Der 17. September 1689. Der Hunsrücker Zerstörungs- und Jammertag

Am 17. September 1689, dem Hunsrücker Zerstörungs- und Jammertag wurden zahlreiche Ortschaften im Hunsrück vollständig zerstört. Mit dieser Politik der "verbrannten Erde" versuchte Ludwig XIV. Erbansprüche auf die Pfalz durchzusetzen, die er im Namen seiner Schwägerin Elisabeth Charlotte erhob. Die französische Expansionspolitik auf pfälzischen Boden führte zu dem sogenannten pfälzischen Erbfolgekrieg, der sehr schnell europäisches Ausmaß erreichte.  

Wie zahlreiche andere Gebiete und Regionen in Deutschland war die Kurpfalz "verwüstet und elend" aus dem 30-jährigen Krieg hervorgegangen. Der Westfälische Frieden von 1648 hatte den Machtbereich der Pfalz deutlich eingeschränkt. Hinzu kam, dass das expansive und nach europäischer Vormachtstellung strebende Frankreich unter Ludwig XIV. zum einflussreichsten Nachbarn der Pfalz geworden war. Der seit 1649 regierende Kurfürst Karl Ludwig versuchte mit allen Mitteln sein Land wieder aufzubauen und die politische Situation zu stabilisieren. Karl Ludwig wollte dies durch eine Annäherung an Frankreich erreichen, das finanzielle Unterstützung gewährte und Hoffnungen auf ein Königreich "Austrasien" machte. Um das Bündnis zu festigen, wurde 1671 die Eheschließung zwischen Elisabeth Charlotte, der Tochter Karl Ludwigs, die als Liselotte von der Pfalz bekannt wurde, und dem verwitweten Herzog Philipp von Orleans, dem Bruder Ludwigs XIV., in die Wege geleitet.

Auf dem Höhepunkt der französischen Annexionspolitik war es in der Kurpfalz zu einem Regierungswechsel gekommen. Seit 1680 regierte Kurfürst Karl II., dessen Schwester Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans mit Ludwig XIV. verschwägert war. Als Karl II. bereits 1685 kinderlos starb, entwickelte sich die als Segen geplante eheliche Verbindung mit dem französischen Herrscherhaus zum Fluch für das Land. Obwohl die Erbfolge nach Reichsrecht eindeutig geklärt war und den katholischen Philipp Wilhelm von Pfalz-Neuburg als neuen Kurfürsten vorsah, erhob der französische König im Namen seiner Schwägerin Erbansprüche auf Teile der Pfalz. Völlig ignoriert wurde hierbei ebenfalls, dass bei der Eheschließung ein vollständiger Verzicht Elisabeth Charlottes auf alle staatlichen Erbansprüche vereinbart und akzeptiert worden war. "Weder Land noch Leute sollten ihr oder ihren Nachkommen je zufallen." Von Anfang an stieß der französische König allerdings mit diesen Absichten auf die massive Gegenwehr der Reichspolitik. Es kam zum Krieg. 

Der pfälzische Erbfolgekrieg oder Orleansche Krieg (1688 - 1697) nahm bald europäische Ausmaße an. Obwohl Kaiser und Reich durch den Kampf mit den Türken gebunden waren, entwickelte sich in Europa ein breites Bündnis gegen Frankreich. "Um möglichen Aktionen der zusammentretenden Koalition zuvorzukommen, eröffnete Frankreich im September 1688 die Feindseligkeiten." Der Krieg wurde im "Rheingebiet, dem Prinzip der verbrannten Erde folgend, mit einer Brutalität geführt, wie sie zwischen christlichen Gegnern bis dahin unbekannt war. Elisabeth Charlotte musste vom Versailler Hof aus die systematische Zerstörung und Einäscherung von Städten, Dörfern, Burgen und Schlössern in der Pfalz, die auch vor der Residenz Heidelberg und den Kaisergräbern im benachbarten Speyerer Dom nicht haltmachte, hilflos mit ansehen." Obwohl die Feindseligkeiten bereits 1688 einsetzten, gipfelten sie am 17. September 1689 in dem sogenannten "Hunsrücker Zerstörungs- und Jammertag". Zu diesem Zeitpunkt erreichten sie ihren "grausigen Höhepunkt". Zahlreiche Chroniken, Augenzeugenberichte und andere zeitgenössische Dokumente machen das Leiden und die Ängste der damals betroffenen Bevölkerung auch heute noch nachvollziehbar. Ungezählte Dörfer und Städte wurden an diesem Tag von den französischen Truppen verwüstet und dem Erdboden gleich gemacht.

