Der 14. Oktober 1536. Johann Lutter von Kobern. Die Legende des Augenrollers

Am 14. Oktober 1536 wurde der Adlige Johann Lutter von Kobern wegen Straßenraubs auf dem Plan in Koblenz hingerichtet. Er war am 7. Mai 1536 bei Gillenbeuren festgenommen worden, wo er einem Kaufmann aufgelauert hatte. Obwohl von Kobern keine Vollendung einer Straftat nachgewiesen werden konnte, wurde er zum Tode verurteilt. Der Sage nach soll er vor seiner Hinrichtung den Richtern und dem Henker durch eindeutige Grimassen vermittelt haben, was er von der Koblenzer Rechtsprechung hielt. Ob es sich bei dem Augenroller am heutigen Mittelrheinmuseum tatsächlich um eine Darstellung des Johann Lutter von Kobern handelt, ist allerdings zweifelhaft.

Jedes Kind in Koblenz kennt ihn, jeder Besucher der Stadt an Rhein und Mosel lernt ihn auf seinem ersten Stadtrundgang kennen. Den Männerkopf unterhalb der Turmuhr am ehemaligen Mittelrheinmuseum. Mit Landknechtshelm und Schnurrbart ausgestattet, scheinen seine schelmischen Augen jede Bewegung der Menschen auf dem Florinsmarkt zu verfolgen. Jede halbe und volle Stunde zeigt er seine beeindruckend lange rote Zunge. Zur halben Stunde einmal, zur vollen Stunde so oft, wie die Stunde schlägt. "Der Augenroller oder Mann am Kaufhaus oder Männchen am Kaufhaus gehört zu den originellsten Koblenzer Sehenswürdigkeiten. Er ist im Bewusstsein der Koblenzer Bevölkerung ein Stadtsymbol und wird in älteren Büchern auch ausdrücklich als Wahrzeichen der Stadt bezeichnet." (Denzer) Und um dieses Wahrzeichen der Stadt Koblenz ranken sich nicht wenige Legenden und Geschichten.

Das alte "Kauf- und Danzhaus", das einen Teil des ehemaligen Mittelrhein-Museums beherbergte, wurde im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts erbaut. Es ist das einzige mittelalterliche Gebäude, das über die Stadtmauer hinausragt. Zwischen 1724 und 1726 wurde das Gebäude umfassend ausgebaut und renoviert, das barocke Dachgeschoss, das heute noch das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes prägt, wurde aufgesetzt und der Mittelturm erhöht. Im Rahmen dieser Baumaßnahmen erhielt das Gebäude auch eine neue Uhr und es wurde ebenfalls "dabei eine Figur, eines Menschenkopfes offenen Auges also eingerichtet werden, daß die Augen nach dem Perpendikel also schielen und wenn die Uhr schlägt, der Mund aufgeht." Dieser erste Augenroller versah seinen Dienst bis zum Luftangriff am 6. November 1944. Bei diesem Angriff brannte das Kaufhaus völlig aus und das Uhrwerk wurde vollständig zerstört. Die Figur wurde zwar beschädigt aber nicht zerstört, erst nach dem Krieg wurde sie aus der Ruine entfernt und schließlich gestohlen. Erst im Jahre 1965, als der Wiederaufbau des alten Kaufhauses abgeschlossen werden konnte, nahm auch ein neuer Augenroller, etwas größer und mit einem weniger grimmigen Aussehen, wieder seinen angestammten Platz ein und seine Tätigkeit zur Freude aller Koblenzer wieder auf.

Mit der beliebten Figur am ehemaligen Mittelrheinmuseum sind sehr viele Sagen und Legenden verbunden. Auf die Frage, wen die Figur darstellt, erzählen viele Koblenzer die Geschichte des Raubritters Johann Lutter von Kobern aus Moselweiß. Nachdem ihm in einem langwierigen Verfahren der Prozess gemacht worden war, sei er am 14. Oktober 1536 auf dem Plan in Koblenz hingerichtet worden. Johann Lutter entstammte einer angesehenen Familie, die sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Sein Vater, Eberhard, hatte in Koblenz wichtige Ämter ausgefüllt. "Alles in allem: Eberhard Lutter war auf dem besten Wege, seine Familie in der kleinen Führungsschicht von Koblenz zu verankern, zumal die vier alten Koblenzer Adelsfamilien gerade daran waren, auszusterben. Sein vermutlich einziges Kind Johann Lutter dagegen erscheint in keinem dieser Ämter. Er hatte nur die oberen der vier Waldescher Vogteien und soll auch Waldvogt gewesen sein, war aber nie Ratsherr oder Schöffe oder in einem anderen städtischen Amt in Koblenz, obwohl sonst Ämter in die gleiche Familie zurückkehrten." (Denzer) Der letzte Sproß einer angesehenen Familie war verarmt und verschuldet, scheint also nicht unbedingt den damaligen Anforderungen an seinen Stand entsprochen zu haben auch ohne das er mit dem Gesetz in Konflikt geriet.

Es bleibt die Frage, ob dieser adlige Straßenräuber mit dem Augenroller am ehemaligen Kauf- und Danzhaus identisch ist. Tatsache ist, dass die regionalgeschichtliche Literatur bis Anfang des 20. Jahrhunderts diesen Zusammenhang nicht herstellt. Danach war es allerdings sehr schnell im Bewusstsein der Öffentlichkeit verhaftet, dass es sich bei dem Augenroller um den Straßenräuber Johann Lutter von Kobern handelt. Wahrscheinlicher ist es aber, dass der erste Augenroller aus dem 18. Jahrhundert auf eines der ältesten Koblenzer Schöffensieger zurückgeht. Auf dem Siegel aus dem Jahre 1287 ist eine sechsblättrige Rose abgebildet. In der Mitte dieser Rose findet sich "ein häßlicher Männerkopf mit stacheligem Kopf- und Barthaar, langen Ohren, starken Backenknochen, buchtiger Nase, breitem Mund, aufgeworfenen Lippen, vorgestreckter Zunge."(Richter) Aber auch für diese Theorie gibt es keinen zweifelsfreien Beweis, so dass der Augenroller im Bewusstsein der Bevölkerung wohl weiterhin eng mit der Geschichte des Grimassen schneidenden Straßenräubers verbunden bleiben wird.

Quellen

 

 

Literatur

  • H. Denzer: Der Augenroller am alten Kaufhaus zu Koblenz, in: Landeskundliche Vierteljahrsblätter, Jhg. 20, 1974, Heft 4, S. 123 ff.
  • H. Denzer: Augenroller und Schängelbrunnen. Zwei Wahrzeichen der Stadt Koblenz, Mittelrheinische Hefte, 17, 1990
  • H. Denzer: Das Strafverfahren gegen Johann Lutter von Kobern 1536, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte, 11, Koblenz 1985, S. 121 - 151
  • F. Michel: Die Kunstdenkmäler von Rheinland-Pfalz. Stadt Koblenz. Die profanen Denkmäler und die Vororte, München 1954
  • P. Richter: Die ältesten Siegel des Coblenzer Schöffengerichts, in: REchtspflege im alten Coblenz, 1911, S. 9 ff.
  • Chr. v. Stramberg: Rheinischer Antiquarius, Koblenz 1851, Bd. I,3, S. 761 ff.