Der 16. November 1901. Lahnstein vor 100 Jahren

Am 16. November 1901 standen nicht die wichtigen überregionalen Ereignisse im Mittelpunkt der Berichterstattung des "Lahnsteiner Tageblattes", sondern die ganz normalen Alltagsfragen, die die Menschen der beiden Städte Nieder- und Oberlahnstein beschäftigten und einen Einblick in die Lebenswirklichkeit vor 100 Jahren ermöglichen. Die beiden, an den Ufern der Lahn gelegenen Städte entwickelten sich während ihrer nicht unbedeutenden Geschichte weitgehend unabhängig voneinander. Erst im Jahre 1969 wurden sie zu der Stadt Lahnstein vereinigt. 1901 gehörten die Städte zu Preußen und ihr Alltag wurde u. a. von den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung, den Vorbereitungen für die Weihnachtszeit und dem Ausbau des Fernsprechnetzes bestimmt.  

Die heutige Stadt Lahnstein, gelegen am Zusammenfluss von Lahn und Rhein, das "Tor zum Tal der Loreley" ist eine Stadt mit zwei Gesichtern. Getrennt durch die Lahn entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte zwei Städte, die jede über eine eigenständige und sehr facettenreiche Geschichte verfügt. Das auf dem rechten Lahnufer liegende Niederlahnstein wurde im Jahre 1047 erstmalig urkundlich erwähnt und erhielt 1332 Stadtrechte. Durch eine königliche Schenkung gelangte der Ort 1018 an das Erzstift Trier. Oberlahnstein, das auf dem linken Lahnufer liegt, wurde bereits 997 zum ersten Mal erwähnt und erhielt als Besitz des Mainzer Erzbistums 1324 Stadtrechte. "Diese verschiedene »Staatszugehörigkeit« war aber der innere Grund, einer Entfremdung und schließlich einer Wesensverschiedenheit", die erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überwunden werden konnte. Nachdem es bereits vor dem zweiten Weltkrieg verschiedene Versuche gegeben hatte, einen Zusammenschluss der beiden Städte zu erreichen, konnten die zahlreichen Vorbehalte Ende der sechziger Jahre endgültig überwunden werden. Am 7. Juni 1969 wurden die beiden Lahnstädte aufgelöst, um am gleichen Tag gegen null Uhr die neue Stadt Lahnstein gründen zu können.

Details über die Städte Nieder- und Oberlahnstein lassen sich den folgenden Seiten der Zeitung entnehmen. Unter der Rubrik "Vermischtes" wird man über die Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung für Oberlahnstein informiert. Entsprechend dem zu dieser Zeit in Preußen üblichen Dreiklassenwahlrecht, hatten die Wahlgänge am 13. und 14. November stattgefunden. Während die Beteiligung bei der Ersten und der Zweiten Klasse als ausreichend bezeichnet wurde, musste die Wahl der Dritten Klasse aufgrund der geringen Teilnahme am 20. November wiederholt werden. Lediglich 164 der insgesamt 840 Wähler dieser Klasse hatten ihre Stimme abgegeben. Ein weiterer Artikel aus Oberlahnstein beschäftigt sich mit den beginnenden Vorbereitungen für die Weihnachtszeit: "Mitte November ! Ja, das wird denn doch wohl Zeit, an solche Weihnachtsgaben zu denken, die eine gute Frist zur Vorbereitung bedürfen. So und so lange wird noch gewählt und dann geht es im Trubel der Weihnachtswochen auch nicht immer so glatt, wie man vorher wohl rechnete, also lieber etwas früher sich besinnen ! [...] Es mag zugegeben sein, daß das Richtige wird meist nicht auf den ersten Blick gefunden; aber daß es gefunden wird, wenn man nicht zu spät zu suchen anfängt, ist ebenso richtig".

Das Fernsprechnetz stand im Mittelpunkt eines Artikels, der nicht nur über Neuanschlüsse, sondern auch über den Umgang des Kaisers mit diesem Medium informierte. "Der Kaiser macht von dem Fernsprecher einen ausgedehnten Gebrauch. Auch im Dienste des kaiserlichen Hofes mit seinen zahlreichen Aemtern und Stellen spielt der Fernsprecher, der Befehle ohne großen Zeitverlust weitergibt, eine hervorragende Rolle." Nieder- und Oberlahnstein verfügten zu dieser Zeit über ein gemeinsames "Stadt- Fernsprechnetz". Mit den an diesem Tag veröffentlichen Neuanschlüssen waren in den beiden Städten insgesamt 51 "Fernsprecher" angemeldet. Neben den thematisch breit gefächerten Artikeln kam natürlich auch diese Tageszeitung ohne einen umfangreichen Anzeigenteil nicht aus, der über Geschäftseröffnungen, Sonderangebote und qualitativ besonders zu empfehlende Produkte informierte. Aber auch Stellengesuche und Bekanntmachungen der Stadtverwaltungen waren hier zu finden. So wurde an dieser Stelle beispielsweise für "zwei gemeindearme Kinder im Alter von 9 und 6 Monaten" eine neue Pflegestelle gesucht. Die Mitteilung über eine gefundene Geldbörse stand neben einer Anzeige über "gemischtes Singfutter für Canarienvögel" und der Werbung für die Dampfwurstfabrik Kaspar Martin. Insgesamt stehen also in der Ausgabe des "Lahnsteiner Tageblattes" vom 16. November 1901 nicht "wichtige" und überregionale Ereignisse im Mittelpunkt der Berichterstattung. In dieser Zeitung lassen sich im Gegenteil die ganz normalen Alltagsfragen ablesen, die an diesem Freitag die Menschen in den Städten Nieder- und Oberlahnstein beschäftigten.

Quellen

Literatur

  • P. Bucher: Geschichte der Stadt Lahnstein, in: F. Michel, Geschichte der Stadt Lahnstein, Lahnstein 1982, S. 486 - 521    
  • F. Michel: Geschichte der Stadt Lahnstein. Herausgegeben im Auftrag der Stadt Lahnstein von Franz-Josef Heyen, Lahnstein 1982
  • F. Michel: Geschichte der Stadt Niederlahnstein, Niederlahnstein 1954
  • F. Michel: Geschichte der Stadt Oberlahnstein, Bonn 1960