Verwaltung gelang es nur durch die Unterstützung der Franzosen, eine "Rheinische Republik" zu proklamieren und ein Kabinett unter der Führung von Joseph Friedrich Matthes zu bilden. Die Distanzierung der Franzosen und die Differenzen in den eigenen Reihen führten aber bereits einen Monat später zu Ende dieser Republik.

"Eine der turbulentesten Episoden in der Geschichte des Rheinlandes war der Separatismus. Er entwickelte sich unter dem Schutz der alliierten Besatzungsmächte, die das Rheinland nach dem Ersten Weltkrieg gemäß den Abmachungen des Waffenstillstandes und danach des Versailler Friedensvertrages besetzt hielten. Die Vorstellungen der führenden Köpfe dieser Bewegung waren jedoch recht diffus. Einige wünschten einen einheitlichen Rheinstaat, andere mehrere Teilstaaten; uneins waren sie auch in der Frage, ob ein Verbleib im deutschen Reich oder eine völlige Separierung erfolgen sollte. Ein einheitliches Konzept konnte bis zum Schluß nicht durchgesetzt werden." Bereits im Jahre 1919 erreichten die separatistischen Bestrebungen einen ersten Höhepunkt. Der ehemalige Staatsanwalt Dr. Hans Adam Dorten proklamierte Anfang Juni von Wiesbaden aus eine "selbstständige Rheinische Republik", musste aber sehr schnell sein Scheitern erkennen. Der massive Widerstand der Bevölkerung, der Behörden und der politischen Parteien beendete sehr schnell den Vorstoß.

Aber einige Jahre später gewann der Separatismus erneut an Bedeutung. Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen des Deutschen Reiches mit den Alliierten wegen der durch den Versailler Vertrag vorgeschriebenen Reparationsleistungen, dem Ruhreinmarsch der Franzosen und dem folgenden passiven Widerstand der Bevölkerung sahen die Separatisten erneut die Chance, eine Republik nach ihren Vorstellungen zu errichten. In Koblenz trafen sich am 15. August 1923 die miteinander rivalisierenden separatistischen Bewegungen, um wahrscheinlich auf Veranlassung Frankreichs eine "Vereinigte Rheinische Bewegung" zu gründen. Ihr Ziel war die Loslösung der Rheinlande von Preußen und die gleichzeitige Bildung einer Rheinischen Republik unter dem Protektorat Frankreichs. Dies sollte durch Versammlungen und Kundgebungen in allen größeren rheinischen Städten vorbereitet werden. Sehr überraschend kam es dann am 21. Oktober 1923 zum Putsch in Aachen von wo sich die Bewegung sehr schnell über das Mittelrheingebiet ausdehnte und schließlich Anfang November 1923 auch die Pfalz erreichte.

Auch in Koblenz versuchten die Separatisten seit dem 21. Oktober die Macht zu übernehmen. Am 22. Oktober kam es zu "Handgreiflichkeiten" mit der Bevölkerung und zu Konfrontationen mit Polizeieinheiten. In der Nacht zum 23. Oktober trafen weitere Anhänger der Bewegung mit dem Zug ein, so dass am nächsten Tag unter dem Schutz französischen Militärs die Besetzung des Koblenzer Schlosses möglich wurde. "Am 23. Oktober 1923 des Nachmittags um 16.35 Uhr, wurde auf dem Koblenzer Schloß eine Flagge gehißt, deren Farben bisher dort nicht geweht hatten: Grün- Weiß-Rot. Es war die Flagge eines neuen Staates: der Rheinischen Republik. Während des Aufziehens verhedderte sich das Seil. Die Flagge blieb auf Halbmast hängen. Darin sahen alle ein böses Vorzeichen. Ein Mann mußte die Stange hinaufklettern und die Flagge wieder flott machen." Trotz dieses symbolträchtigen Beginns konnte eine vorläufige Regierung gebildet werden, die "unter selbstverständlicher Achtung der bestehenden Autorität der Besatzungsbehörde ... alle notwendigen Maßnahmen treffen" wollte.

Von Anfang an war allerdings der Rückhalt und die Unterstützung die die Separatistenregierung innerhalb der Bevölkerung und bei den in der Verwaltung erfahrenen Fachleuten erhielt denkbar gering. Ein Bericht des den ausgewiesenen Bürgermeister vertretenden Beigeordenten Binhold vom 2. November 1923 beschreibt ausführlich die Vorgänge in der Stadt Koblenz und zeigt deutlich, dass die Separatisten in der Bevölkerung keinerlei Rückhalt hatten. "Das Straßenbild ist allmählich durch die französischen Massnahmen - Belagerungszustand, Strassensperren ab 7 Uhr abends - wieder ein ruhiges geworden, doch gärt es gewaltig in der Bevölkerung. Wenn die Separatisten nicht den Schutz der französischen Waffen hinter sich hätten, würden diese verwahrlost aussehenden, in grünen Mützen und zerrissenen Kleidern durch die Straßen lungernden Burschen samt dem Ministerpräsidenten mit seinem zweifelhaften Aussehen - er trägt eine französische Alpenjägermütze - in kürzester Frist aus der Stadt herausgeprügelt sein. Die Stadt am Deutschen Eck ist auch weiterhin treudeutsch." Aufgrund dieser mangelnden Unterstützung verwundert es nicht, dass die neue Regierung ihr Hauptaugenmerk auf den publizistischen Bereich legte, wie die "Verordnung Nr. 1, betr. die Presse" vom 25. Oktober zeigt.

Quellen

Literatur

  • P. Brommer: Separatistenputsch in Koblenz, in: Zeugnisse Rheinischer Geschichte. Urkunden, Akten und Bilder aus der Geschichte der Rheinlande. Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Neuss 1982, S. 97 ff.    
  • A. Golecki: Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik, in: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2 Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart, Koblenz 1993, S. 119 - 170
  • J. Kermann u. H.-J. Krüger (Bearb.): 1923/24 Separatismus im rheinland-pfälzischen Raum, Koblenz 1989. Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz
  • H.-J. Krüger (Bearb.): Rheinische Republik der Separatisten. Katalog zur Ausstellung im Landeshauptarchiv Koblenz, Koblenz 1983
  • L. Reinirkens: Die Separatisten von 1919 und 1923, in: Vor-Zeiten. Geschichte in Rheinland-Pfalz, Bd. 1, hg. v. D. Lau und F.-J. Heyen, Mainz 1985, S. 223 - 242