Der 16. Dezember 1232. Hildegard von Bingen und ihre Heiligsprechung

Am 16. Dezember 1232 erhielt Papst Gregor IX. das Protokoll der von ihm beauftragten Kommission zur Überprüfung der Grundlagen für eine Heiligsprechung der Hildegard von Bingen. Die 1179 verstorbene Äbtissin der von ihr gegründeten Klöster Rupertsberg und Eibingen war nicht nur durch ihre Sehergabe und den daraus resultierenden Visionsschriften bekannt geworden. Ihr nicht unerheblicher Einfluss als Ratgeberin weltlicher und geistlicher Macht- und Verantwortungsträger, sowie ihr umfangreiches Gesamtwerk mit seinen kosmologischen, religiösen, naturwissenschaftlichen und musikalischen Facetten machte sie zu einer Persönlichkeit, die weit über den lokalen Rahmen hinaus verehrt wurde. Trotz der jahrelangen Dauer hatten die Untersuchungen kein positives Ergebnis. Hildegard von Bingen wird seit dem 13. Jahrhundert als Heilige verehrt, wurde aber nie heiliggesprochen.

Die Blüte der Klause begann aber mit der Wahl Hildegards zur Nachfolgerin der verstorbenen Jutta. Der Ruf der achtunddreißigjährigen Meisterin drang nach außen und immer mehr adelige Mädchen baten um Aufnahme. Die Sehergabe, die das ganze Leben der Hildegard beeinflusste und prägte, bewirkte im Jahre 1141 einen ernsten persönlichen Konflikt. Die Benediktinerin erhielt nach eigenen Angaben den göttlichen Auftrag, ihre Visionen schriftlich festzuhalten. Die Nonne zögerte "aus Angst vor der eigenen Unfähigkeit, aber auch aus Angst vor dem Gerede der Menschen" diesen Auftrag auszuführen. Die ihrer Weigerung folgende Krankheit und wiederholte Aufforderungen überzeugten sie schließlich. Sie begann mit der Abfassung ihrer ersten großen Visionsschrift, dem "Liber Scivias". Während der zehnjährigen Arbeit an dieser Schrift war Hildegard immer wieder durch ernste Selbstzweifel behindert, die sich erst milderten, als ihre Sehergabe durch Papst Eugen III. 1147 offiziell anerkannt wurde. Die Legitimation rückte die Nonnen und ihre Arbeit in der Disibodenberger Klause in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. "Ein stetiger Strom Ratsuchender pilgert von nun an zum Disibodenberg. Dies sichert den Mönchen eine kontinuierliche Einnahmequelle. Auch die Frauenklause erhält Zuwachs von begüterten Aspirantinnen adliger Herkunft."

Auch auf dem Rupertsberg war Hildegard äußerst produktiv. Sie korrespondierte mit den bedeutendsten Kirchenmännern, Wissenschaftlern und politisch einflussreichen Persönlichkeiten ihrer Zeit. Sie betätigte sich als Komponistin geistlicher Lieder und machte sich auch mit ihrem vielfältigen und umfangreichen natur- und heilkundlichen Schrifttum einen Namen. Im Jahr 1158, im Alter von sechzig Jahren begann sie mit ihrer zweiten Visionsschrift "Liber Vitae Meritorum", der zwischen 1165 und 1174 eine dritte Schrift "Liber Divinorum Operum" folgte. Zwischen Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre soll Hildegard mehrere "Predigtreisen" an den Niederrhein, nach Süddeutschland und Frankreich unternommen haben. Im Jahr 1165 gründete sie darüber hinaus einen zweiten Konvent. In Eibingen übernahm die Benediktinerin ein verlassenes Augustinerkloster, das nach dem Wiederaufbau Platz für 30 Nonnen bot. Bis zu ihrem Tod betreute Hildegard beide Klöster. Nachdem ihre letzten Lebensmonate von einer heftigen Auseinandersetzung mit dem Mainzer Domkapitel überschattet gewesen waren, verstarb Hildegard von Bingen am 17. September 1179 im Alter von 81 Jahren.

Nicht nur aufgrund der Lichterscheinungen, die bei dem Tod der Hildegard beobachtet worden sein sollen, setzte sehr schnell die lokale Verehrung ein, so dass es für die Nonnen des Rupertsbergs naheliegend war, auf die Heiligsprechung ihrer ehemaligen Äbtissin hinzuarbeiten. Ihre Schriften wurden gesammelt, überarbeitet und neu abgeschrieben. Ein formaler Untersuchungsprozess wurde bei Papst Gregor IX. beantragt, den dieser am 27. Januar 1227 annahm und das Mainzer Domkapitel mit der Untersuchung beauftragte. Es sollte allerdings fünf Jahre dauern, bis am 16. Dezember 1232 das Ergebnis dieser Untersuchung vorlag, das in einer Urkunde festgehalten wurde, die sich heute im Landeshauptarchiv Koblenz befindet. Trotz des langen Zeitraums, den die Kommission gebraucht hatte, blieben die in der Urkunde gemachten Angaben sehr oberflächlich. Zwar wurden mehrere Wunder beschrieben, die von Hildegard zu Lebzeiten und nach ihrem Tod ausgegangen sein sollten, aber die erforderlichen Präzisierungen von Ort, Zeit und beteiligten Personen sucht man meist vergebens. Es ist daher nicht überraschend, dass Papst Gregor unzufrieden war und 1237 eine weitere Kommission beauftragte. Ihre Ergebnisse sind ebenfalls der gleichen Urkunde zu entnehmen. Sie wurden als Ergänzungen über den ursprünglichen Angaben eingetragen. Darüber hinaus erhielt der Wunderbericht auf der Rückseite eine ausführliche Fortsetzung. Aber auch trotz dieser nochmaligen Untersuchung und der umfangreichen Ergänzungen konnte eine offizielle Heiligsprechung nicht erreicht werden. Es sollte bis ins 20. Jahrhundert und bis in das politisch äußerst belastete Jahr 1941 dauern, bis die Benediktinerin Hildegard von Bing XX

Quellen

Literatur

  • A. Brück (Hg.): Hildegard von Bingen 1179 - 1979. Festschrift zum 800 Todestag der Heiligen. Quellen und Abhandlungen der Mittelrheinischen Kirchengeschichte, 33, 1979
  • M. Diers: Hildegard von Bingen, München 1998
  • J. Heinzelmann: Hildegard von Bingen und ihre Verwandten. Genealogische Anmerkungen, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte, hg. v. H.-G. Borck und W. Laufer, 23. Jhg., 1997, S. 7 - 88, Koblenz 1997
  • H.-J. Kotzur: Hildegard von Bingen 1098 - 1179, Mainz 1998
  • B. Resmini: Hildegard von Bingen, in: Zeugnisse rheinischer Geschichte. Urkunden, Akten und Bilder aus der Geschichte der Rheinlande. Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Neuss 1982, S. 306 - 308
  • H.M. Kastinger Riley: Hildegard von Bingen, Reinbek bei Hamburg 1997