Der 9. November 1799. Joseph Görres Entsendung nach Paris und der Staatsstreich vom 18. Brumaire

Als Vertreter der Koblenzer "Patrioten" wurde Joseph Görres im November 1799 nach Paris geschickt, um auf eine baldige Vereinigung der linksrheinischen Gebiete mit dem französischen Staat hinzuwirken. Aufgrund des Staatsstreichs vom 9./10. November fand Görres in Paris eine völlig veränderte politische Lage vor, die ihn davon überzeugte, dass die Revolution gescheitert sei. Er brach seine erfolglose Mission vorzeitig ab und kehrte nach Koblenz zurück, wo er eine Stelle als Lehrer antrat und seine politische Arbeit für mehrere Jahre aufgab.

Innerhalb der radikalrepublikanischen Bewegung in den unter der französischen Herrschaft stehenden vier rheinischen Departements wurde bereits seit Anfang des Jahres 1799 über die Entsendung einer Deputation nach Paris diskutiert. Ziel dieser Delegation der sogenannten "Patrioten" sollte es sein, auf eine endgültige staatsrechtliche Vereinigung der Gebiete des linken Rheinufers mit Frankreich hinzuwirken.

Johann Joseph Görres, der sich seit Frühjahr 1797 mit zahlreichen Veröffentlichungen für eine Angliederung der linksrheinischen Gebiete an die französische Republik eingesetzt und in seiner Monatsschrift Rübezahl mehrfach für die Entsendung einer Deputation plädiert hatte, sollte die Interessen der Koblenzer Patrioten in Paris vertreten. Bevor die Überlegungen und Vorbereitungen für die Entsendung der Deputation allerdings umgesetzt werden konnten, führten die heftige Kritik der Republikaner an der Departementverwaltung und ihre Auseinandersetzungen mit dem französischen Militär im Oktober zur Verhaftung der führenden Vertreter und der Verhängung des Belagerungszustandes über das gesamte Departement. Erst durch das Einschreiten des Regierungskommissars Lakanal wurden der Belagerungszustand am 2. November aufgehoben und die Gefangenen auf freien Fuß gesetzt

Am 21. November trafen sie in Paris ein, wo die rheinischen Patrioten angesichts der veränderten politischen Situation mit großem Misstrauen behandelt, als "Jakobiner" verdächtigt und von den Polizeibehörden beobachtet wurden. Für Joseph Görres bedeutete dieser Aufenthalt in Paris eine tiefe Enttäuschung. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Revolution gescheitert sei und die Hoffnungen, die auf diese Bewegung gesetzt worden waren, nicht in Erfüllung gehen würden. "Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts erhob sich das Frankenvolk in die Region einer höheren Bestimmung, es that großes, leistete was es vermogte, aber gewaltsam herabgerißen von Zeit und seiner inneren Natur, erreichte es nicht das Ziel, dem es entgegenstrebte."

Görres schilderte die vorgefundene Situation in einem Schreiben an den Ausschuss der Koblenzer Patrioten und bat um seine Abberufung. Man kam seiner Bitte nicht nach und drängte den Deputierten vielmehr, wie geplant, eine Adresse, die die Missstände der französischen Verwaltung am Rhein anprangerte und die Reunion forderte, zu übergeben. Trotzdem verließ der Koblenzer Publizist Paris bereits im Februar des Jahres 1800, bevor Eickemeyer im März die Gelegenheit erhielt, die Adresse dem Ersten Konsul in einer Audienz zu überreichen. Die Adresse wurde zu den Akten gelegt, die Patrioten erhielten keine Antwort. Die Entscheidung über eine Reunion des linken Rheinufers blieb auch weiterhin vertagt.

Nachdem Görres im Frühjahr 1800 einen Rechenschaftsbericht über seine erfolglose Mission mit dem Titel; "Resultate meiner Sendung nach Paris im Brumaire des achten Jahres" vorgelegt hatte, zog er sich völlig aus der Politik zurück und nahm eine Stellung als Lehrer für Naturwissenschaften an der Scondairschule in Koblenz an. Erst als sich das Ende der napoleonischen Herrschaft am Rhein abzeichnete, trat Görres wieder in die Öffentlichkeit. Im Januar 1814 gründete er den "Rheinischen Merkur", der sehr schnell politischen Einfluss gewann. Nachdem das Blatt, das Napoleon als "fünfte Großmacht" bezeichnet hatte, 1816 von der preußischen Regierung verboten worden war, machte Görres seinen Einfluss auch auf die Verfassungsdiskussion in Preußen geltend. Bereits dieser Schritt löste den Unmut des preußischen Königs aus, so dass im Jahre 1819 die Kritik des Publizisten an dem preußischen Staat schließlich mit einem Haftbefehl beantwortet wurde, dem sich Görres durch Flucht entzog. Er sollte nie wieder in seine Heimatstadt zurückkehren.

Quellen

  • LHA Koblenz, Bestand 1 C, Nr. 9391. Nachrichten über das Schicksal von Ehrenbreitstein und der Umgebung bis Neuwied (1799 - 1802) 
  • LHA Koblenz, Bestand 241 ff, Nr. 785. Acta betr. die Organisation des Rhein- und Mosel Departements bis November 1799 
  • LHA Koblenz, Bestand 710, Nr. 9411. Photo einer Büste von Napoleon Bonaparte
  • J. Görres: Resultate meiner Sendung nach Paris im Brumaire des achten Jahres, Koblenz im Floreal des Jahres VIII. 
  • J. Görres: Politische Schriften der Frühzeit (1795 - 1800). Gesammelte Schriften, Bd. 1, herausgegeben im Auftrag der Görres Gesellschaft v. W. Schellberg, Köln 1928    
  • Quellen zur Geschichte des Rheinlandes im Zeitalter der Französischen Revolution 1780-1801. Gesammelt und herausgegeben von J. Hansen, 4. Band, 1797-1801. Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde, Quellen zur Geschichte des Rheinlandes im Zeitalter der Französischen Revolution 1780-1801, Bd. XLII, Bonn 1938

Literatur

  • "...ein freies Volk zu sein !" Die Revolution von 1848/49. Begleitpublikation zur Ausstellung des Bundesarchivs in Zusammenarbeit mit dem Landeshauptarchiv und dem Stadtarchiv Koblenz, herausgegeben von H.-G. Borck, A. Grosche, D. Kerber u. M. Koelges (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Bd. 77), Koblenz 1998   
  • K. d\'Ester: Der junge Görres und die französische Zensur, in: Westdeutsche Zeitschriften für Geschichte und Kunst, Jhg. 30, 1911, S. 109 ff. 
  • Görres und Koblenz. Ein Katalog zur Ausstellung, die die Stadtbibliothek Koblenz aus Anlass des 200. Geburtstages von Görres am 25.01. 1976 veranstaltete. Bearbeitet von E. Langner u. H.- J. Schmidt. Mit zwei Beiträgen von H.-J. Schmidt und einem Beitrag von Udo Liessem, Koblenz 1976 
  • J. Müller: Die französische Herrschaft, in; Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2. Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart. Herausgegeben von der Energieversorgung Mittelrhein, GmbH. Gesamtredaktion I. Batori in Verbindung mit D. Kerber und H.-J. Schmidt, Stuttgart 1993, S. 19 - 48
  • H. Raab: Joseph Görres. Ein Leben für Freiheit und Recht. Paderborn, München, Wien, Zürich 1978 
  • H. Raab: Joseph Görres, in; Rheinische Lebensbilder, Bd. 8. Herausgegeben im Auftrag der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde v. B. Poll, Köln 1980, S. 183 - 204