Der 6. April 1901. Osterfest und Osterbräuche

Allgemeiner Anzeiger für den Kreis Meisenheim, 6. April 1901

Am 6. April 1901 stand das herannahende Osterfest im Mittelpunkt der Berichterstattung der Tageszeitungen. Der erste Winter des 20. Jahrhunderts war ungewöhnlich hart gewesen, so dass sein absehbares Ende und der Beginn der wärmeren Jahreszeit mit Begeisterung begrüßt wurden. Bedenkt man, dass das tägliche Leben vor 100 Jahren wesentlich schwerer zu bewältigen und die Zeit der Muße und Entspannung sehr knapp bemessen war, wird die große Vielfalt der Bräuche und Traditionen verständlich, mit denen das Osterfest in den unterschiedlichen Regionen des Landes gefeiert wurde. Ob es die Kunst des Eierfärbens, das "Eierkippen" oder die "Eierlage" in Schönecken, die "Eierspende" in Rhens, die Osterfeuer oder die ungezählten anderen Bräuche sind, die bereits vor 100 Jahren gepflegt wurden, diese Vielfalt konnte bis heute weitgehend erhalten werden.  

"Nach langem, schweren Winter, nach immer wieder sich erneuerndem Schneesturm und grimmiger Kälte, nach all\' den in unserer "schlechten Zeit" doppelt fühlbaren Prüfungen, wie sie uns des Winters eisige Gewalt auferlegt, ist uns endlich wieder das heilige Osterfest genaht und mit ihm hoffentlich auch der ersehnte Frühling." Wie dieses Zitat vom 6. April 1901 zeigt, ist das Osterfest, das neben Weihnachten und Pfingsten zu den wichtigsten Feiern des Kirchenjahres gehört, allein aufgrund der Tatsache, dass es den Beginn des Frühlings markiert, ein ganz besonderes Freudenfest. Die Erleichterung über das absehbare Ende des sehr harten Winters war so groß, dass sogar den ersten Veilchen ein eigener Zeitungsartikel gewidmet wurde. "Tief im Verborgenen, wie es ihre Weise, sind die süßen Frühlingsboten erblüht, und manche Hand sucht die blauen Aeuglein, die so bescheiden unter Hecken und Sträuchern in die Welt blicken. Welch tiefe Sehnsucht rufen doch die ersten Veilchen in unseren Herzen wach und wie sprechen sie laut von jenen Zeiten, wo wir sie selbst im Frühling unseres Lebens gesucht und gepflückt. - Der Frühling kommt mit Luft und Singen, das holde Veilchen führt ihn ein."

Auch in Rhens am Mittelrhein wurde Anfang des 20. Jahrhunderts immer noch ein sehr alter Osterbrauch gepflegt. Die Eierspende, die am Ostermontag für die einheimischen Kinder bereitsteht, hat ihren Ursprung in dem tragischen Schicksal der Agnes von Flören. Die junge Dame verlobte sich am Ostermontag des Jahres 1631 mit dem Reiterhauptmann Hans Hoegg aus Rhens. Als Abschluss der Feierlichkeiten beschenkte das glückliche Paar die Rhenser Kinder mit gefärbten Eiern und Osterkuchen. Die junge Braut versprach, die Kinder als Ehefrau im nächsten Jahr wieder beschenken zu wollen. Hans Hoegg fiel allerdings im September des gleichen Jahres bei Leipzig im Kampf gegen die Schweden. Zur Hochzeit war es nicht gekommen und Agnes von Flören wählte den Weg ins Kloster Oberwerth. Sie hielt allerdings ihr Versprechen. Als Nonne kam sie Ostern 1632 noch einmal nach Rhens und beschenkte die Kinder. Mit einer großzügigen Stiftung an das Rhenser Hospital stellte sie sicher, das dieses Ostergeschenk in Form von 1.100 rotgefärbten Eiern und "Wecken" auch nach ihrem Tod Jahr für Jahr verteilt werden konnte. Während die Eierspende im Jahre 1901 noch zu einer unantastbaren Tradition gehörte, wurde sie vor allem während der beiden Kriege und der Inflationszeiten immer wieder eingestellt. Trotzdem wird dieser Brauch bis heute gepflegt und die Kinder der kleinen Stadt können sich nach wie vor auf ihre Eier und Wecken freuen.

Ob es sich um das Eierfärben und Verstecken, um das Backen der Osterlämmer, um die Osterfeuer oder die ungezählten anderen Bräuche handelt, die zur Osterzeit in den verschiedenen Regionen des heutigen Bundeslandes Rheinland-Pfalz bereits vor 100 Jahren als "ehrwürdige" Tradition gepflegt wurden, diese Vielfältigkeit konnte bis heute, wenn auch teilweise in Variationen oder mit Unterbrechungen bewahrt werden.

Quellen

Literatur

  • o. A. Erich, R. Bietl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde, München 1998    
  • L. Kaufmann: Bilder aus dem Rheinland. Cultugeschichtliche Skizzen, Köln 1884
  • W. Leson: So lebten sie in der Eifel. Texte und Bilder von Zeitgenossen, Köln 1998
  • A. Wrede: Eifeler Volkskunde, Bonn 1960
  • A. Wrede: Rheinischer Volksbrach im Kreislauf des Jahres. Rheinisches Volkstum, Bd. 4, Düsseldorf 1934
  • A. Wrede: Rheinische Volkskunde, Leipzig 1919