Der 13. April 1942. Deportation und Enteignung

Ein Vermerk vom 13. April 1942, der den Verlust der Staatsbürgerschaft, der am 22. März 1942 "ausgewanderten" Juden erklärt, ist der bürokratische Höhepunkt der ersten Deportation von 337 Juden aus Koblenz und Umgebung. Dieser Vermerk machte die Enteignung der betroffenen Juden rechtsgültig. Seit 1941 wurde die geplante vollständige Vernichtung der Juden durch Deportationen vorbereitet, in deren Zusammenhang die Betroffenen auch ihre letzten Vermögenswerte verloren. Nachdem 1941 erste Deportationen aus dem Rhein-Mosel und dem Rhein-Main-Gebiet durchgeführt worden waren, erhielt die Gestapo in Koblenz im März 1942 die Auffoderung, den Abtransport vorzubereiten. In der Folge wurden 337 Menschen, die zwischen der letzten Hoffnung und Verzweiflung schwankten unter unmenschlichen Bedingungen in das Zwischenlager Izbica nach Polen gebracht. Ende 1942 fanden sie in einem Vernichtungslager den Tod.  

Eine von der Koblenzer Gestapo angefertigte Liste der am 22. März 1942 deportierten Juden wurde am 13. April 1942 mit einem Vermerk versehen, der "den letzten bürokratischen Akt" eines Ereignisses ist, das zu den "geistig-moralischen Tiefpunkten der 2000-jährigen Geschichte der Stadt gehört." In diesem Vermerk, mit dem die Gestapo die Deportiertenlisten an das Finanzamt weiterleitete, heißt es: "Es wird hiermit bestätigt, das die unter lfd. Nr. 1 - 337 aufgrund der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25.11. 1941 - RGBl.IS.722 - aufgeführten Juden am 22.3. 1942 ausgewandert sind und somit die deutsche Staatsangehörigkeit verloren haben. gez. Schubert"

Seit dem Machtantritt Hitlers am 30. Januar 1933 sahen sich die Juden einer zunehmenden Entrechtung durch den Staat gegenüber. Anfang der 40er Jahren erreichte dieses System der systematischen Verfolgung und Demütigung einen vorläufigen Höhepunkt. Das "Sonderrecht für Juden" mit seinen über 100 Verboten und Geboten bedeutete für die Betroffenen nicht nur den weitestgehenden Verlust ihrer wirtschaftlichen Grundlagen, sondern auch ihrer Freiheit. Die erzwungene Aufgabe des bisherigen Wohnsitzes und die Verlegung in Sammelunterkünfte, den sogenannten "Judenwohnungen" wurde auch in Koblenz seit Anfang 1942 durchgeführt. Seit dem Beginn des Krieges mit Polen am 1. September 1939 hatten sich auch die Möglichkeiten einer Auswanderung für Juden deutlich verschlechtert. Nach Beginn des Russlandfeldzuges im Jahre 1941 wurde die Deportation in die eroberten Ostgebiete als Möglichkeit für eine "Lösung der Judenfrage" angesehen, so dass auch die Auswanderungsbewegung in dieser Zeit beendet wurde. Die folgenden Überlegungen zu einer vollständigen Vernichtung der Juden im deutschen Herrschaftsbereich gipfelten in der Genehmigung der systematischen Deportation der Juden aus dem Reichsgebiet durch Hitler Ende September 1941. Die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 bedeutete dann die "bürokratische Absicherung des Vernichtungsprogramms".

