Der 11. Januar 1950. Der erste offizielle Besuch des Bundespräsidenten Theodor Heuss in Rheinland-Pfalz

Am 11. Januar 1950 traf der Präsident der Bundesrepublik Deutschland, der sechs Monate zuvor von der Bundesversammlung gewählt worden war, zu einem Staatsbesuch in Rheinland-Pfalz ein. Theodor Heuss, der während des störungsfreien und harmonischen Verlaufs des Besuchsprogramms in Koblenz immer wieder die besondere Bedeutung der Stadt in Vergangenheit und Gegenwart betonte, wurde von den Bürgerinnen und Bürgern Zustimmung und Begeisterung entgegengebracht. Der erste Besuch des Bundespräsidenten war damit einer der letzten Höhepunkte in der Geschichte der Stadt Koblenz als Sitz der Landesregierung von Rheinland-Pfalz.

Der 11. Januar 1950 war ein denkwürdiger Tag in der Geschichte des jungen Bundeslandes Rheinland-Pfalz und in der Geschichte der Stadt Koblenz. Theodor Heuss, der am 12. September 1949 von der Bundesversammlung gewählte erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, traf zu einem offiziellen Besuch in der in der Stadt an Rhein und Mosel ein. Die Kinder hatten aus diesem besonderen Anlass schulfrei und mussten in ihrer Begeisterung nicht erst zum Fähnchenschwenken und Jubeln verpflichtet werden. Und auch die städtischen Behörden waren nur bis 11:00 Uhr für den Besucherverkehr geöffnet, so dass sich die ganze Stadt der Begrüßung des hohen Gastes widmen konnte.

Eine geplante Protestkundgebung der rheinland-pfälzischen Verkehrsgewerbebetriebe konnte im letzten Augenblick durch die Vermittlung des Ministerpräsidenten Peter Altmeier verhindert werden. Es war beabsichtigt gewesen, den Besuch des Bundespräsidenten für eine Demonstration gegen die steigenden Benzinpreise zu nutzen. Etwa 3.000 Fahrzeuge der umliegenden Kreise und hunderte Autos aus Frankfurt und Mainz waren organisiert worden, um die Zufahrtswege von Koblenz zu blockieren. Darüber hinaus sollten die Fahrzeuge auf den beiden Straßen entlang des Rheins dazu veranlasst werden, sich an dem Protest zu beteiligen. Durch die Einigung zwischen Ministerpräsident Altmeier und dem Verband "Verkehrsgewerbe Rheinland-Pfalz" konnte diese Protestaktion, die nach Aussage der Rhein-Zeitung "... eine der größten Demonstrationen der Nachkriegszeit in Deutschland" gewesen wäre, verhindert werden. Der Verband erklärte sich bereit, die Forderungen der Verkehrsbetriebe schriftlich zu formulieren, so dass sie dem Bundespräsidenten übergeben werden konnten. Einem störungsfreien Besuch des FDP-Politikers stand aufgrund dieser Einigung nichts mehr im Wege.

Begeistert wurde der Bundespräsident, der zu Fuß vom Landtagsgebäude zum Rathaus ging, von einer großen Menschenmenge umjubelt. Im Rathaus wurde Theodor Heuss vom Oberbürgermeister der Stadt, Josef Schnorbach, begrüßt, bevor er vom Balkon des Gebäudes zu den Koblenzer Bürgerinnen und Bürgern sprach: "Vor 80 bis 90 Jahren lebten hier Metternich und Görres. ... Zwei große Gegenspieler stammen aus derselben Stadt: der konservative Metternich und der kämpferische Görres. Einige Jahre später stand im nahen Trier Karl Marx auf. ... Was sagen uns heute Metternich, Görres und Marx, wo wir zwischen Trümmern stehen? Wir haben die harte Aufgabe, den Trümmern der Wirklichkeit zu begegnen. Was ist die Wirklichkeit? Daß ein geschlagenes Volk sich als Nation wiederfinden muß, daß die unzerstörten Kräfte des Christentums in der verzeihenden und mittragenden Liebe sich bewähren. Klingen meine Worte zu professoral? Heißt die Wirklichkeit nicht: enge oder gar keine Wohnung, Vermißte, abgelehnte Zuzugsgenehmigung? ... Aber: Das deutsche Volk hat wieder festen Boden unter seine Füße gezwungen. Er ist hart und steinig. Jeder muß helfen. Die Demokratie ruft jeden. Ob Präsident oder Bürger: Wir stehen in der gleichen Aufgabe. Demokratie ist nie fertig und nie bequem. Sie fordert unseren vollen Einsatz um unserer Kinder und unserer Enkel willen. Gebe Gott, daß wir gemeinsam unserer Pflicht genügen, damit wir einmal vor der Geschichte bestehen als ein freies, selbstbewußtes, nicht übermütiges, aber stolzes Volk zwischen den anderen."

Im Anschluss an den Empfang im Koblenzer Rathaus gab die Landesregierung am frühen Nachmittag im Berghotel "Rittersturz" ein Essen, an dem ein kleiner Kreis von geladenen Gästen teilnahm. Zur Beendigung seines Besuches besichtigte der Bundespräsident die im Bau befindliche Moselstaustufe. Sein Versprechen an die Koblenzer Bürgerinnen und Bürger, die Stadt im Laufe seiner Amtszeit noch öfter zu besuchen, hielt der liberale Politiker. Im Mai 1953 konnten die Koblenzer den Bundespräsidenten noch einmal empfangen. Am 18. Mai, dem Verfassungstag des Landes, erklärte er in einem Festakt das Deutsche Eck zum "Mahnmal der Deutschen Einheit".

Quellen

Literatur

  •  K. D. Bracher: Theodor Heuss und die Wiederbegründung der Demokratie in Deutschland, 1965  
  • Geschichte der Stadt Koblenz. Bd. 2. Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart. Gesamtredaktion: I. Batori in Verbindung mit D. Kerber und H. J. Schmidt, hg. v.d. Energieversorgung Mittelrhein GmbH, Koblenz, Stuttgart 1993, S. 205 f.
  • Theodor Heuss. Zur Erinnerung an das politische Wirken von Theodor Heuss. Feierstunde anläßlich seines hundertsten Geburtstages am 31. Januar 1984 im Deutschen Bundestag, hg. vom Deutschen Bundestag. Presse- und Informationszentrum, Bonn 1984
  • E. Pikart: Theodor Heuss und Konrad Adenauer. Die Rolle des Bundespräsidenten in der Kanzlerdemokratie, Stuttgart 1976