Der 14. November 1850. Der Geilnauer Mineralbrunnen und Prof. Dr. v. Liebig

Am 14. November 1850 setzte sich der bekannte Chemiker Justus Freiherr von Liebig, Professor an der Universität von Gießen und Begründer einer wissenschaftlichen Zeitschrift von Weltgeltung, der "Annalen der Chemie" für den Erhalt des Geilnauer Mineralbrunnens ein. Dieser gehörte damals zu den wichtigsten Wirtschaftsfaktoren der Region. Liebig, der seit vielen Jahren zu den Förderern des Sauerbrunnens gehörte, beteiligte sich damit an den intensiven Bemühungen, den sinkenden Absatzzahlen des Mineralwassers entgegenzuwirken. Die bereits im Mittelalter bekannte Mineralquelle, die seit Ende des 18. Jahrhunderts wirtschaftlich ausgebeutet wurde und eine nicht geringe Berühmtheit erreicht hatte, geriet in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts in den Verdacht der qualitativen Verschlechterung. Alle Bemühungen konnten den stetigen Niedergang des Geilnauer Mineralbrunnens nicht aufhalten. Die Quelle an der Lahn versank wieder in der Bedeutungslosigkeit und ist heute fast nur noch den Bewohnern der näheren Umgebung bekannt.

Das Gebiet an Rhein, Mosel und Lahn ist reich an warmen und kalten Quellen mit starkem Mineralgehalt, die in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Landes immer eine wichtige Rolle gespielt haben. Mineralbrunnen, wie z. B. der Lahnsteiner, der Rhenser, der Tönissteiner und nicht zu vergessen das Heilwasser des Fachinger Brunnens haben ihre Bedeutung als wichtiger Wirtschaftsfaktor der jeweiligen Region bis heute behalten und versenden ihr Wasser in alle Länder der Erde. Andere Brunnen sind fast vergessen und nur wenig erinnert an ihre frühere Bedeutung. Der Geilnauer Sauerbrunnen ist ein Beispiel für eine Quelle, die trotz ihrer traditionsreichen Geschichte nicht mehr wirtschaftlich genutzt wird und fast ausschließlich den Bewohnern der näheren Umgebung bekannt ist.

Der kleine Ort Geilnau liegt am rechten Ufer der Lahn zwischen Laurenburg und Balduinstein in der Esterau, einer mittelalterlichen Grundherrlichkeit und späteren Reichsgrafschaft, die das Gebiet zwischen Lahn, Gelbach und Daubach umfasst. Der Mineralbrunnen, der unmittelbar neben dem Ufer der Lahn auf einer Wiese entspringt, soll bereits im Mittelalter bekannt gewesen sein. Neben der Bevölkerung der näheren Umgebung, die die Quelle als Wasserreservoir für den täglichen Gebrauch verwendete, gab es Anfang des 16. Jahrhunderts bereits einen regen illegalen Handel mit dem schmackhaften Wasser. Lahnschiffer füllten ohne Aufsicht und Genehmigung mitgebrachte Krüge und verschifften sie nach Ems, Koblenz und weiter rheinabwärts. Diese illegale Entnahme endete erst, als die Quelle während des Dreißigjährigen Krieges zugeschüttet wurde. Ob sie allerdings der Grund für das Zuschütten gewesen ist, ist nicht bekannt.

Überliefert ist lediglich, dass um 1780 wieder nach der Quelle gegraben wurde und man hierbei auf Reste der ursprünglichen Einfassung stieß. Noch bevor das Wasser durch eine Erneuerung der Quellfassung gesichert werden konnte, führte der Leibarzt des Fürsten Karl Ludwig von Anhalt-Bernburg-Schaumburg, Hofrat Dr. Johann Ernst Schmidt, die ersten medizinischen Versuche durch. Seine Ergebnisse teilte er dem fürstlich isenburgischen Obermedizinalrat und Apotheker Dr. Amburger aus Offenbach mit, der daraufhin ebenfalls mehrere Analysen durchführte und zwei Jahre später, 1782, im Frankfurter Medizinischen Wochenblatt veröffentlichte. Das nun einsetzende zunehmende Interesse der medizinischen Fachwelt an der Heilkraft des Wassers bewirkte, dass die Fassung der Quelle und eine weitere Analyse durch Amburger veranlasst wurde.

