Der 16. Dezember 1851. Einziger Auftritt der Sängerin Henriette Sontag in Koblenz

Am 16. Dezember 1851 kam es in Koblenz zu einem kulturellen Ereignis der besonderen Art. Die in Koblenz geborene Sängerin Henriette Sontag trat zum ersten und einzigen Mal in ihrer Heimatstadt auf. Henriette Sontag hatte bereits mit vier Jahren auf der Bühne gestanden und bis zu ihrer Verheiratung eine ungewöhnliche Karriere gemacht, die in Europa ein wahres "Sontag-Fieber" auslöste. Ihren Rückzug in das Privatleben beendete die Sontag, nachdem ihre Familie durch die Revolution und deren Folgen ihre finanziellen Grundlagen verlor. Das "Comeback" wurde zum Erfolg, der in einer Amerikareise gipfelte. Hier wurde Henriette Sontag allerdings zum Opfer einer Choleraepidemie und starb im Juni 1854.

"Eine nahezu romanhaft anmutende Lebensgeschichte einer Frau von der sich Grafen, Fürsten, Künstler und Gelehrte jeglicher Couleur zeitlebens angezogen fühlten. War es nur die Belcanto-Primadonna - die "femme de theatre" - die alle Herzen eroberte oder das Zusammenspiel von Naturell und Talent ? Könnte es nicht auch die Zeit - die Epoche des Biedermeier - gewesen sein, die es ermöglichte, ein Frauenideal zu kreieren, das der tugendhaften Königin Luise entsprach? Einer unheroischen Zeit, in der die Figur einer Primadonna einer Heldenverehrung von einst glich, die man nun in die Scheinwelt des Opernhauses und Theaters verlegte, um sich in dieser Welt des Sinnengenusses Luft zu verschaffen." (Karrenbrock-Becker)

Henriette Sontag wurde am 3. Januar 1806 als Tochter des Schauspielers und Buffo-Sängers Franz Anton Sontag und der Schauspielerin Franziska Marckloff in Koblenz in der Löhrstraße geboren. Ihre Herkunft wurde Programm! Bereits im Alter von vier Jahren wurde die kleine Henriette von ihrer Mutter an die Bühne herangeführt. Am neugegründeten Hoftheater in Darmstadt hatte sie 1810 ihren ersten Auftritt und wurde schnell zum Liebling des Publikums. Im Alter von elf Jahren wurde sie am 1. Juni 1817 in das Prager Konservatorium, Abteilung Gesang aufgenommen. Da sie während ihrer Ausbildung aber mehrfach im Prager Theater aufgetreten war, wurde die junge Frau 1821 wegen "Verstoß gegen die Disziplin" aus dem Konservatorium entlassen. Die Sängerin, deren eindeutiges Talent durch eine "offensichtlich unwiderstehliche Weiblichkeit und natürliche Grazie" ergänzt wurde, erklomm in den nächsten Jahren eine steile Karriereleiter. Dem Engagement am Kärntnerthor-Theater in Wien folgte am 3. August 1825 der erste Auftritt auf der Bühne des Berliner Königsstädtischen Theaters.

Die 19-jährige Künstlerin löste in Berlin mit ihren Auftritten das aus, was später als "Sontags-Fieber" bezeichnet wird. "Nach zeitgenössischen Berichten stürzte sich die ganze Stadt in die Oper, um die "göttliche Jette"- so tauften die Berliner sie - zu hören; ihr Kutschwagen wurde ständig verfolgt von einer Horde von Leuten, das Hotel, in dem sie wohnte, immer wieder belagert von ihren "Fans" - wie man heute schreiben würde."(Michaud) Auch in zahlreichen anderen deutschen Städten, in denen die Sontag bei Gastspielen auftrat, zeigte sich das gleiche Phänomen. Diese wachsende Begeisterung, die bald in ganz Europa anzutreffen war, löste aber auch Kritik an ihren Fähigkeiten und der Art der Verehrung durch die Massen ihrer Anhänger. Den Avancen ihrer zahlreichen namhaften männlichen Verehrer stand sie nach dem Verlust ihrer ersten großen Liebe lange Zeit sehr distanziert gegenüber. Ihre Verlobung mit Graf Clam-Gallas wurde im Jahre 1826 aufgelöst, die Standesunterschiede standen der Verbindung im Wege. Knapp zwei Jahre nach diesem Verlust traf die Sängerin den sardinischen Gesandten Carlo Graf Rossi wieder, den sie bereits aus Wien kannte und heiratete ihn heimlich. "Hier wird das traurige Debakel des Biedermeier sichtbar, in dem die Standesdünkel einer Gesellschaft derart groß waren, dass die Verbindung eines Adligen mit einer Sängerin verheimlicht werden mußte." (Karrenbrock-Berger)