Franziska Simon aus Dieblich unterschrieb ihre Vermögenserklärung zwei Tage vor ihrer Deportation am 22. März. Sie erhielt die Aufforderung ihre Sachen zu packen und sich am Sonntagmorgen in der Steinstraße in Koblenz einzufinden . "Außerdem haben sie sich selbst ein Schild um den Hals zu hängen, auf dem ihr Name und Geburtstag angegeben sind sowie Kennummer." Insgesamt erhielten 337 jüdische Bürger aus Koblenz und den Nachbarorten die Aufforderung zur "Evakuierung. Ein Ehepaar sah seine Situation aufgrund dieser Nachricht als so aussichtslos an, dass es sich daraufhin das Leben nahm. Über derartige Verzweiflungstaten liegen für das heutige Rheinland-Pfalz zahlreiche Belege vor. Die meisten Betroffenen versuchten sich aber an dem letzten Stück Hoffnung festzuhalten.

Bis zum August des Jahres 1942 trafen noch Lebenszeichen der Verschleppten bei Bekannten und Verwandten ein. Ihr weiteres Schicksal kann nicht genau erklärt werden. Sicher ist aber, dass sie Ende des Jahres in einem Vernichtungslager umgekommen sind. Lediglich Siegfried Simon aus Bassenheim erlebte noch das Ende des Krieges bevor er an seinen schweren gesundheitlichen Schäden starb. Bis 1945 folgten weitere sechs Deportation allein aus Koblenz. Für die Juden begann damit eine Reise in die Hölle waren, für die meisten war es eine Reise ohne Wiederkehr.

Quellen

  • LHAKo Bestand 710, Nr. 9449. Photo. Deportation aus Birkenfeld im Februar 1942
  • LHAKo Bestand 572, Nr. 20642. Rückerstattungssache Sara Franziska Simon
  • LHAKo Bestand 572, Nr. 20662. Sonderheft. Erlasse und Verfügungen betr. Judenabschiebung (Verwaltung und Verwertung des eingezogenen und verfallenen Vermögens)
  • LHAKo Bestand 572, Nr. 20664. Kreis Daun. Umwandlung des Vermögens von Juden
  • LHAKo Bestand 717, Nr. 919. Deportationslisten Koblenz
  • LHAKo Bestand 806, Nr. 1. Bevölkerungsbewegung der Juden 1938 - 1942
  • Dokumentation zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Rheinland-Pfalz und Saarland von 1800 bis 1945   

    • Bd. 6: Die nationalsozialistische Judenverfolgung in Rheinland-Pfalz 1933 bis 1945 (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz 17) Koblenz 1974        
    • Bd. 7: Dokumente des Gedenkens (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz 18), Koblenz 1974

Literatur

  • K. Düwell: Die Rheingebiete in der Judenpolitik des Nationalsozialismus vor 1942. Beitrag zu einer vergleichenden zeitgeschichtlichen Landeskunde, Bonn 1968    
  • E. Ries: Die Deportationen von jüdischen Mitbürgern aus Koblenz und Umgebung, in: Beiträge zur jüdischen Geschichte in Rheinland-Pfalz. Ergebnisse landeskundlicher Forschungen, 3. Jhg., Ausgabe 2/1993, Heft Nr. 5, hg. v. M. Molitor u. H.-E. Berkemann, Bad Kreuznach 1993, S. 32 - 45
  • W. Rummel u. J. Rath: "Dem Reich verfallen" - "den Berechtigten zurückerstatten" Enteignung und Rückerstattung im Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz 1938-1953. (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Bd. 96, hg. v. H.-G. Borck unter Mitarbeit von Beate Dorfey, Koblenz 2001)
  • H.-H. Thill: Lebensbilder jüdischer Koblenzer und ihre Schicksale, Koblenz 1987
  • Verfolgung und Verwaltung. Enteignung und Rückerstattung jüdischen Vermögens im Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz 1938 - 1953. Begleitheft zur Ausstellung. Eine Ausstellung des Landeshauptarchivs in Verbindung mit der Wanderausstellung "Verfolgung und Verwaltung" der Villa ten Hompel Münster und der Oberfinanzdirektion Münster. 23. November 2001 - 18. Januar 2002 im Bundesarchiv, Koblenz, hg. v. der Landesarchverwaltung Rheinland-Pfalz, Koblenz 2001