Der 19. September 1899. Die Reblaus in der Rheinprovinz

Am 19. September 1899 wurde im Kreisblatt für den Landkreis Trier eine polizeiliche Verordnung veröffentlicht, die über das Auftreten der Reblaus in der Gemarkung Heddesheim informierte und die gesetzlich vorgeschriebenen Gegenmaßnahmen anordnete. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich der 1874 zum ersten Mal in Deutschland aufgetretene Schädling in fast allen weinanbauenden Gebieten der Rheinprovinz verbreitet. In ganz Deutschland war ein Gebiet von 156 ha verseucht. Trotz der strengen gesetzlichen Maßnahmen und der Organisation eines sogenannten "Bekämpfungsdienstes" gelang es nicht, die Weiterverbreitung der Reblaus einzudämmen. Erst die endgültige Durchsetzung einer resistenten Rebzüchtung in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts nahm der Reblaus ihren Schrecken.

Die Reblaus war seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den weinanbauenden Ländern Europas einer der gefürchtetsten Rebschädlinge. Im Jahre 1854 wurde sie an amerikanischen Wildreben im Stromgebiet des Mississippi und im Osten der Vereinigten Staaten entdeckt und beschrieben. Nachdem die Reblaus seit 1865 in Frankreich aufgetreten war und erheblichen Schaden anrichtete, wurde in Deutschland 1873 die Einfuhr von Reben durch ein Reichsgesetz bis auf weiteres verboten. Dieses Verbot konnte aber nicht mehr verhindern, das der Schädling bereits ein Jahr später in einer Rebschule am Annaberg bei Bonn festgestellt wurde. Ein weiteres Reichsgesetz ermächtigte im März 1875 den Reichskanzler, Ermittlungen in den Weinbaugebieten der Bundesstaaten über das Auftreten der Reblaus anzustellen. In § 3 wurde festgelegt, dass die Untersuchungskosten und die erforderlichen Ersatzleistungen für eventuelle Schäden aus Reichsmitteln bezahlt werden. Damit verpflichtete sich das Reich, die von der Reblaus verursachten Schäden sowie die Kosten für die Bekämpfung des Schädlings zu übernehmen.

Die strengen gesetzlichen Maßnahmen und die Organisation eines Reblausbekämpfungsdienstes bewirkten zwar, dass die Verbreitung der Reblaus einige Jahre eingeschränkt werden konnte. Aber bereits 1881 wurden weitere Herde an der Ahr entdeckt, und die folgenden Jahre brachten immer zahlreichere Meldungen über Reblausbefall an beiden Seiten des Rheins. Als im Kreisblatt des Landkreises Trier vom 19. September 1899 eine polizeiliche Verordnung erschien, die über das Auftreten der Reblaus in der Gemarkung Heddesheim in der Bürgermeisterei Langenlonsheim informierte und die gesetzlich vorgeschriebenen Gegenmaßnahmen anordnete, war der Schädling bereits in fast allen Weinanbaugebieten der Rheinprovinz aufgetreten und hatte in ganz Deutschland ein Gebiet von 156 ha verseucht. Allein im Zeitraum vom 1. April 1899 bis zum 31. März 1900 wurde in der Rheinprovinz eine Summe von 242.466 Mark für die Bekämpfung des Schädlings und für die zu leistenden Entschädigungen aufgewendet.

Das Weinbaugebiet der Rheinprovinz war in vier sogenannte "Oberleiterbezirke für die staatliche Reblausbekämpfung" eingeteilt. Der erste Bezirk umfasste das Weinbaugebiet rechts und links des Rheins und den unteren Moselweinanbau, der zweite die mittlere Mosel und die Ahr. Das "Oberleiterbüro" für diese beiden Bezirke befand sich in Ehrenbreitstein bei Koblenz. Der dritte Bezirk umfasste das Weinbaugebiet der Nahe. Das hierfür zuständige Büro war im Landratsamt in Bad Kreuznach. Der vierte Bezirk setzte sich aus den Weinbaugebieten der oberen Mosel, einschließlich Saar und Ruwer zusammen. Das zuständige Büro lag in Saarburg.

