Der 16. August 1872. Ein Tag in der Berichterstattung der "Hunsrücker Zeitung"

Am 16. August 1872 berichtete die "Hunsrücker Zeitung" in der für ihre Leserschaft im Kreis Simmern gewohnten Vielfältigkeit. Während das Titelblatt von dem Fall eines verschwundenen vierjährigen Kindes dominiert wurde, bestimmte die zweite Seite die Kurzberichterstattung über politische Fragen im Deutschen Reich. Regionale Nachrichten wurden unter der Rubrik "Vermischtes" geboten. Die unterschiedlichsten Anzeigen, Ankündigungen und Terminhinweise rundeten das Bild der Zeitung als interessante, auf die Bedürfnisse ihrer Leser abgestimmte Informationsquelle ab.  

Die "Politische Rundschau", die ihren Platz auf der zweiten Seite der Tageszeitung hatte, enthält vor allem Kurzberichte über die unterschiedlichsten Themen. Der Leser wird über die Reise des "Directors der Königl. statistischen Bureaus" zu einem statistischen Kongress nach Petersburg informiert. Auch eine Kostprobe der Errungenschaften der Statistik wurde dem Leser geboten. Er erfährt, dass während des Krieges 1870/71 das deutsche Heer insgesamt 40.881 Tote zu beklagen hatte. "Davon sind im Gefecht gefallen 17.572; ihren Wunden erlegen 10.710; verunglückt 316, durch Selbstmord gestorben 30. An Krankheiten verstorben: an der Ruhr 2.000, am Typhus 6.965, am gastrischen Fieber 159, an den Pocken 261, an der Lungenentzündung etwa 500, an anderen acuten Krankheiten 249, plötzlich 94, ohne Angabe der Krankheit 556, ohne Angabe der Todesursache 419 Mann. Die Zahl der Vermißten beträgt 4.009 Mann." Die "paßpolizeilichen Bestimmungen" für deutsche Reisende in Russland werden erläutert und das "Schulaufsichts-Gesetz vom 11. März d. J." vorgestellt. Nach diesem Gesetz war es möglich, "die einem Pastor obliegende Schulinspection auf eine andere Person zu übertragen."

Die dritte Seite der Zeitung war der Rubrik "Vermischtes" und den zahlreichen Anzeigen vorbehalten. Hier erfuhr der interessierte Leser, dass am Morgen des 12. August in dem Dorf Liebshausen zwei Wohnhäuser mit Stallungen und Scheunen abbrannten. Eine Nachricht vom 12. August, die Ex-Königin Isabella von Spanien sei in Bad Ems eingetroffen, wurde dementiert. "Das Gerücht verdankt dem Umstande seine Entstehung, daß eine vornehme spanische Familie mit großem Gefolge angekommen und in den Curgebäuden abgestiegen ist." Abgerundet wird dieses Angebot der Zeitung mit der Warnung, "der diesjährige Roggen enthält ungewöhnlich viel Mutterkorn. Letzteres aber ist ein für Menschen und Thiere giftiger Stoff, der, in entsprechender Menge genossen, die sogenannte Kriebelkrankheit bewirkt."

Das Kind war vor fast zwei Monaten "in Treuen bei Loitz in Neu-Vorpommern" verschwunden und die "sorgfältigsten Recherchen am Orte des Verschwindens haben keine Spur von demselben ergeben, so daß es mindestens als höchst unwahrscheinlich angesehen werden muß, daß das Kind durch einen Unfall verunglückt ist." Es wurde vielmehr angenommen, dass das Kind von einer "Zigeuner- und Landstreicherbande" geraubt worden sei. "Es ist in hohen Grade wahrscheinlich, daß das verschwundene Kind in die Gewalt einer solchen Bande gerathen ist und seitdem beständig aus den Händen der einen in die der andern befördert wird, um dadurch den Nachforschungen nach seinem Verbleib entzogen zu werden." Ein Kind, das der amtlichen Beschreibung entsprach war mehrmals und bei verschiedenen Banden gesehen worden, konnte bei den folgenden Nachforschungen aber nicht gefunden werden. Dieser ausführliche Artikel über die kleine Anna Böckler war auf Initiative des Landrats des Kreises Simmern, Jentsch, in der "Hunsrücker Zeitung" veröffentlicht worden. "Die Schwere des Verbrechens des Menschenraubs, die Gefahren, welche der öffentlichen Sicherheit daraus erwachsen würden, wenn ein solches Verbrechen unentdeckt bliebe, sowie die unglückliche Lage, der zwischen Furcht und Hoffnung schwebenden Eltern des Kindes machen es zur Pflicht, daß überall die äußersten Anstrengungen zur Auffindung des Kindes und Entdeckung der etwaigen Täter gemacht werden. Ich gebe mich deshalb der Hoffnung hin, daß die Bemühungen der Behörden auch bereitwillige Unterstützung bei den Kreiseingesessenen finden werden." Ob die kleine Anna gefunden werden konnte und ob tatsächlich Banden für ihr Verschwinden verantwortlich gemacht werden mussten, lässt sich der Berichterstattung der Zeitung der nächsten Wochen und Monate leider nicht entnehmen.

Neben diesen sehr vielfältigen Anzeigen fanden aber auch Nachrichten und Ankündigungen anderer Art ihren Platz. Der "Kriegerverein Simmern" machte auf seine Feier am 18. August und auf das sehr umfangreiche Programm mit Festzug, "Harmonie und Tanz" aufmerksam. Der Leser der "Hunsrücker Zeitung" wurde aber auch über den großen Schafmarkt informiert, der am 19. August in Simmern stattfinden sollte. Insgesamt bot die Zeitung ein sehr reichhaltiges Informationsangebot, das auf die Bedürfnisse der Leser im Kreis Simmern zugeschnitten war.

Quellen

Literatur

  • K. Faller: Simmern. Kreisstadt des Rhein-Hunsrück-Kreises, Simmern 1979    
  • Festschrift. 800 Jahre Simmern. Beiträge zur Ortsgeschichte und Alltagskultur, Simmern 1998
  • Hunsrücker Heimat. Aus Vergangenheit und Gegenwart des Kreises Simmern, Düsseldorf 1928