Es war der Fürsprache des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. zu verdanken, das die Heirat im Mai 1829 offiziell bekannt gegeben werden konnte. Das erste gemeinsame Kind des Paares - die Tochter Jettchen - wurde im Dezember 1828 geboren. Das Mädchen starb im Sommer 1829 an Scharlach. Als Diplomatengattin war für Henriette Sontag die Zeit der großen Tourneen und der Konzerte vorbei. Dennoch blieb sie in ihrem privaten Rahmen der Musik und ihrer Kunst treu. "Die Perle aller Männer, wie Henriette ihren Ehemann darstellte, war zwar adelig, aber von Hause aus unvermögend und seine Karriere hing ganz von der Gnade des stolzen Turiner Hofes ab. Henriette hingegen hatte ein fest angelegtes Vermögen von ca. 200.000 Talern und wertvollen Schmuck mit in die Ehe gebracht. Selbst eine gute Partie wie sie jedoch konnte es nicht verhindern, dass ihr Restvermögen nach der 48er Revolution der Inflation zum Opfer fiel und zugleich Graf Rossi seine Stellung verlor."(Karrenbrock-Berger) Um die Zukunft ihrer Kinder zu sichern, beschloß die Gräfin wieder auf die Bühne zurückzukehren.

Sie nahm ihren alten Namen wieder an und trat als "Madame Sontag" zwischen Juni 1849 und Sommer 1852 auf allen großen Bühnen in Großbritannien, in Deutschland und in Paris auf. Mit ihrer Stimme, die nach Aussage der Kritiker kaum an Qualität eingebüßt hatte, konnte sie auch nach fast zwanzig Jahren an die Erfolge ihrer ersten Karriere anknüpfen. Im Rahmen ihrer Konzertreisen gab sie am 16. Dezember auch in ihrer Heimatstadt Koblenz, die für sie der Inbegriff der ungeliebten Provinz war, ein Konzert "zum Besten der Armen". Es sollte das einzige Konzert sein, das die Sontag in der Stadt an Rhein und Mosel gab. Die Erfolge in Europa ermöglichten schließlich den Abschluss eines Vertrages über eine Amerikareise. Die Auftritte in der "neuen Welt" sollten die letzten sein, bevor sie sich endgültig von der Bühne zurückzog, um sich ganz ihrer Familie zu widmen.

Die ungewöhnliche Karriere der großen Sängerin nahm aber ein ganz anderes Ende. Im Jahre 1852 begann das amerikanische Abenteuer, das 1854 durch eine Choleraepidemie plötzlich beendet wurde. Am 11. Juni erkrankte die Sängerin und erliegt der Cholera eine knappe Woche später. Eine provisorische Beerdigung findet am 19. Juni in der Nähe von Mexiko-City statt. Nach der Überführung der Toten ein Jahr später wurde sie am 3. Mai 1856 in der Michaelskapelle des Klosters Marienthal beigesetzt.

Quellen

Literatur

  • W.J. Becker: Henriette Sontag, in: Zeitschrift für Heimatkunde des Regierungsbezirkes Coblenz und der angrenzenden Gebiete von Hessen-Nassau, Koblenz 1921, Heft Nr. 14, S. 52 - 55    
  • A. Karrenbrock-Berger: Henriette Sontag - eine europäische Nachtigal , in: A. Karrenbrock-Berger (Hg.), Mutter-Beethoven-Haus, Höfische Kultur und gesellschaftliches Leben in Ehrenbreitstein (Mittelrhein-Museum Koblenz, Kleine Reihe Bd. 6, Koblenz 2005, S. 60 - 64
  • H. Kühner: Große Sängerinnen der Klassik und Romantik. Ihre Kunst-Ihre Größe-Ihre Tragik. Henriette Sontag, Stuttgart 1954, S. 75 - 139
  • C. Michaud (Hg.): Die göttliche Jette. Ein Weltstar aus Koblenz. Der Sängerin Henriette Sontag zum 200. Geburtstag. Mittelrhein-Museum Koblenz, Kleine Reihe, Bd. 8, hg. v. M. Kramp, Koblenz 2006