Die Ereignisse dieses Tages in der damals im pfälzischen Gebiet liegenden Stadt Kastellaun beschreibt eine im Landeshauptarchiv Koblenz verwahrte Quelle, die auch eine Auflistung der zerstörten Gebäude enthält. Die erzwungene Versorgung der französischen Truppen und die immensen Wald- und Flurschäden, die diese anrichteten, waren für die Stadt bis zum Herbst 1689 eine immense Belastung gewesen. Größere Zerstörungen, wie in zahlreichen anderen Orten hatte es aber noch nicht gegeben, als die Franzosen abzogen und die Menschen in Kastellaun erleichtert aufatmeten. Gegen 4 Uhr morgens am 17. September standen 1.000 französische Reiter vor der Stadt. Amtmann und Bürgermeister wurden darüber informiert, das die Stadt zerstört werden würde, und die Bevölkerung erhielt eine Stunde Zeit, "zum Ausräumen der Habe." "Eiligst rannte jeder zu seinem Hause, da alle darauf bedacht waren, in der kurzen Spanne möglichst viel zu retten. ... Bald stiegen an verschiedenen Enden Rauchsäulen auf, und einige Augenblicke später wogte ein ungeheures Flammenmeer rund um den Schloßberg. Düster starrten die Einwohner von Kastellaun in die Flammen. Gegen 9 Uhr befahl der französische Oberst Gramont seinen Reitern aufzusitzen." Sie ritten in Richtung Kirchberg, um dort ihr Werk der Zerstörung fortzusetzen.

Diese systematische Zerstörung von blühenden Ortschaften, die die Pfalz praktisch unbewohnbar machte und mit der die Franzosen gegen alle Konventionen der Kriegführung verstießen, brachte sie noch weiter in die Isolation gegenüber den anderen europäischen Mächten. Aber obwohl die französische Flotte im Mai 1692 vernichtend geschlagen wurde, konnte am Rhein keine entscheidende Wende erreicht werden. Der Krieg wütete zu Lasten der Bevölkerung ohne Entscheidung weiter. Erst im Jahre 1697 gelang es Schweden einen Friedensschluss zu vermitteln. Im Frieden von Ryswijk musste Ludwig XIV. den größten Teil der reunierten Gebiete zurückgeben und sich vom rechten Rheinufer zurückziehen; er behielt aber u. a. die alte Reichsstadt Straßburg. Auch seine Ansprüche auf die Pfalz wurden zurückgewiesen.

Quellen

Literatur

  •  H. Knebel: Der Hunsrücker Zerstörungs- und Jammertag, in: Der Hunsrück. Beiträge zur Natur, Kultur und Geschichte, 1, 1965, S. 155 - 170
  • M. Knopp: Madame. Liselotte von der Pfalz. Ein Lebensbild. Stuttgart 1956
  • E. Pies: Der Hunsrücks Zerstörungs- und Jammertag 1689, in: Rhein-Hunsrück-Kalender 1992, S. 55 - 60
  • L. Reinirkens: Liselotte von der Pfalz, in: Vor-Zeiten. Geschichte in Rheinland-Pfalz, Bd. 1, Mainz 1985, S. 133 - 148