Trotz der finanziellen Entschädigungen standen viele Winzer der betroffenen Gebiete vor der Vernichtung ihrer Existenzgrundlage und versuchten in anderen Bereichen Arbeit zu finden. Die Stein- und Bimsindustrie profitierte von diesem Arbeitskräfteangebot, was bald zu der gängigen Losung "Stein statt Wein" führte. Die völlige Vernichtung der befallenen Rebflächen durch das Extinktivverfahren zwang viele Winzer zu diesem Schritt. Obwohl bereits Ende des 19. Jahrhunderts die geringe Wirkung dieses Verfahrens bekannt war und die Verwendung von Unterlagsreben amerikanischen Ursprungs als wirksameres Gegenmittel diskutiert wurde, dauerte es bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, bis sich die reblausresistenten Pfropfreben auch in Deutschland endgültig durchsetzten.

Während bis zum Jahr 1902 in Frankreich bereits 2/3 der Weinberge mit Unterlagsreben amerikanischen Ursprungs bepflanzt werden konnten, beschränkte man sich in Deutschland auf eine größere Zahl von Versuchspflanzungen. In Preußen waren die staatliche Obst- und Weinbaulehranstalt in Geisenheim am Rhein und die Landesbaumschule in Engers für die Anzucht amerikanischer Rebsorten und deren Veredelung mit deutschen Reben maßgeblich. Die Durchsetzung dieser Züchtungen gelang, als in Preußen 1925 im Rahmen des Wiederaufbaus des Weinbaus in Oberheimbach die ersten 20.000 Pfropfreben gepflanzt wurden und die Reblaus damit ihren Schrecken als Feind der Winzer zu verlieren begann.

Quellen

  • LHA Koblenz Bestand 403, Nr. 14336. Acta, betr. Maßregeln zur Vertilgung der Reblaus. August 1899 - März 1900
  • LHA Koblenz Bestand 403, Nr. 7959. Acta betr. die Maßregeln zur Vertilgung der Reblaus (linksrheinisch und allgemein) Okt. 1900 - Dez. 1900 
  • LHA Koblenz Bestand 403, Nr. 14437. Acta betr. Maßregeln zur Vertilgung der Reblaus. März 1902 - Juni 1902 
  • LHA Koblenz Bestand 710, Nr. 4722. Photo einer Reblauskolonne bei der Arbeit in Nittel im Jahre 1926
  • LHA Koblenz Bestand 713, Nr. 11. Kreisblatt für den Landkreis Trier, 19.09.1899
  • H.-J. Koch: Rechtsgrundlagen der Reblausbekämpfung. Textsammlungen und Anmerkungen. Sammlung landwirtschaftlicher Gesetze, Nr. 10, Berlin 1963 
  • Reblaus Gesetze. Sammlung der im Königreich Preußen geltenden Reichs- und landesgesetzlichen Vorschriften und sonstigen Anordnungen zur Verhütung der Einschleppung und Weiterverbreitung der Reblaus sowie zur Bekämpfung derselben. Im amtlichen Auftrag zusammengestellt von Albert Schaller, Berlin 1912

Literatur

  • P. Claus: Der Schutz der Reben vor Schädlingen und Krankheiten. Ein Beitrag zur Geschichte des Rebschutzes. Schriften zur Weingeschichte, Nr. 74. Hg. v. der Gesellschaft für Geschichte des Weines e.V., Wiesbaden 1985  
  • Graf Matuschka-Greiffenclau: Die staatliche Fürsorge für die von der Reblaus heimgesuchten Winzer in den Weinbaugebieten der Rheinprovinz und der Provinz Hessen-Nassau, in: Neuzeitlicher Weinbau. Aufsatzfolge, Koblenz 1927, S. 7 - 24 
  • W. Hillebrand: Rebschutz-Taschenbuch, Wiesbaden 1969 
  • F. Bassermann-Jordan: Geschichte des Weinbaus unter besonderer Berücksichtigung der bayerischen Rheinpfalz, 3. Bde, Frankfurt 1907 
  • H. Prößler: Das Weinbaugebiet Mittelrhein in Geschichte und Gegenwart, Koblenz 1979