Der 17. Dezember 1850. Die letzten Tage des "Coblenzer Tageblatts" beginnen

In der Ausgabe vom 17. Dezember 1850 des "Coblenzer Tageblatts" gibt der Verleger der demokratischen Zeitung, Wilhelm Mainzer, bekannt, dass er die zweimonatige Haftstrafe, die wegen Pressvergehen gegen ihn verhängt worden war, angetreten habe. Mit dieser Mitteilung begannen die letzten Tage des Blattes. Die Zeitung, die seit Dezember 1847 in Koblenz erschien, war mit der Entwicklung der revolutionären Bewegung eng verknüpft und hatte dementsprechend von Anfang an die Aufmerksamkeit der preußischen Behörden erregt. Aber erst mit dem Beginn der Reaktion wurden die ersten Strafverfahren eingeleitet, bis im November 1850 der Verleger Mainzer selbst verurteilt und einige Tage nach seinem Haftantritt, der Betrieb der Zeitung durch die preußischen Behörden vollständig eingestellt wurde.  

Seit Dezember des Jahres 1847 erschien das "Coblenzer Tageblatt und Fremdenanzeiger" in der Stadt an Rhein und Mosel. Die Geschichte dieser Zeitung ist sehr intensiv mit der Entwicklung der politischen Bewegung während und nach der Revolution von 1848/49 verknüpft. In einer Zeit, in der die Märzrevolution auch Koblenz "förmlich eine neue Physiognomie" gab und sich eine intensive nationale Bewegung und eine ausgedehnte politische Öffentlichkeit entwickelte, war das täglich erscheinende Blatt das Sprachrohr der Coblenzer Demokraten. Wie die Auflage von lediglich 450 Exemplaren zeigt, fand das Blatt des Verlegers Johann Wilhelm Mainzer eine nur geringe Verbreitung, wusste aber mit einer "Mischung von revolutionärem Geist, Patriotismus und rheinischem Humor" ihre Leserschaft an sich zu binden. Unter der Leitung des Arztes Dr. Matthias Jacob Schlegel standen politische Artikel im Mittelpunkt des Blattes, das seit dem 26. Dezember 1848 unter Verzicht auf die Bezeichnung "Fremdenanzeiger" nur noch den Titel "Coblenzer Tageblatt" trug. Neben der ausführlichen Berichterstattung über die revolutionäre Bewegung in Koblenz und der näheren Umgebung, stand vor allem die Entwicklung der revolutionären Bewegung in Berlin und Frankfurt im Mittelpunkt, was von Anfang an immer wieder die Aufmerksamkeit der Behörden erregte.

Aber auch Mainzer selbst entging der Zensur nicht. In der Ausgabe vom 23. November 1850 hatte der Verleger einen Bericht über eine Versammlung der Abgeordneten der Gemeinden der Rheinprovinz in Köln abgedruckt, der am 12. Mai 1849 von Hubert Schopp im "Ahrweiler Kreisblatt" veröffentlicht worden war und in dem ein eindeutiges Bekenntnis für Deutschland und gegen Preußen zum Ausdruck kam. Gegen Schopp wurde aufgrund dieses Artikels im Januar 1850 ein Haftbefehl erlassen, der aber bereits im Februar des gleichen Jahres wieder aufgehoben werden musste. Während also gegen den ursprünglichen Verfasser das Ermittlungsverfahren eingestellt wurde, führte ein gegen Mainzer eingeleitetes Verfahren wegen des gleichen Artikels am 19. November 1850 zu einer rechtskräftigen Verurteilung.

Die Verurteilung des Verlegers zu zwei Monaten Gefängnis und Verlust der Nationalkokarde besiegelte das Schicksal der demokratischen Zeitung. In der Ausgabe vom 17. Dezember 1850 gab Mainzer bekannt, dass er seine Gefängnisstrafe angetreten habe, dass dies aber zu keinerlei Störungen für die Herausgabe der Zeitung führen werde. Er sollte sich irren ! Mit dem 17. Dezember begannen die letzten Tage des "Coblenzer Tageblatts". Bereits am 25. Dezember erschien die letzte Ausgabe der Zeitung. In einem Leitartikel wurde auf die schwierige Situation aufmerksam gemacht. "Es ist schon einmal in diesem Blatte gesagt worden, daß der democratischen Presse gegenwärtig nichts anderes übrig bleibt, als eine Art Stillleben zu führen." Die im gleichen Artikel abgedruckten Abschiedsworte der in Kassel erscheinenden demokratischen Zeitung "Hornisse" wurden auch zur Grabrede für die Koblenzer Zeitung: " Wir haben gelobt, unser Blatt bis zum letzten Moment der Möglichkeit zu halten. Wir haben nicht geglaubt, daß dieser Augenblick so nahe bevorstände. [...] Der Kampf ist zu Ende. Wir nehmen hiermit Abschied von unseren Lesern, von unserer Partei bis auf den nahen Tag der Gerechtigkeit und Vergeltung. Wir bleiben gerüstet, jeden Augenblick die Fahne zu erheben, die wir jetzt gezwungen senken. Wir bleiben bis zum letzten Lebenshauch mit unserer Partei in treuester, innigster Liebe, mit dem regsten Eifer verbunden. Auf Wiedersehen !"

Noch am gleichen Tag wird die Druckerpresse in der Kornpfortstraße 23 von den Behörden versiegelt und der Betrieb vollständig aufgelöst. Auch eine Eingabe der Tochter Mainzers an Prinzessin Augusta, der Gemahlin des Prinzen Wilhelm, der als Militärgouverneur für die Rheinprovinz und Westfalen in Koblenz amtiert, bleibt ohne Erfolg. Ein daraufhin angeforderter Bericht des Oberpräsidenten Rudolf von Auerswald erbringt ein eindeutiges Ergebnis: "Wilhelm Mainzer wurde wegen Verletzung der Ehrfurcht gegen den König zu zwei Monaten Haft verurteilt und verlor das Recht, die Nationalkokarde zu tragen. Demnach besitzt er auch nicht mehr die gesetzliche Erlaubnis, einen Gewerbebetrieb zu führen, da er nicht mehr unbescholten ist."

Quellen

Literatur

  • M. Bär: Aus der Geschichte der Stadt Koblenz 1814/1914, Koblenz 1922    
  • H.-G. Borck (Hg.): "...ein freies Volk zu sein!" Die Revolution von 1848/49. Begleitpublikation zur Ausstellung des Bundesarchivs in Zusammenarbeit mit dem Landeshauptarchiv und dem Stadtarchiv in Koblenz. Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Bd. 77, Koblenz 1998.
  • Geschichte der Stadt Koblenz. Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart, hg. von der Energieversorgung Mittelrhein GmbH, Koblenz, Stuttgart 1993
  • H. Kampmann: Koblenzer Presse-Chronik. 80 Zeitungen aus drei Jahrhunderten, Koblenz 1988