Einen nicht unerheblichen Anteil an dem Erfolg des Brunnens, der nicht nur in Fachkreisen einen ausgezeichneten Ruf besaß, hatte der bekannte Gießener Chemiker Justus von Liebig. Im Jahr 1842 brachte er eine kleine Schrift mit dem Titel "Die Mineralquelle zu Geilnau in der Herrschaft Schaumburg" heraus, worin er eine detaillierte chemische Analyse des Wassers veröffentlichte. Seitdem stand Liebig im engen Kontakt mit der Brunnenverwaltung und wurde immer wieder als Berater in Anspruch genommen. Für die geplante neue Veröffentlichung einer Schrift über den Brunnen empfahl Liebig am 14. November 1850 den Gießener Professor "der Materia medica" Phöbus als Autor. Er sei als anerkannter Fachmann auf diesem Gebiet bestens geeignet, um "die Aufmerksamkeit der Ärzte diesem Wasser wieder zuzulenken." Die Schrift war Teil einer umfassenden Werbekampagne, die den seit den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts sinkenden Absatzzahlen des Wassers entgegenwirken sollte.

Mit den Quellen von Niederselters und Fachingen ging auch der Brunnen von Geilnau im Jahre 1894 in den Besitz des Dresdener Fabrikanten Friedrich Siemens über. Aber während der Fachinger Brunnen unter dieser Verwaltung einen deutlichen Aufstieg nahm, konnte das Geilnauer Wasser an seinen einstigen Ruf nicht wieder anknüpfen und versank immer mehr in Vergessenheit. Brunnen und Gebäude, die während der NS-Zeit als Wehrertüchtigungslager genutzt wurden, wurden 1962 schließlich an eine Privatperson mit der Verpflichtung verkauft, den Brunnen entsprechend seiner Tradition nutzbar zu erhalten: "Erwerber ist verpflichtet, den Mineralbrunnen in der derzeitigen Gestalt zu belassen und ihn auf seine Kosten zu unterhalten. Zu den Pflichten des Erwerbers gehört es auch, den Bewohnern der Gemeinde Geilnau die Entnahme des sogenannten Haustrunks, wie bisher, zu gestatten, solange die Quelle Mineralwasser schüttet. Das Wasser ist auf Kosten des Erwerbers alljährlich von der Gesundheitsbehörde zu prüfen."

Bis heute fließt am Ufer der Lahn der Sauerbrunnen, der vor 150 Jahren eine vergleichbare Bedeutung gehabt hatte wie der Fachinger Mineralbrunnen. Immer noch wird er von den Anwohnern der Region genutzt, die seine Qualität "als heilendes Wasser" zu schätzen wissen. Aber über diesen regionalen Rahmen hinaus ist nur noch wenig bekannt, welche Berühmtheit dieses Wasser seit Ende des 18. Jahrhunderts gehabt hatte. Eine Berühmtheit, die sogar den Chemiker Justus von Liebig dazu veranlasste, die Brunnenverwaltung bei der Vermarktung zu unterstützen.

Quellen

  • LHAKo Bestand 47, Nr. 4286. Analyse des Geilnauer Mineralbrunnens durch Prof. Dr. Justus von Liebig in Gießen und Entwurf einer neuen Brunnenschrift durch Prof. Dr. P. Phoebus in Gießen    
  • LHAKo Bestand 47, Nr. 7849. Verwaltung des Geilnauer Mineralbrunnens durch Georg Heinrich Koch zu Köln, 1833 v- 1846
  • LHAKo Bestand 47, Nr. 7874. Verwaltung des Geilnauer Mineralbrunnens, 1845 - 1849
  • LHAKo Bestand 47, Nr. 15007. Werbeanzeigen für den Geilnauer Mineralbrunnen in deutschen und niederländischen Zeitungen, 1839 - 1851
  • LHAKo Bestand 922 A, Nr. 72. Geilnauer Mineralbrunnen, 1962/63
  • Dr. Amburger: Versuche und Beobachtungen mit dem Sauerwasser bey Geilnau an der Lahn, Offenbach 1795
  • Die Mineralquelle zu Geilnau in der Herrschaft Schaumburg, Giessen 1842

Literatur

  • P. Brommer (Bearb.): Inventar des Archivs der Grafschaft Holzappel und der Herrschaft Schaumburg, Teil 1, Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Bd. 82, hg. v. H.-G. Borck unter Mitarbeit von B. Dorfey, Koblenz 1999    
  • H.-J. Sarholz: Bäder und Mineralbrunnen im Kreisgebiet, in: Der Rhein-Lahn-Kreis. Landschaft, Geschichte, Kultur unserer Heimat, hg. v. der Kreisverwaltung des Rhein-Lahn-Kreises, S. 19 - 42
  • D. Sprenger: Basalt und "Sauerwasser". Aus der Geschichte Geilnaus, in: Die Esterau. Geschichte einer ehemaligen Grafschaft, hg. v. Förderverein "Heimatmuseum Esterau" e.V., Höhr-Grenzhausen 1988, S. 80 f.
  • H. Schäfer: Der Mineralbrunnen zu Geilnau, in: Rhein-Lahn-Kreis. Heimatjahrbuch 1991, S. 154 - 156