Der 12. April 1645. Kurfürst Philipp Christoph von Sötern erhält seine Freiheit zurück

Am 12. April 1645 erlangte Kurfürst Philipp Christoph von Sötern nach zehnjähriger Haft in Linz und Wien die Freiheit wieder. Der 1610 zum Bischof von Speyer und 1623 zum Kurfürsten von Trier gewählte von Sötern hatte in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges versucht, eine Herrschaftskonsolidierung in dem ihm anvertrauten Machtbereich durchzusetzen. Mit seiner eigenwilligen und kompromisslosen Politik, mit der er sich dem Vorwurf des "dominatus absolutus", der absoluten Herrschaft entgegen der Reichsverfassung aussetzte, geriet er in die politische Isolation, was zu seiner Gefangennahme und Inhaftierung führte. Die Weiterführung dieser Politik auch nach seiner Freilassung klärte die Machtverhältnisse im Kurfürstentum Trier ganz anders, als es der Landesherr gewollt hatte; in dem vom Kaiser bestätigten Binger Rezess vom 23. August 1650, der als eine Art Staatsgrundgesetz bis zum Ende des alten Reiches galt, wurde die Mitregierung von Domkapitel und Landständen bleibend geregelt.  

"Wenn man unter Tragik den unbeugsamen Kampf gegen übermächtige Gewalten versteht, der aufgrund der Umstände zum unvermeidlichen Untergang führt und gerade deswegen mit einer gewissen Sympathie des Zuschauers rechnen darf, dann war Philipp Christoph von Sötern, von 1610 - 1652 Bischof von Speyer und von 1623 - 1652 Kurfürst und Erzbischof von Trier, im eigentlichen Sinne eine tragische Gestalt - man hat ihn deswegen mit dem Zeitgenossen Wallenstein verglichen. Obwohl er selbst eine ungewöhnliche Persönlichkeit war, versehen mit außerordentlichen Geistesgaben, einem unbeugsamen Willen und einer brennenden Hingabe an seine Kirche und seine Länder, traf er auf eine kaum entwirrbare Verkettung zeitgeschichtlicher Umstände und Koalitionen, in denen er sich und seine Länder wie in einem Netz verfing." (Seibrich)

Philipp Christoph von Sötern wurde am 11. Dezember 1567 in Zweibrücken geboren und lutherisch getauft. Sein Vater war der kurtrierische Amtmann Georg Ludwig von Sötern. Die Mutter Barbara von Püttlingen war Katholikin und für die Erziehung des jungen Philipp Christoph zuständig. Entscheidend für seinen beeindruckenden Werdegang wurde der gleichnamige Pate und Onkel. Philipp Christoph von Sötern der Ältere war Domkapitular in Trier, Domdekan in Worms, Domkantor in Speyer und Archivdiakon von St. Mauritius in Tholey. Seinem Einfluss war es zu verdanken, dass der 16-Jährige in das Trierer Domkapitel eintreten konnte und schließlich eine Pfründe als Kanoniker am Stift St. Peter und Paul in Bruchsal erhielt. Der Onkel sorgte auch für die umfassende Ausbildung des jungen Mannes, die vor allem von den Trierer Jesuiten und von der Jesuitenuniversität in Pont-a-Mousson geprägt wurde. Als Abschluss erreichte von Sötern den Doktor beider Rechte, so dass er im Jahre 1588 sein Kanonikat antreten konnte.

Belehnung v. Söterns, 1610
(LHAKo Bestand 1B Nr. 859)

Die nächsten Jahre verbrachte von Sötern mit den üblichen Bildungsreisen durch Frankreich und Italien und weiteren Studien in Bologna, Padua und Siena, wo er seine umfassenden juristischen und sprachlichen Kenntnisse vervollständigte. Seine "überragenden Fähigkeiten blieben nicht verborgen und er stieg auf der geistlichen Karriereleiter unaufhaltsam immer höher. Im Jahre 1600 erhielt er das Archdiakonat St. Peter in Trier und 1604 wählte ihn das Kapitel zum Dompropst. Die vielseitigen Talente und das diplomatische Geschick machten sich die Erzbischöfe und Kurfürsten von Trier und Mainz zunutze, für die Philipp Christoph von Sötern sowohl in geistlichen Angelegenheiten als auch in Reichssachen tätig war." (Lauer) Zielstrebig steuerte er den vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere an. Am 30. Mai 1609 wählte ihn das Domkapitel von Speyer zum Koadjutor des Bischofs Eberhard von Dienheim, was vom Papst im Dezember des gleichen Jahres bestätigt wurde. Ein Jahr später konnte er nach dem Tod Eberhards von Dienheim den Stuhl des Erzbistums Speyer besteigen. In dieser Position empfahl er sich durch den konsequenten Abbau der enormen Schuldenlast des Erzbistums, was er durch eine sehr rigide Steuerpolitik erreichte. Mit seiner Politik der Konsolidierung und des landespolitischen und kirchlichen Machtausbaus war er ausgesprochen erfolgreich.

Am 25. September 1623 erfolgte schließlich die Wahl zum Erzbischof und Kurfürsten von Trier, die päpstliche Bestätigung erreichte von Sötern am 25. November des gleichen Jahres. In Trier stieß er mit seiner Steuerpolitik, zahlreichen umstrittenen politischen Maßnahmen und sehr eigenmächtigen Entscheidungen immer wieder auf die Kritik der Stände, die sich schließlich mit dem Vorwurf, er würde eine "dominatus absolutus" entgegen der Reichsverfassung errichten, durch die Anrufung des Reichshofrates, des zweiten obersten Reichsgerichtes, zu wehren versuchten. Der Kurfürst wollte den Widerstand, der sich besonders in den beiden Städten Trier und Koblenz immer heftiger regte, mit Gewalt unterbinden und zog Truppen der Liga heran. Als Reaktion darauf wandte sich Trier im Dezember 1627 unter Berufung auf einen Schutzvertrag von 1302 mit Heinrich VII. von Luxemburg an König Philipp IV. von Spanien.

Die der Reichsverfassung entgegenstehenden Eigenmächtigkeiten, die sich gegen die Landstände und das Domkapitel richteten, sowie seine Hinwendung zu Frankreich führten nach der Eroberung Triers durch die Spanier am 26. März 1635 zu der Gefangennahme des Kurfürsten. Diese Gefangenschaft, die zehn Jahre dauern sollte, löste auf dem politischen Parkett Europas eine nicht unerhebliche Unruhe aus. Frankreich nahm die Gefangennahme zum Anlass, Spanien den Krieg zu erklären. Es folgten jahrelange Auseinandersetzungen, Verhandlungen und Diskussionen über das weitere Schicksal von Söterns, der in Linz und später in Wien inhaftiert war. "Letztlich war es dann weniger die Nachgiebigkeit oder die Vernunft einer Partei, sondern die Notwendigkeit eines Friedenssignals an das inzwischen im Westen dominierende Frankreich und die Notwendigkeit der Teilnahme am Frankfurter Deputationstag und an den sich abzeichnenden Friedensverhandlungen, die zum Vergleich des 12. April 1645 führten, kraft dessen der Kurfürst aus der Gefangenschaft entlassen wurde." (Seibrich)

Ein alter gichtgebeugter Mann wurde in die Freiheit entlassen, der seine eigenwillige Politik aber unbeirrt weiter fortsetzte. Gegen die vertraglichen Vereinbarungen suchte er erneut den Kontakt zu Frankreich, was im November 1645 zur Besetzung Triers durch französische Truppen führte. Nachdem die Stände und das Domkapitel im Juni 1649 die Stadt Trier zurückerobert hatten, musste von Sötern den Anführer seiner Gegner, Karl Kasper von der Leyen, als Koadjutor akzeptieren. Eine 1649/50 tagende Reichskommission legte aufgrund dieser erneuten Auseinandersetzungen die Kompetenzen des Domkapitels und die Rechte der Landstände fest. Der sogenannte "Binger Rezeß" vom 23. August 1650 war dementsprechend grundlegend für die weitere verfassungspolitische Entwicklung des Kurstaates. In den letzten Jahre seines Lebens war der politische Handlungsspielraum des Kurfürsten stark eingeschränkt, zumal seine gesundheitlichen Probleme immer mehr den Tagesablauf prägten. Am 7. Februar 1652 starb Philipp Christoph von Sötern in Koblenz- Er hatte versucht, in den ihm anvertrauten Erzstiften eine absolutistische Herrschaftskonsolidierung zu erreichen, und war an der kompromisslosen Betonung der eigenen Kompetenz und den Wirren des Dreißigjährigen Krieges gescheitert.

Quellen

Literatur

  • Binger Rezess vom 23. August 1650, in: Historia Trevirensis Diplomatica et Pragmatica, Tom. III., 1750, S. 663 - 669
  • K. Abmeier: Der Trierer Kurfürst Philipp Christoph von Sötern und der Westfälische Friede, Bd. 15 der Schriftenreihe der Vereinigung zur Erforschung der neueren Geschichte, Münster 1986
  • J. Baur: Philipp von Sötern, geistlicher Kurfürst von Trier und seine Politik während des Dreißigjährigen Krieges, 2. Bde, Speyer 1897 und 1914
  • D. Lauer: Als der Kurfürst begraben werden sollte ... Philipp Christoph von Sötern starb vor 350 Jahren, in: Jahrbuch Kreis Trier Saarburg 2003, hg. von der Kreisverwaltung TRier Saarburg, S. 124 - 127
  • W. Seibrich: Philipp Christoph von Sötern, in: Saarländische Lebensbilder, Bd. 4, hg. v. Peter Neumann, Saarbrücken 1989, S. 11 - 38    
  • H. Sturmberger: Zur Geschichte des Kurfürsten Philipp Christoph von Soetern. Seine Internierung auf der Burg zu Linz an der Donau, in: Trierisches Jahrbuch 1956, Trier 1956, S. 5 - 22